Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1904)
- Date
- 1904-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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3s7 Sache auch anbei*» denken, als Arzt muß ich darauf * bestehen, daß einzig und allein die Anschauungsweise; meiner Patientin in Betracht gezogen wird. Und - darum sage ich Ihnen mit vollster Bestimmtheit, wollen Sie Ihr kleines charakterfestes Mädchen als Lhristin erziehen, so rönnen Sie nur bei Zeiten einen Grabstein : bestellen, sie dürfte ihn sehr bald gebrauchen." Der letzte Blutsiropsen wich aus dein Angesicht - des Vaters.. „Es kommt mir nicht in den Sinn, das - Kind als Christin erziehen zu lassen, gleich, als ich von ' ihrer Taufe gehört, habe ich meiner Frau erklärt, daß ' ich sie gurürfireren lassen werde, und eben daraus sagte; mir meine Frau, daß sie sich nichts aus der Taufe mache. Troydem werde ich sie zurücktreten lassen, ich.. werde noch heute mir meinem Rechtsanwalt darüber . sprechen, weil ich nicht weiß, welche Schritte dazu er-; forderlich sind." : „Das weiß ich auch nicht, aber ich rann mir nicht ' denken, daß das mit besonderen Schwierigkeiten vertniipfr fein sollte; jeder Rechtsanwalt wird Ihnen; das sagen; doch, um des lieben Friedens willen würde ' ich Ihnen sehr empfehlen, mit Ihrer Frau Gemahlin; nicht darüber zu sprechen, weder vornoch nachher. Die : gnädige Frau soll nämlich, wie ich gehört habe, eine : streng-gläubige * Katholikin geworden sein," fügte er; sarkastisch lächelnd ninzu, „da könnte es am Ende ihre j Mutterliebe beeinträchtigen, wenn sie erfahren würde, daß ihr Töchterchen wieder Jüdin geworden ist." „Das ist richtig und ich wüßte überhaupt nicht, zu welchem Zweck-ich meiner Frau mittheilen sollte, was; ihr doch unmöglich angenehm sein kann. Aber sagen. : Sie mir, Herr Doktor, meine Frau owaupte:, daß die : rituelle Kost nicht so gesund und weit weniger nahrhaft! als die gewöhnliche Kost ist; wäre da nicht, namentlich ' im Hinblick auf die Zartheit und die gegenwärtige | Entkräftung des 'Kindes —" „Nonsens. Nonsens," fiel der Doktor ein. „die , rituelle Kost, wenn dieselbe auch vielleicht in mancher I Beziehung weniger nahrhaft wäre, so ist sie doch im ‘ Allgemeinen ungleich zuträglicher, als die gewöhnliche! Kon. Und was es das Kind kosten würde, auch nur ein; nicht rituell bereitetes Stückchen Fleisch zu genießen t \ — nein, nein, das dürfen Sie der Kleinen nicht zu- - muthen — ich spreche aus Erfahrung."! „Aus Erfahrung?" i „Nun ja freilich, aus eigener Erfahrung, denn ich. erinnere mich noch sehr wohl, wie unsäglich schwer es mir geworden, mich an nichtrituelle Kost zu gewöhnen."; „Das rann ich von -mir nicht behaupten," enigegj neie Grünwald lächelnd, „mich har es durchaus keine ■ Überwindung gekostet, im Gegentüeil." „Ach so. Sie haben vermuihlich hinter dem Rücken Ihrer Eltern damit begonnen, und nach dem Erj chhrungssatz, verbotene Früchte sind die süßesten, haben j Ihnen die verbotenen Speisen ganz besonders geunundei. Bei mir war es jedoch anders, so lauge meine Eltern gelebt haben, hätte ich um keinen Preis eine nicht rituell bereitete Speise genossen. Aber meine Muner ist schon früher gestorben, meinen Barer habe ich verloren, als ich zwanzig Jahre ah war, und mit ihm habe ich auch den geringen Betrag verloren, den ich allmonatlich von ihm erhalten. ' Ich war nun vollständig mittellos, und da ich mich nicht entschließen konnte, die Wohlthängkeii von Privaten oder auch nur - von Vereinen in - Anspruch zu nehmen, führte ich ein überaus kümmerliches Dasein. Da gelang es mir beim Laden, einem Knaben das Leben zu retten: die Eltern fühlten sich mir überaus ' verpflichtet und drangen wiederhol: in mich, die Erziehung ihres Sohnes zu übernehmen, wofür sie mir vollständige Verpflegung - und ein kleines Honorar, für das ich meine Kleidung bestreiten konnte, anboien. Mit raufend Freuden wäre ich darauf eingegangen, wenn sie Juden gewesen wären, so aber konnte ich mich nicht dazu entschließen, so verlockend mir ihr Anerbiethen auch schien, denn es ging mir sehr schlecht, nicht selten mußte ich so leben, wie Ihr Töchterchen in den jüngst verflossenen Wochen von Wasser und Vrod." „Ta haben Sie sich endlich doch entschlossen, wenn auch nicht in den sauren Apfel, so doch in ein Schintenbrödchen zu beißen. Ja, ja, Noch kenn: kein Gebot." „Das isi's, aber schließlich war es ein Win, und. wie ich offen gestehe, sogar ein dummer Wig, der den Ausschlag gegeben Hai. Die dortige israelitische Gemeinde war nämlich in zwei Parteien gespalten, von denen jede behauptete, daß die Institutionen der anderen den Re.igionsgesenen nicht vollständig entsprächen und jeden verdammten, der bei einem Mitglied der andern Parier Frencyspeisen genoß. Eines Tages, als der Vater je"., hm Ker einmal vergebens in mich gedrungen, den Posten bei ihm anzunehmen, kanten ein.tge Kollegen zu mir, die sich, über das, was mir noch Skrupeln machte, längst hinweggesetzr bauen.' Was bist Tu dom für ein-entsetzliches Rhinozeros, sagte der Eine. Tu wirst Dich noch vollständig zu Grunde richten Te . . ' rere essen wollen. Was ist denn dabei, ob.man hier ißt oder dorr? Ich will Dir beweisen, daß es selbst vom Standpunkt der frommen Juden kein Unterschied ist, ob man bei Juden oder- Nichtjuden ißt, sagte der Andere, ich habe einen der Frömmsten der einen Partei gefragt, ob man bei dem Meier Levi, der zuden Frömmsten der anderen Partei gehört, essen dürfe. Da ha: der Kohn gesagt: „wenn Sie bei dem Levp essen wollen, können Sie ebensogut Ehasser essen." Darauf habe ich den Leon gefragt, ob' man bei Kohn essen dürre, da ha: Levy gesagt, „wenn Sie-bei Kohn essen wollen, können Sie auch Trefes essen." Also nimm Du nur den Posten an, der Dir angeboren wird, -selbst die Frömmsten können Dich mit Recht nicht tadeln, wenn -Du irgendwo issest, wo es in religiöser Beziehung nach dem Ausspruch des Levi ebenso ist, wie bei Kohn." — Wir haben über diesen dummen Witz viel gelacht, aber den Posten habe ich angenommen und mich nach einiger Zeit auch ganz behaglich in dem betreffenden Hause