Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1904)
- Date
- 1904-03-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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447 die „oberen Schichten" ganz besonders stolz darauf. Und trotz des i;on den russischen Behörden geschürten Antisemitismus sind die Juden patriotische Polen, sprechen polnisch, lehren es ihre Kinder und geben bedeutende Geldsummen aus, damit auch die ärmere, den Jargon sprechende jüdische Bevölkerung die polnische Sprache erlerne. Die Aufrichtigkeit dieses Patriotismus ist daraus zu erkennen, daß die Juden keinerlei Vorthei! davon haben, während sie allerhand Vortheile gewinnen könnten, wollten sie russische Patrioten werden .. . „Herr v. Plehwe irrt in der Annahme, daß der Zionismus ein unschädliches Substitut für den Sozialismus sein kann. Beides sind Auswüchse tiefeingewurzelter politischer Unzufriedenheit und werden sich für das Land verderblich erweisen, in dem sie existiren." Ueber den letzten Punkt habe ich mit Herrn von Plehwe ernst und rückhaltlos gesprochen, obgleich ich zur Zeit noch nicht viel Positives über den Stand der revolutionären Bewegung unter den russischen und polnischen Juden wußte. Die mir von Herrn von Tatistschew, einem der vertrautesten Mitarbeiter des Ministers, gegebene Auskunft, daß 40 Perzent der jüdischen Jugend zu den Revolutionären gehörten, kann nicht zutreffen. Die Majorität der Juden sind die fanatischen Chaffidim und Misnagdim, zu deren Glaubensartikeln die Ueberzeugung gehört, daß die Unbilden der Gefangenschaft nur durch die direkte Intervention der Vorsehung aufhörcn werden; eine große Anzahl anderer Juden leben in so tiefem Elend, daß sie nicht einmal politischer Agitation fähig sind. Die organisirte Bewegung unter der gebildeten Jugend und der Arbeiterbevölkerung der großen Städte ist allerdings sehr bedeutend, aber die Anhäufung unorganisirten Mißvergnügens ist ungeheuer groß. Als Herr von Plehwe mir diese Zustände als Ursache für sein strenges Vorgehen angab, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß erfahrungsgemäß Unterdrückung niemals die Unzufriedenheit des Volkes geheilt hat. Gerade in Bezug auf die Juden hat die Erfahrung Westeuropas gelehrt, daß derselbe Jude, der unter bedrückenden Gesetzen ein Revolutionär gewesen, unter der Gleichberechtigung ein gemäßigter Konservativer wird. Lord Beaconsfield war im Jahre 1862, wo die starke Betheiligung der Juden an den Aufständen von 1848 noch in frischer Erinnerung war, kühn genug, auf diese Erfahrung hinzuweisen, und die Entwicklung der englischen inneren Politik hat die Wahrheit seiner Behauptung bewiesen. Ich führte weiter aus, daß der Jude nach seiner natürlichen Anlage und nach seinen Gewohnheiten Individualist ist; wenn er in Rußland Sozialist wird, so geschieht es. weil das für ihn das einzige Mittel ist, seiner politischen Unzufriedenheit angemessenen Ausdruck zu geben. Rach meiner Meinung treiben die russischen Staatsmänner ein gefährliches Spiel, wenn sie die jü- / dische Intelligenz in das Lager des Nihilismus treiben. Da unter den Russen selbst schon so viel Unzufriedenheit besteht, würde nach meiner Meinung die russische Regierung in ihrem eigenen Interesse handeln, wenn sie den angeborenen konservativen Sinn der Juden kultivirte und aus ihnen ein Element der Stetigkeit im Reiche machen würde. Das einzig wirksame Mittel gegen die Revolution besteht meiner Meinung nach darin, daß man ihr ihre Rechtfertigung nimmt. — Herr v. Plehwe hörte alle diese Reden aufmerksam und geduldig an und verabschiedete sich von mir auf daS frenndlichste. Das offizielle Organ des zionistischen Aktionskomitees schreibt aus Anlaß dieser Publikation: „Beim Lesen dieses Berichtes fragt man sich unwillkürlich. was mehr zu bewundern sei, die staatSmännische Weisheit des Herrn Wolf,-der einem russischen Minister räth, an der gefährdetsten Grenze deS Reiches die bedrucktesten Unterthanen statt der Militärkolonisten anzusiedeln, oder der Muth des Leidens, den Herr Wolf mit diesem Vorschläge — für die russischen Juden an den Tag legt. Es wäre sehr erfreulich, wenn Mr. Wolf selbst sich in Südsibirien ansiedelte und auf. seine Berechnung die Probe machte. Leider bekommt er aber nur einen Paß bis Petersburg, und auch den nur durch Verwendung einflußreicher Freunde. Er wird also der englischen Judenheit erhalten bleiben. Der Mann, der diese Vorschläge vorzubringen wagte, ist derselbe Mr. Wolf, der unsere Bewegung so oft in unfairer Weise angegriffen hat. Mit seinen Ansiedlungsplänen mag er vielleicht den Leuten in London imponiren. Wir, die wir Mr. Wolf und die Verhältnisse kennen, brauchen unseren Freunden wohl ntdjt erst zu sagen, was wir von beiden halten." Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Memel, 3. März. (Purim-Feier.) Am Dienstag Abend veranstaltete der neugegründete Verein „Tifereth-Bachurim" hier in den Räumen des Schulhauses der Synagogen-Gemeinde für seine Mitglieder eine Purim-Feier, wie eine solche in Memel wohl zum ersten Male stattgefunden hat. Es war ein herzerhebender Anblick, die in dem strahlend erleuchteten Saale versammelte Schaar junger Leute und Festtheilnehmer um die langen, köstlich gedeckten Tische in gemllthlicher Stimmung und würdevoller Eintracht beieinander sitzen zu sehen, und zwar nach altjüdischer Sitte, mit Kopfbedeckung. Eingeleitet wurde das Fest durch eine Ansprache des Herrn Dentist L. Jacobsohn, der den Vorsitz führte, und dann Herrn Rabbiner Dr.