Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1904)
- Date
- 1904-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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431 Anstand so schon, wenn wir ein« Tobten begleiten, und die größte Trauerversammlung ist ruhig und im tiefsten, eindrucksvollsten Schweigen!! Ja. vor der Majestät des Todes beugen wir unser Haupt, aber vor der Majestät Desjenigen, der über Leben und Tod entscheidet — nicht! Und wenn man nun fragt, wer ist denn dieser Mann, der uns dies zu sagen wagt, ist er denn autoristrt dazu, ist er denn Rabbiner oder ein cSiy *rcn? Nein, beides nicht, nur ein Laie! Wenn man aber plötzlich ein Feuer aus des Nachbars Haus schlagen sieht, ruft man nicht unwillkürlich „Feuer"? Fragt man sich wohl erst, ob man dazu antorisirt ist, oder zur Löschmannschaft gehört? Auch uns entringt sich unwillkürlich dieser Mahnruf, wenn wir sehen, wie weit die Außerachtlassung alles Anstandes in den Gotteshäusern bei uns vielfach gekommen ist. Wenn in irgend einer Festversammlung die Königshymne angestimmt wird, dann erhebt sich Alles zur Ehre des Königs, und wer es nicht thut, wird bei uns, und mit Recht, wegen Majestätsbeleidiguag gestraft. Unsere Gotteshymne ist das „Kadisch", und von so hoher, heiliger Bedeutung, daß wir am Todestage unserer Eltern nichts Höheres für deren Seelenheil zu thun wissen. als diese Gotteshymne zu beten und durch die dadurch geschehende Heiligung des göttlichen Namens für das Seelenheil der Verstorbenen am Vesten zu sorgen. Ja, unsere Weisen sagen, rv fcx nrjn dbzz rrn rrctr wer das „Omen jehe Schme" mit ganzer Kraft nachsagt, kann versichert sein, daß er Theil am ewigen Leben hat. Wie aber betragen wir uns oft. wenn diese Gotteshymne vorgetragen wird? Wir plaudern so ruhig und ungenirt, wir übertönen oft den Vortragenden durch unsere Unterhaltungen, und unterbrechen uns nur. um rasch das „Omen jehe Schme" nochzusagen, als wenn dies nur ein -pzv "z wäre, von dem wir nur die „Preußenthaler" zu hören brauchen, welche t>3 werden!! vnp n* xru Ja wahrhaftig, wir verspotten oft den Heiligen in Israel; rrx r« wir drehen Ihm den Rücken zu (um zu plaudern). Gleichen wir denn nicht jenem Kaufmann, der, ohne kalkuliren zu können, ein Geschäft eröffnete und dadurch billiger verkaufte, als er einkaufte. Wie freute er sich, wie leuchtete sein Gesicht, als er merkte, daß die Kunden haufenweise zu ihm kamen und er Abends seinen Erlös zahlte. Einen Haufen Geld nach dem andern zählte er täglich und immer größer wird der Zulauf zu ihm. O der Thor, der nicht weiß, daß er seinem Untergang immer näher ruckt, je besser das Geschäft geht. Auch wir, wir entreißen uns des Morgens den Armen des tiefste» Schlafes, wir lassen Abends Alles liegen und stehen und achten nicht des Geschäftes oder der Mühe der Entfernung, versäumen keine Schule; ja wir sind noch fromm, wissen ober nicht, ob wir uns nicht mehr versündigen, wenn wir nicht die 1122 Gottes wahren. £’:ro n&cz b wn erw „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern"; Priester durften keinen Augenblick ihre Gedanken von der Heiligkeit des Ortes entfernen, ohne in Gefahr zu sein, einen kro an den Opfern zu begehen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Corresporr-enzen. ' Deutschland. Berlin, 7. März. „Im Gegensatz zu den Bemerkungen des Herrn Bambus gehen meine Erfahrungen dahin, daß trotz lebhafter Korrespondenz mit Palästina Briefe, die von dort mit der türkischen Post an mich gesandt wurden, niemals verloren gegangen sind. Auch Herr Cohn, der seit einigen Monaten im Westen befindliche Direktor der Lämelschule, bestätigte mir soeben, daß die in dieser Zeit mit der türkischen Post an ihn gesandten Briefe immer pünktlich angelangt sind. In keinem Falle würden etwaige Mängel in der Briefbeförderung durch die türkische Post eine Entschuldigung für die dortigen Juden bieten, sich gerade der russischen Post zu bedienen. Habe ich es auch allgemein für angemessen erklärt, daß die türkischen Juden sich der türkischen Post bedienten, so lag doch der Schwerpunkt meiner Ausführungen darin, daß wir westeuropäischen Juden es als eine moralische Insulte empfinden, wenn Juden, die in Palästina ein Heim gefunden haben, den Einfluß desjenigen Landes befördern helfen, in welchem die Juden snstematisch verfolgt werden. So lange nicht über Hömel und Kischinew etwas Gras gewachsen ist, dürfen wir uns die russischen Briefmarken auch dann verbitten, falls die türkische Post schlechter wäre, als sie meinen Erfahrungen nach ist. Hochachtungsvoll Dr. C." Berlin, 8. Marz. Eine antisemitische Versammlung am Freitag bei Bötzow nahm nach einem Vortrag des Reichstagsabg. Böckler über das Thema „Mandelstamm und Silberfarb" einen sehr stürmischen Verlauf. Der Bericht der „Staatsbürgerztg." spricht davon, daß „die anwesenden russischen Juden" mit Hilfe der Polizei „aus dem Saal entfernt" werden mußten. Der „Aorw." aber meldet, daß ein Antisemit der Hoffnung Ausdruck gab, daß auch wir in Deutschland bald ein Kischinew haben würden. Damit begann die Versammlung vom Bildlichen zum Thätlichen überzugehen. Ein russischer Student nach dem andern, so schreibt der „Vorw.", „wurde am Kragen genommen, verhauen und hinausgeworfen, ganz besonders zeigte sich als guter Schüler Pücklers Herr Bruhn, der dem einen Student