Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1904)
- Date
- 1904-03-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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435 Massirende nur ein Objekt, an dem sie ihre Kraft betätigen sollen und wollen, und sie glauben, je mehr Kraft sie dazu verwenden, umsomehr haben sie ihre Pflicht gethan, daß sie Schmerzen verursachen, kümmert sie nicht." „Das darf sie auch nicht kümmern. Ein mitleidiger Wundarzt ist ein schlechter Arzt, lautet ein altes Sprichwort, und vom Masseur gilt dasselbe. Ich fürchte, auch ich werde der gnädigen Frau Schmerzen verursachen." „Nein, ich versichere Sie, Ihr Massiren hat mir nicht die geringsten Schmerzen verursacht." „Dann habe ich's vermuthlich nicht gut gemacht und muß mich bemühen, es besser zu machen, ohne Rücksicht darauf, der gnädigen Frau vermuthlich Schmerzen zu verursachen." „Massiren Sie nur, ich fürchte mich nicht," sagte die Gräfin lächelnd. Er hatte inzwischen durch einen Druck an der Schelle die Kammerfrau herbeigcrufen und begann seine Manipulation. Er strengte sich heute in der ThaL mehr an. als das vorige Mal und sah wiederholt, daß dir Gräfin wie vor Schmerz die Lippen zusammenpreßte. Doch wenn er sich entschuldigte und sein Bedauern aussprach, ihr wehe gethan zu haben, dann lächelte sie immer und versicherte, keinen Schmerz empfunden zu haben. Als Keßler am folgenden Tage von seinen Vormittagsbesuchen heimkehrte.' lehnte Grünwald in einen: Fenster feines Comptoirs. Der Doktor wollte grüßend vorübergehen, der Bankier winkte ihm jedoch, er möge heraufkommen. Mit ausgestreckter Hand ging er dem Eintretenden entgegen. „Guten Morgen. Herr Doktor! Was macht meine Kleine?" „Ich bin heute nicht draußen gewesen." versetzte der Arzt, nachdem er den Gruß erwidert hatte, „das Befinden der Kleinen erfordert meinen täglichen Besuch nicht, deßhalb habe ich gestern für mehrere Tage meine Anordnungen getroffen und bin überzeugt, daß dieselben pünktlich befolgt werden." „Das mag sein, die Frau hat auf mich einen äußerst sympathischen Eindruck gemacht, dennoch würde ich mich Ihnen sehr verpflichtet fühlen. Herr Doktor, wenn Sie bis zu ihrer vollständigen Genesung meine Kleine täglich besuchen würden; sie ist ja doch unter Fremden." „Aber bei qewissenhaften Leuten. Ob dieselben Angehörige oder Fremde sind, ist an und für sich kein Unterschied. Doch wenn Sie gerade besonderen Werth darauf legen, will ich die Kleine täglich besuchen. Vielleicht gehe ich noch heute gegen Abend hinaus." „Sie würden mich sehr verpflichten. Ich kann den Eindruck nicht los werden, wie das Kind da vorgestern l zusammengebrochen und so leichenhaft dagelegen ist — noch überläuft es mich kalt." „Sie brauchen sich darüber keine Gedanken zu machen, es ist absolut keine Gefahr vorhanden. Es hätte nur gefährlich werden können, wenn das Kind die unsinnige Lebensweise auch nur acht Tage fortgesetzt hätte. Denn bei ihrer Zartheit und bei der fortwährenden Aufregung konnte dies nicht ausbleiben. Haben Sie sich schon nach einem israelitischen Institut erkundigt?" „Noch nicht, ich wollte zuvor nochmals mit Ihnen darüber sprechen. Frieda fühlt sich im Kreise der von Ihnen empfohlenen Familie überaus behaglich: von Frau Müller und ihrer kleinen Freundin Selma spricht sie in geradezu überschwänglichen Worten, aber auch der Verwalter und die beiden Knaben lobt sie sehr. - Ich glaube, sie wäre überglücklich, wenn sie dauernd bei den Leuten bleiben könnte und ich könnte sie täglich sehen. Was meinen Sie. sollte ich die Leute fragen, ob sie die Kleine längere Zeit behalten wollen?" Keßler zuckte die Achseln. „Ich wüßte eigentlich nicht,' warum Sie dieselben nicht fragen sollten. Gut aufgehoben wäre sie, und daß sie sich dort sehr behaglich fühlen wird, das habe ich vorausgesehen, denn die Frau hat ein sehr feines Wesen und die Kinder sind sehr wohlerzogen. Es fragt sich nur. was Ihre Frau Gemahlin dazu sagen würde —" Grünwald rieb sich die Stirn. „Das ist allerdings fraglich, denn ich habe sie noch nicht gefragt, ich wollt? zuvor Ihre diesbezügliche Ansicht wissen. Also Sie rathen entschieden, wenn's geht, sie dort zu lassen, wo sie ist." „Namentlich, da Sie Werth darauf legen, das Kind in Ihrer Nähe zu behalten. In bessere Hände könnten Sie sie nicht geben. Aber wie wäre es mit dem Unterricht?" „Das wäre keine Schwierigkeit. Frieda besucht die. . . Schule. Jetzt sind noch Ferien, aber während der Schulzeit geht sie alle Morgen mit mir in die Stadt und Nachmittags nach vier Uhr geht sie mit einer in der Nähe wohnenden Mitschülerin wieder zurück. Bei unfreundlichem Wetter lasse ich anspannen, da fahren wir." „Im Herbst und Winter müßten Sie das Kind immer fahren lassen." „Das wäre keine Schwierigkeit, und Mittags zwischen zwölf und zwei Uhr wäre sie hier bei mir in meinen: Zimmer." „ „Da wäre ja alles in schönster Ordnung, es käme eben nur darauf an. die Zustimmung Ihrer Frau Gemahlin zu erlangen. Und wie ist's, haben Sie sich schon erkundigt wegen des Rücktritts der Kleinen zum Judenthum?" „Ich bin noch nicht dazu gekommen. Halten Sie denn das für unerläßlich? Das Kind scheint gar nicht mehr daran zu denken."