Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1904)
- Date
- 1904-03-10
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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448 Carle bach, als Ehrenvorsitzenden, das Wort erjhcilrk. Dieser hieß die zahlreich Erschienenen gleichfalls herzlichst willkommen und sprach seine Wünsche für das fernere Gedeihen des Vereins aus. Darauf trug der musikalische Festordner Herr Naphtal Ra - g o l s k y das sog. „Purim-Kiddusch" in parodifiischen hebräischen Versreimen vor und trank das erste Glas, worauf die Tafelmusik die Melodie des Purimgesanges „Schoschanas Jaakob" von Weintraub anstimmte. Zwei Vereinsmitglieder, die Herren Jos. Schugall und Isidor 'Beermann sangen dann dieselbe Melodie mit hebräischem Texte, gleichfalls mit Musikbegleitung, was endlosen Beifall fand. Mit dem Zeichen zum Händewaschen schritt man zur Festmahlzeit. Nach dem ersten Gang erhob sich Herr Rechtsanwalt Jakobsohn und hielt-eine humoristisch-gewürzte juristische Ansprache, die überaus beifällig ausgenommen wurde. Darauf meldete sich Herr Religionslehrer Emil Benjamin als Gast zum Wort, um dem jungen Verein seine Glückwünsche darzubringen, und auf Grund' voraufgegangener persönlicher Wahrnehmung seine volle Anerkennung auszusprechen über den echtjüdischen Geist, der in den Zusammenkünften der Vereinsmitglieder herrscht, daß der Verein, wohlverstanden, gleichsam als eine „Forderung der Zeit" zu betrachten und nur aulzubeißen sei. Herr Dr. C a r l e b a ch dankte dem Redner für die dem Vereine gewordene Würdigung und Anerkennung und dankte dem Redner zugleich für die Freundlichkeit, mit welcher derselbe die Aufführung des herrlichen „Purimgesanges" ermöglichte und so zur Verschönerung des Festes mit beigetragen hat. Wirkungsvoll war auch das hebräische Tafellied: „Smach bochur b'jaldusecho", das wiederholt von der Tafelrunde unter Musikbegleitung gesungen wurde. Lieder, Gelängt. Toaste wechselten in angenehmer Folge ab. Jntereffant waren die Lieder in jüdisch-deutscher Mundart. die von Herrn Joseph Schugall sehr ausdrucksvoll vorgetragen wurden. Ebenso erfreure-i die Herren Isidor Beer mann und Jakob Cassel die Tischgesellschaft durch den Vortrag verschiedener deutschen Lieder. Herr Emil Benjamin trug noch unter Musikbegleitung das „Ahaborabboh" von Joel David vor. Mit dem Vortrage des Tischgebetes wurde Herr Rabbiner Dr. C a r l e b a ch beehrt. Zum Schlüsse dankte derselbe nochmals allen denen, die zur Verwirklichung und Verschönerung dieser Feier beigetragen haben, so besonders den Herren Vorstehern und Vertretern der Gemeinde, die so gütig waren, die Räumlichkeiten zur Abhaltung dieser Festlichkeit zur Verfügung zu stellen. Zuletzt gab der Herr Rabbiner zum Abschiede noch eine sehr sinnreiche Erklärung einer Schriftstelle aus der Abschiedsrede nuferes großen Lehrers Mosche mit auf den Nachhauseweg, womit die Feier ihren Abschluß erreichte. Die Feier, die einen erhebenden Eindruck machte und einen in jeder Hinsicht würdevollen Verlauf nahm, währte bis spät nach Mitternacht und wird sicherlich jedem Theilnehmer in angenehmer Erinnerung bleiben. Rußland. . Petersburg. (Schlechte Behandlung jüdischer Aerzte und ihrer Familien.) Zu der auch von uns wiedergegebenen Meldung, daß in Kiew die Familien der nach Ostasien abkommgndirten jüdischen Aerzte ausgewiesen worden seien, wird jetzt aus Warschau mitgetheilt, daß der Generalgouverneur von Kiew die Verfügung getroffen habe, daß die direkten Anverwandten der Aerzte. wie Frauen und Kinder, wohl in Kiew verbleiben dürfen, hingegen Väter. Mütter, Schwestern etc., auch jüdische Diener der Aerzte, auszuweisen wären. Dies sei von allen Zeitungen abgedruckt worden. Aber aus Moskau, Petersburg. Charkow verlaute nichts, und die Angelegenheit befinde sich auf demselben Punkte. Aus Petersburg feien fast alle jüdischen Aerzte nach dem Kriegsschauplätze beordert, worüber selbst die antisemitisch« Presse ihr Befremden geäußert habe. Die Regierung sucht in einer halboffiziösen Notiz ihre Handlungsweise dadurch zu mildern, daß sie erklärt, die jüdischen Aerzte hätten auch in Friedenszeiten Stellungen beim Militär in Sibirien finden können. Das ist aber nicht zutreffend, denn in der ganze» dortigen Garnison befanden sich bloß zwei Aerzte jüdischen Glaubens. Inzwischen wird mit Hochdruck, namentlich durch Gendarmerie, darauf hingearbeitet, um aus reichen Juden „freiwillige Beiträge" für die Marien-Jnstitute und das Rote Kreuz herauszupressen. Aber es sind nicht die reichen Juden allein, selbst die Wächter im jüdischen Krankenhause. die fünf, sage und schreibe fünf Rubel monatlich bekommen, müssen sich einen zweiprozentigen Abzug von ihrem „Gehalt" gefallen lassen. — Daß für die jüdischen Aerzte bestimmte Gelder unterschlagen werden, ist richtig. Die Sache wurde zufällig hier in Warschau aufgeklärt. Ein böherer. augenscheinlich uneingeweihter Offizier befand sich gerade in der Kanzlei des Generalgeuverneurs Tscherkow ein. als ein jüdischer Arzt, schon in Uniform. 900 Rubel für Equipirung, Reisekosten und dergl. bekam. „Pardon", meinte er zum Aerzte, „Sie bekommen nicht 900. sondern 1225 Rubel." „Man gibt mir aber nur 900." antwortete der Arzt. „Ich kenne aber die Instruktion," erklärte darauf der Offizier, „ich werde doch nicht die Instruktion vergessen haben; fordern Sie die Instruktion." Die Instruktion wurde gefordert und geholt. — Tableau!