Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1904)
- Date
- 1904-03-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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446 ten des Volkes, mit anderen russischen Bürgern und Patrioten zu fördern. Das wird keine allzu schwierige Arbeit sein, würde aber nur eine unwesentliche Seite der Frage berühren. Die Lösung des Problems wird schwieriger, wo es sich um die unteren Klaffen handelt, um die große Anzahl und die große Armuth der ungebildeten Juden, dir der russischen Erziehung unzugänglich sind. Die wichtigste Frage ist, wie man ihrer großen Noth steuern kann. Noch bevor man sich mit der Möglichkeit ihrer modernen Bildung beschäftigt, müßte man ein Mittel finden, wie sich diese armen Juden ihr täglich Brod verdienen können. Zu diesem Zweck ist man im Begriff, in den den Juden bereits offenen Provinzen das Ansiedlungsgebiet zu erweitern, und es ist bereits ein Dekret erlassen, das den Juden die Niederlassung in gewissen kleinen Landstädtchen gewährt, die ihnen vorher verschlossen gewesen. Ein zweites Dekret wird demnächst dem Ministerrath vorgelegt werden, das eine fernere Ausdehnung des Niederlaffungsgebietes bestimmt. Ein anderes Hilfsmittel ist in der Auswanderung gegeben. Bisher iss das Auswandern verboten gewesen, aber es vmre angezeigt, eine Aenderung dieses Gesetzes vorzunehmen. Vielleicht sind auch noch andere Reformen möglich. Bei Gelegenheit der Auswanderungsfrage bemerkte Herr von Plehwe, es wäre der russischen Regierung sehr angenehm, wenn die ottomanische Regierung den auswandernden russischen Juden unbehinderten Zutritt nach Palästina gestattete. Obgleich er im Allgemeinen kein Gegner des Zionismus ist, sprach Herr von. Plehwe doch die Befürchtung aus, daß der politische Zionismus eine Chimäre sei. Er würde der Propaganda zionistischer Ideen in Rußland keinerlei Schwierigkeiten machen, so lange diese Propaganda sich auf Auswanderung bezieht. Für Juden, die nicht auszuwandern beabsichtigen, mögen die zwnistischen Ideen sich als wirksames Gegengift gegen die sozialistischen Lehren erweisen. Im Verlauf des Gespräches kam die Rede auf die Frage der Ansiedlung von Juden in Ostsibirien. Herr von Plehwe bemerkt dazu, daß ein Kolonisationsplan für die Mandschurei schon im Werk gewesen, und daß er selbst bei dem demnächstigen Besuch des Admirals Alexejew in Petersburg (das Interview hat schon einige Zeit vor den Kriegsverwicklungen stattgesunden. Anm. der Red.) mit ihm über diesen Plan konferiren würde. Er versprach auch, den Admiral über einen Plan zu befragen, den der Interviewer selbst ihm vorgelegt und der von der Begründung jüdischer Kodnkn in Südsibirien handelt. Diese Kolonien sollten eine Schranke von russischen Unterthanen bilden gegenüber der anwachsenden Neberfluthung des Landes von seiten der Chinesen. * Soweit die von Herrn von Plehwe durchgesehene Niederschrift. Herr Lucien Wolf fäh^t in'seinem Bericht fort: „Es ist selbstverständlich, daß ich die oben entwickelte Politik nicht unwidersprochen durchgehen ließ. Es wurde umso leichter, freimüthig zu reden, als der Minister mir mit höflicher Liebenswürdigkeit zuhörte, und als meine jüdischen Freunde in Rußland mir vorher in Rußland gesagt haben: es käme mehr darauf an, Herrn von Plehwe neue Gesichtspunkte in Bezug auf die Judenfrage varzutragen, als von ihm etwaige liberale Versprechungen heranszudrücken. Das vom Minister entwickelte politische Programm ist charakteristisch für den Mann. Es mag aufrichtig gemeint sein — aber es ist die Politik eines Verwaltungsbeamten, nicht eines Staatsmannes. Er blickt nicht über die augenblicklichen Aufgaben hinaus. So wie er es für seine Pflicht hält, die Unzufriedenheit mit Unterdrückung zu bekämpfen, so begrenzt er seine positive Politik auf die Erleichterung der oberflächlichen Symptome wirthschaftlichen Elends. Es ist sehr angenehm zu hören, daß er nicht ohne persönliche Sympathie für die Juden ist, daß er ein Schüler des Grafen Tolstoi ist, der 1882 mit so fester Hand die antisemitichen Unruhen und Mordthaten bekämpfte, für die sein Vorgänger Graf Jgnatiew verantwortlich war, daß seine gegenwärtige strenge Politik nur vorübergehend ist, und daß er bemüht ist, die wirtschaftliche Lage der Juden durch weitere Dezentralisirung und durch theilweise Auswanderung nach Sibirien zu verbessern ... Die russischen Juden, die russische Politik kennen, stehen den vorgeschlagenen Neuerungen skeptisch gegenüber. Das sibirische Projekt würde ihnen ganz gut Zusagen; aber sie fragen schon jetzt, was für eine Sicherheit ihnen gewährt wird, daß nicht nach glücklicher Entwicklung der dortigen Kolonien ihnen neue Schwierigkeiten gemacht würden. Indessen ist man schon mit wenigem Greifbarem zufrieden und wird Herrn von Plehwe dankbar sein, wenn er in der weiteren Erschließung des Ansiedlungsgebietes versprochenermaßen fortfährt. Wie Herr von Plehwe sich die von ihm geplante Assimilation der gebildeten Juden mit den gebildeten Nichtjuden Rußlands vorstellt, hat er seinem Besucher trotz eindringlichen Ersuchens nicht mitgetheilt. Auch wird er wohl auf keinen Erfolg rechnen können, wenn er nicht den Juden die gleichen Rechte einräumt, wie ihren Mitbürgern. Die in anderen Ländern auf diesem Gebiet gewonnenen Erfahrungen werden den russischen Staatsmännern oft als Beweis für die Entwicklung des Nationalgefühls bei den Juden vorgehalten. Selbst innerhalb des russischen Reiches gibt es einen Beweis dafür. In Polen haben der Zionismus und die jüdische Nationalbewegung nur wenig Fuß fassen können, weil die Nationalgefühle der dortigen Juden durch ihre gesetzliche Emanzipation nach dem Aufstand von 1863 völlig befriedigt, sind. Der damalige Mas, der die Juden zu polnischen Bürgern gemacht und zu tapferem Kampf fürs Vaterland begeistert hat, ist niemals gesetzlich widerrufen worden. In Warschau sind