Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1904)
- Date
- 1904-03-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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45. Jahrgangs i AZilsLge jit. Ein Interview mit tzerrn v. plehwe. Das Vorstandsmitglied der Anglo Jewish Assoziation, Herr Lucien Wolf, hat vor Kurzem eine Reise nach Rußland unternommen, um dort die Lage der heimischen Juden kennen zu lernen. Er hat in St. Petersburg den Minister des Innern, Herrn v. Plehwe, interviewt und hat das Ergebniß dieser Unterredung in der Samstag-Nummer der „Times" in einem längeren Artikel veröffentlicht, dem die „Israelitische Wochenschrift" Folgendes entnimmt: „Bevor ich nach Rußland abreiste, hatte ich einen unangenehmen Vorgeschmack der Judenfrage in jenem Land. Mein Gesuch um ein Paßvisum wurde nämlich verweigert und selbst auf die Intervention des Austväriigen Amtes nicht berücksichtigt. Daß eine betreffende Bitte des Staatssekretärs abgelehnt wurde, war bisher noch nicht vorgekommen. Als im Jahre 1881 der danialige Minister Lord Granville die beklagenswerthe Schwäche bewies, für die britischen Juden die Rechte zu opfern, die sie nach dem englischrussischen Vertrag von 1859 in gleichem Umfang mit ihren christlichen Mitbürgern besaßen — die Negierung der Vereinigten Staaten hatte damals dasselbe Ansuchen strikt abgelebnt — war vereinbart worden, daß die russische Regierung etwaigen Gesuchen des englischen Auswärtigen Amtes um Reiseerlaubniß für einen englischen Juden „freundlichste Berücksichtigung" schenken würde. Rach vierzehntägigem Warten erhielt ich durch das freundliche Entgegenkommen des Fürsten Valerian Obolenski und des russischen Auswärtigen Amtes in Berlin meinen nur für Petersburg geltenden Paß — wenn ich noch weiter reisen wollte, müßte ich in Petersburg .,autori8ativn8 speciales“ nachsuchen. Hier erhielt ich wirklich von Herrn v. Plehwe die „besondere Erlaubniß", mich in Warschau „einige Tage" aufzuhalten. In Warschau fragte ich einen Beamten, wie lange diese Frist von „mehreren Tagen" zu dauern pflege, und der sehr liebenswürdige Herr antwortete mir — nicht amtlich, sondern nur privatim! — daß die autorisation sp&ciale gewöhnlich für einen Monat gelte, daß die Verwaltung aber freie Hand habe, die Frist abzukürzen, sobald der begünstigte Ausländer sich irgendwie verdächtig mache. Ich erwähne diese Dinge nicht in feindlichem oder anklagendem Sinn, denn wo immer ich in Rußland mit Behörden zu thun gehabt, ist mir die äußerste Höflichkeit und Gastfreundschaft erwiesen worden, sondern nur als Beweis dafür, wie weit die Feindseligkeiten zwischen der Regierung des Zaren und seinen jüdischen Unterthanen gediehen sind." ZAdesLsraeüt." In Petersburg gelang es Herrn Lucien Wolf, eine Unterredung mit Herrn v. Plehwe zu erlangen. Er beschreibt den Minister des Innern als einen in der äußeren Erscheinung und im Wesen mehr westeuropäischen als russischen Staatsmann von liebenswürdigen Maniren und beinahe altmodischer ungekünstelter Höflichkeit. Er scheint ein strenger und, wenn nicht alles trügt, ehrlicher Mann; als Verwaltungsbeamter unbeugsam und gewissenhaft, aber mit geringem Sinn für staatsmännische Experimente und Fortschritte. Die Unterredung hat anderthalb Stunden gedauert und die verschiedensten Gebiete berührt. Herr Lucien Wolf hat. nach Schluß des Interviews die von Herrn v. Plehwe ausgesprochenen Aeußerungen in französischer Sprache niedergeschrieben und sie dem Minister zur Durchsicht eingereicht, bevor er sie veröffentlichte. Bor Kurzem hat er seine Niederschrift mit einigen Korrekturen zurückerhalten und der Öffentlichkeit übergeben. Sie lautet: „Im Verlaufe einer mir von Herrn v. Plehwe gewährten Audienz bemerkte der Minister, daß er den Ernst der Judenfrage in vollem Maße anerkenne. Es war von ihm gesagt worden, er sei ein unerbittlicher Feind der Juden. Das ist nicht wahr. Er habe schon seine Jugend in Warschau verlebt, einer halb-jüdischen Stadt; daher kenne er die Juden und wisse die guten Eigenschaften dieses intelligenten Volkes zu würdigen.'. Aber er halte es mit vielen anderen für schwierig, ihnen freien Zutritt in das Innere Rußlands zu gestatten. Der russische Bauer ist sehr arm, und wenn die Juden sich als seine Nachbarn niederlassen, wird er das bischen Besitz noch mit den Einwanderern zu theilen haben, die zum größten Theil nicht Produzenten sind. Als Politiker bekennt sich Herr v. Plehwe zur Schule des Grafen Tolstoi, eines konservativen Staatsmannes, dessen Verdienste lange nicht genug gewürdigt worden sind. Dem Grafen Tolstoi gebührt der Ruhm für die Beendigung der antisemitischen Unruhen von 1881. Als Minister sei er. Herr v. Plehwe, weder liberal noch konservativ, sondern einfach das getreue Werkzeug der Befehle seiner Majestät und der Wächter für die Sicherheit des Landes. Die scheinbare Strenge seiner Poli-. tik muß damit erklärt werden, daß im Land Elemente vorhanden sind, gegen die prompt und streng vorgegangen werden muß. Die jüdische Jugend zum Beispiel widmet sich säst vollständig der revolutionären Bewegung, und in der Bekämpfung dieser beklagenstoerthen Erscheinung thue er nur seine Pflicht. Er wisse sehr wohl, daß die Juden unter unaufhörlichen Kümmernissen zu leiden haben, für deren Be-- seitigung eine neue Politik nöthig wäre. In erster Reihe wolle er alles Mögliche versuchen, um die Affimilirung der gebildeten Juden, d. h. der oberen Schich«