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Der Israelit · 1904-03-07 · Heft 19 (7.3.1904) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 19 (7.3.1904)
Date
1904-03-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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42< noch schlimmer, zum Handeln wider seine Ueberzeugung verurtheilt sein würdet Der Baron war über die Matzen ängstlich geworden. Glück hatte sich Gromow nicht in das Gespräch gemischt. „Hab ich denn aber nicht vorausgesehcn. wie es kommen mutzte?" fragte er düster. „Hab ich Euch denn nicht flehentlich gebeten, diese unglückliche Revolution AU unterlassen?" „Dies lag in Niemandes Macht?' sprach Jakob. „Niemand hat sie cherbeigewünscht; es war, wie es scheint. Polens Bestimmung, dieses Blutbad zu erdulden. Es lag darin der Finger oder eine Strafe der Vorsehung!" „Q! o! So glaubt Ihr noch immer an eine Vorsehung?" rief laa-end der Russe. „Ihr seid unverbesserlich und wie die Kinder! Datz Ihr Euch selbst zu Grunde gerichtet, das ist schon das Wenigste! Aber Ihr habt auch uns und ganz Europa in Mitleidenschaft gezogen! Seht doch, was geschieht? Erforscht und erwägt die Folgen Eures unvernünftigen Hasses." „Verehrter Herr," entgegnete Jakob, „es ist dies ein schmachvoller und schmerzlicher Weg, die Menschheit aber mutz diese Strassen durchwandeln, um zu ihren Zielen zu gelangen." „Das glaub' ich," rief Gromow, „das sind aber Worte der Hoffnung für künftige Geschlechter. Was aber bleibt für uns übrig!" ..('Vst im ronze oni auo" Ente der Baron der Gemahlin zu. Trotz dieser lauten Ausrufe des Russen, freute sich doch fast Jeder in der Gesellschaft, datz man ihm keine Aufmerksamkeit schenkte, vielmehr sich von diesem peinlichen Gegenstände der Unterhaltung abwandte. Dennoch aber spielte sich unter scheinbarer gleichgültiger Hülle das stumme Drama der Blicke ab. Da mischte sich Heinrich, der bisher schweigend sich auf die Lippen gebissen hatte, in das Gespräch mit den Morten: „Verzeihen Sie, Herr Jakob. Ich sehe, Sie identifiziren sich beständig mit Polen. Wir Israeliten aber begehen damit einen grossen Jrrthum; wir setzen uns der Verfolgung aus und erwecken Mißtrauen, während jetzt gerade die geeignete Zeit gewesen wäre, uns eine, vortheilhafte Stellung zu verschaffen. Denn Russland bedarf unserer und bietet uns die Hand. Wir wären Thoren, wenn wir sie nicht annehmen wollten!" Der Baron war schon im Begriff, mit dem .Kopfe zu nicken. Zum Glück aber bedachte er noch zu rechter Zeit, datz er schon längst aufgehört hatte, Jude zu sein. Er vertiefte sich also in den. Seefisch, der eben gereicht wurde. -• _ ' Die Unterhaltung ging glücklicherweise auf gleichgültigere Dinge über. Und Alle freuten sich darüber. Tenn Jeder befürchtete Persönlichkeiten. Sticheleien und Witze. „Herr Heinrich!" erwiderte Jakob ruhig. „Ich. freue mich, daß Sie diese Lebensfrage berühren. Sie wissen, wie ich mich für die Würde meines Volkes interessire, für seine Geschicke, seine Pflichten und seine Zukunft. Mit Vergnügen unterhalte ich mich eingehend über diesen Gegenstand. Sie kehren also zurück in das Vaterland?" „Ei natürlich!" sprach der Angeredete. «Wozu ist denn dies Landstreichen? Diese Emigration? Jeder hat die Pflicht, auf dem Felde mitzuarbeiten, welches seine Befähigung ihm anwies. Schlimm mag es noch sein in Polen; das aber befreit nicht von Verpflichtungen." „Vollkommen einverstanden," antwortete Jakob. „Rur um sein Leben und seine Ueberzeugungen zu retten, um über seine Kräfte gehenden Martern auszuweichen, darf man in der Emigration verharren. Sagen Sie indeß nicht, daß auch sie in gewisser Hinsicht nicht ihren Zweck und ihre Bedeutung haben." „Kehren wir aber zurück zu den Juden," unterbrach ihn Heinrich, „denn ich trenne ihre Angelegenheit von der polnischen!" „Ich nicht!" rief Jakob. „Die Juden," fuhr Heinrich fort, „sind heutzutage die Herren der Situation! Alles, was ihnen das Volk geben wollte, bewilligte ihnen sofort dir Regierung. Den Adel erwürgte man, dessen Druck die Israeliten am meisten traf, weil ihr Kapital ihnen am zugänglichsten war. Sie blieben also allein mit verhältnitzmäßig großen Mitteln, in einem von Allem entblößten Lande. Die Regierung sieht dies recht gut ein. sie gestattet und verlangt sogar, daß w i r den vom Adel verlassenen Platz einnehmen; sie zieht die Mosaischen den Katholiken vor. Man muß dies also benützen!" „Eine Lebensfrage, in der That!" bemerkte Jakob. „Aber zunächst fragt es sich: Was sind heutzutage die Juden in Polen? Bürger des Landes oder Schmarotzer und Colonisten? Die Antwort auf diese Frage zeigt uns unsere Pflichten. Sind wir Fremde. Eingewanderte. Schmarotzer, so kümmern wir uns nur um unser eigenes Interesse. Sind wir aber Bürger, so fällt auf unseren Nacken eine ungeheure Last. Denken wir daran, wie wir sie ertragen. Niemand von uns wird sich dazu bekennen, daß er hier nur ein Hausirer und Landstreicher war. Denn wir haben Pflichten gegen das Land, die Mitbürger, das Volk und sogar gegen dessen Erinnerungen und Vergangenheit!" (Schluß folgt.) LDerantwortUche Redaktion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des LSraÄit". SLottktratze Nr. 2. Mainz. Drnck und Verlag der Job. Wirth schcri Hofbnchdrmkerei Actien-Gesellschaft in Mainz.

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