Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1904)
- Date
- 1904-03-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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bie Beine zitierten. Selbstverständlich war er genau wie Jakob und Gemahlin überaus höflich. Aber von dessen Jnsurgenten-Eharakter wußte er noch nichts, und dies würde ihn sehr erschreckt haben. Er sah vielmehr iu ihm nur das, was man in der Sprache des Salons ' im lioinme du monde nennt. Die Kellner brachten sofort aus dem Winkel der ' Grotte das fertige Diner in den Saal, wo man die Tische zusammengeschoben, und prächtiges Brodo er-; schien als erster Gang. Das Gespenst Heinrich saß wie angeschmied->t. Er tröstete sich d§mit, daß er ihnen ein Dorn im Auge war, und wurde immer heiterer. Tilda griff alle Augenblicke zu dem vor ihr stehenden Wasser. Sie wagte nicht, den Blick zu erheben. ■ um seinen satanischen Blicken nicht zu begegnen. Die I Baronin plauderte lebhaft und viel, aber an ihrer Stimme bemerkte man die nervöse Aufregung einer Arau, die stch überanstrengt, leidet und zürnt.; Trotz ihrer Kühle und Selbstbeherrschung zitierte; und bebte sie. Der Baron war gleichfalls unangenehm berührt! vom Anblicke Heinrichs, de'- ihm arg zugesetzt, mit dem! er gewaltsam gebrochen hatte und den er Hatzte. Aber; dafür war er der Baron von Krieg, um einmal zu verrathen, was in seiner Seele vorging. Zugleich mit dem Titel erhielt er gratiae Status. Kühle und aristokratische Distinktion. Wer.ihn näher kannte, vermochte nur daran seinen! Kummer zu erkennen, daß ihm ab und zu die Kehle I trocken wurde und er kräftig aufhusten mußte, um wieder zu Stimme zu kommen. , Es sah daher nach einer höchst dramatischen Szene | aus. Ein Ausbruch aber stand nicht zu befürchten, da j man es mit anständigen Leuten zu thun hatte, die. wie j gut erzogene Bologneser, im Salon sich niemals etwas * Unpassendes zu Schulden kommen lassen. ' Dieser Vergleich ist durchaus kein boshafter. Er tritt Niemanden zu nahe, denn ein Bologneser ist ein! edles Geschöpf. Man reichte also Brodo. Aber trotz seiner Borzüge. seiner Originalität als einer Suppe ohne Brühe, trotz des Hungers nach der Reise, hatte Niemand rechten Appetit. Die Löffel gingen nur pro forma vom Teller zum Munde und umgekehrt. Desto lebhafter aber wurde die Unterhaltung. Gromow. hierdurch aus seinem Tiefsinn aufgeweckt. sah nach dem Tische hin, erinnerte sich Jakobs und heftete, nachdem er ihn erkannt, voll Erstaunen auf ihn den Blick. Der Zigeuner lächelte schon seit einer Viertelstunde vor sich hin. Auch er gedachte des Zusammentreffens vor einigen Jahren. Doch wie ganz anders war jetzt hier Gemüthsstimmung und Unterhaltung. Gromow hatte schon lange als aufmerksamer Zuschauer dagesessen, als endlich Jakob auch ihn bemerkte und erkannte, ihm mit der Hand zunickte und ihn auf Italienisch begrüßte mit den Worten: „A! Welch' ein Zufall! Sie sind auch wieder hier?" „Allerdings! Wie Sie sehen, aber nicht froher, als vor Jahren!" ° „Wer ist das?" flüsterte der Baron Jakob etwas beunruhigt zu. „Ein Russe!" Der Baron liebte die Russen sehr, namentlich die distinguirten und bei Hofe gut angeschriebenen. Schon war er bereit. Bekanntschaft zu machen, als Jakob ihm zuraunte: ..bin prosci if Darüber erschrak der Baron, der ein Mann der Ordnung war und sich niemals mit dieser Art von Abenteurern eingelassen hatte. Er sah Gromow von der Seite an, wurde ganz ängstlich und dachte bei sich: Muts que suis-je venu faire duns vette galere? Er tröstete sich damit, daß sie doch nicht ewig hier bleiben sollten und fragte dann Jakob: „Die Herrschaften befinden sich auch auf der Reise?" „Wir? Allerdings? Und zwar zwangsweise!" erwiderte Jakob. „Ich war Insurgent, wurde verwundet. aus Oesterreich ausgewiesen, und suche nun irgendwo ein ruhiges Plätzchen, wo ich wieder etwas zu Kräften kommen kann. Das aber ist für uns gar nicht so leicht, wie es zu sein scheint. Im Allgemeinen, mit alleiniger Ausnahme der Schweiz, nimmt man uns nirgends so recht gastlich auf. In Sachsen werden wir augenblicklich kaum geduldet! In Frankreich sind Unserer schon zu Viele; in Bayern ist es uns nicht immer und nicht Allen erlaubt, uns aufzuhalten: und in Belgien sitzen wir auch aus Gnaden des neuen Gesetzes, welches uns jeden Augenblick auszuweisen gestattet!" „Allerdings!" entgegnete hastig der Baron. „Aber Sie werden gewiß Ihre Stellung bald reguliren. Die russische Negierung ist sehr nachsichtig und gestattet gern die Rückkehr. Hoffentlich gehören Sie zu keiner Organisation. Und dann erhalten Sie mit Leichtigkeit . die Genehmigung zur Rückkehr!" „Wenn ich mich darum bemühte." erwiderte Jakob, „würde ich sie vielleicht erhalten. Was aber bürgt mir dafür, daß diese Vergebung von heute sich noch auf morgen erstreckt? Leider existirt dort kein beständiges Gesetz!" „Der Belagerungszustand," murmelte der Baron stirnrunzelnd. „Natürlich . . . Aber der muß mit der Zeit doch aufhören!" „Und dann ist." fuhr Jakob fort, „dieses Gesuch um die Rückkehr immer ein Eingeständniß der Schuld. Man kann heute vielleicht diesen Zustand des Landes mit kaltem Blute ansehen, ohne Jemand die Rückkehr anrathen zu können, der zur Unthätigkeit oder, waS