Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1904)
- Date
- 1904-03-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Baron und Musa traten also ein, doch schritten sie so- , fort einem Seitentische zu, den man eben für sie vorbereitete. l Dumpfes Schweigen herrschte im Saale. Fast in demselben Augenblicke trat ein einfach, j aber nobel gekleidetes Paar ein. mit einer Distinktion, , die wohlthuend wirkte, um an jenem Ecktisch, der schon längst höchst sorgfältig für sie gedeckt war. Platz zu nehmen. Dies war jener Signor Conte, oder, um es deutlicher zu sagen — Jakob und Tilda. Hier blieben sie ungesehen und allein. Tilda lächelte über die Zaubergrotte. als Jakob ihr seinen ersten Besuch derselben erzählte. Tilda's Stimme, die lachend ihrem Gatten etwas sagte, traf Heinrich wiederum wie ein Blitzstrahl. Er glaubte, er habe sich verhört. Unruhig, ohne zu wissen, woher dieser Klang gekommen, überzeugte er sich, nachdem er ihn zum zweiten Male vernommen, daß er sich nicht geirrt haben konnte. Er stand wie erstarrt. Es war höchst fatal, dieses fast gleichzeitige Zusammentreffen mit zwei Wesen, deren eines ibn erinnerte an seinen verlorenen Frieden, das andere an vereitelte Hoffnungen und blutig verletzten Stolz. Aber Tilda sah er nicht. Diese Stimme fiel wie aus den Wolken herab und dies war ihm umso peinlicher. Um sich zu überzeugen, woher sie kam. stand er auf und schritt an das Ende der Grotte, wo man den Tisck, in lenem verborgenen Winkel sah. Da erst erblickte er sie — und stand wieder wir erstarrt. Tilda's Blicke waren nach der anderen Seite gerichtet. Sie lächelte ihrem Manne zu. der ihr etwas in's Ohr ocftiifiert und ihre Hand küßte. Heinrich konnte sie ungesehen beobachten. Er sah sie verjüngt und glückstrahlend, und eine Hölle brannte ihm in der Brust. Sie Alle waren glücklich. Alle, nur Er . . Ein zorniges, satanisches Lächeln flog über seine Lippen. Noch einen wüthenden Blick warf er ihnen zu. dann schritt er langsam auf seinen Platz zurück. Aber Tilda's Silb.erstimme hatte nicht nur seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Auch Musa hatte sie erkannt. Sie hatte ihr Ohr erreicht und wohl auch in ihrer Brust einen Widerhall gefunden. Sofort, nachdem Heinrich zurückgetreten, wandte sie sich unter dem Vorwände, sich umzusehen, dem Innern der Grotte zu. Wie sie vermuthet, sah sie die Freundin vor sich. Ein Aufschrei der Ungeduld entrang sich ihren Lippen und drang zu den Obren der Gattin Jakobs. Beide drehten sich um, und über dem Teiche hinter der Stalaktit-Nische sahen sie die Baronin. Die Baronin rief, sichtlich bemüht, das frühere, freundschaftliche Verhältniß wieder anzuknüpfen, mit affektirter Zärtlichkeit: „A! cette chere Tilda! A! Dien! Quelle recontre inesperde, heureuse!“ Es war dies in der That ein Zusammentreffen, wie es nur selten in der Welt vorkommt. Häufiger vielleicht in Romanen; aber auch die Wahrheit ist manchmal so unwahrscheinlich! Das Schicksal liebt es bisweilen, unerwartet uns einen Streich zu spielen, und nicht selten noch weit schlimmere, als diesen. Nicht allzu erfreut war Jakobs Gattin beim Anblick ihrer , i «st-v uni-Freundin. für die sie seit einiger Zeit keine besondere Zuneigung mehr hegte. Aber ihre Bekanntschaft stammte aus der glücklichen Zeit der kurzen Kleider, die allezeit angenehme Erinnerungen zurückläßt Anstand und Höflichkeit erforderten, daß man sich ihr nähere. Jakob ließ, obgleich Anfangs etwas verlegen, sofort nach dem Austausche der ersten Begrüßungen. den Tisch in den abgesonderten Saal bringen. Er glaubte durchaus nicht, daß ihm dort, als neues für beide Theile peinliches Zusammentreffen, der Anblick des verdüsterten Antlitzes des Herrn Heinrich harre. Wie den Glücklichen zum Possen saß dieser dort wie ein Gespenst. Obgleich es ihn schmerzte, war er doch entschlossen, ihnen die Freude durch seine Gegentvart' gründlich zu vergällen. Als Tilda eiligst nach dem Zusammentreffen mit der Baronin in die Saalthüre trat, stand er dort schon auf der Lauer. Sie erblickte ihn fast früher, als die Freundin, ste erbleichte, schwankte und nahm Jakobs Arm. Dieser aber nahm muthig auch diesen Schlag auf sich, nickte, nachdem er Heinrich erkannte, unbemerkt seiner Gattin zu und bat sie. Muth zu fassen. - So betraten sie den Saal. Die Situation war für Alle über die Maßen peinlich. Niemand aber wollte sich für besiegt erklären und den Kampfplatz verlassen. Tilda litt augenscheinlich. Dieser Schalten, diese lebende Erinnerung ihrer schmerzlichen Vergangenheit, die sie zu vergessen bestrebt war. belästigte sie ohne Erbarmen! Auch für Jakob tvar Heinrichs Anblick unerträglich. Er fühlte, wie Tilda litt und ivar darüber empört. Gerade deßhalb aber, weil er mit seiner Gegenwart Alle belästigte, blieb Heinrich umso hartnäckiger, und mit jener Bosheit schmerzerfüllter Menschen schwelgte er mit einer Art von Wollust in Rachgier, als er sah. daß bei seinenl Anblicke Aller Gesichter erbleichten und Aller Stirnen sich umwölkten. Mit dem Cynismus der Verzweiflung stellte er sich heiter, ließ sich Wein bringen, leerte sein Glas auf einen Zug. zündete sich eine Cigarre an. begrüßte Jakob und dessen Frau, und setzte sich nieder, um seine früheren Bekannten fortwährend zu fixiren und sie mit Blick und Lächeln zu haranguiren. Die Baronin bemühte sich, mit der ihr eigenen Gewandtheit, als ob sie gar nichts sehe und vollkommen gleichgültig sei. wiewohl sie vor Zorn und Aerger zitterte, persönlich um die Arrangirer eines gemeinschaftlichen Diners, unterstützt von ihrem Gatten, der sich höchst fein und jugendfrisch stellte, obschon ihm