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Der Israelit · 1904-03-03 · Heft 18 (3.3.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 18 (3.3.1904)
Date
1904-03-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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„Ein kleiner, verwachsener Jude mir Spitzbart und frarrem Höcker trat, ohne sich viel um die Anwesenden zu kümmern, doch mit ängstlichen Schrilten in den Hörsaal und blieb unfern der Eingangsthür stehen. Sie gewöhnlich begannen Hohn und Spot:, die Zuletzt in Schnalzen, Pfeifen und Stampfen übergingen; aber zum allgemeinen Erstaunen blieb der Fremde auf seinem Plan wie festgebannr, mit einer eisigen Ruhe, mW hatte sich sogar, um seinen Willen, den Professor zu erwarten, deutlich an den Tag zu legen, eines dastehenden Stuhles bedient und darauf Platz genommen. Alan näherte sich ihm, man fragte, er antwortete kurz. und arnig, er wolle dableiben, um Kants Bekannrschafi zu machen. Nur sein (Kants) Erscheinen konnte endlich den Lärm beschwichtigen. Sein Vortrag lenkte die allgemeine Aufmerksamteil auf andere Dinge, und -nan ward so hingerissen, so versenkt in das Meer von e" Leben, daß man der Erscheinung des Juden längst nicht mehr gedachte, als dieser nach beendigtem Kollegium sich mir einer Heftigkeit, die mit seinem früheren Gleichmut!) seltsam tonirasiirie, durch die Menge drängte, um zum Karheder zu gelangen. Die Studirenden bemerkten ihn kaum, als wieder das höhnische Gelächter erschallte, das aber sogleich einer stummen Bewunderung wich, da Kant, nachdem er einen Augenblick den Fremden bedeutsam betrachtet und dieser einige Worte gesagt harre, ihm mit Herzlichkeit die Hand drückre unb dann in seine Arme schloß. Wie ein Laufsteuer ging es durch die Menge: „Mostes Mendelssohn! Es ist der jüdische Philosoph in Berlin!" und ehrerbietig bildeten die Schüler eine Gaste, als dir beiden Weltweisen Hand in Hand den Hörsaal Verlusten." lleber den Eindruck, den Mendelssohn auf Kant machte, schrieb dieser einige Tage darauf an seinen Srbüler. den glühenden Kantianer Markus Herz, Arzt in. Berlin: „Einen solchen Mann von so sanfter Ge- -nü'hsarr, guter Laune, Hellem Kopf in Kön.igsberg zu beständigem und inniglichem Umgänge zu Herden, würde diejenige Nahrung sein, deren ich stier so gänzlich entbehren must und die ich mir der Zunahme der Jahre wesentlich vermisste. Ich habe es :nd essen nickt so einzurichren gewußt, daß ich von. dieser einzigen Gelegenheit, einen so raren Mann zu genießen, recht Härte Gebrauch machen rönnen, zun: Theik aus Besorgnis;, ihm etwa in stnneu diesigen Geschäften hinderlich zu werden. Er n. mir Vorgestern die Ehre, zweien meiner Bor- . j ungen beizuwohnen, a. la fortnn« du per. wie man f •er: könnte, indem der Tisch auf einen so ansehnlichen o'r nicht eingerichtet war." Auch hier leuchtet wieder die Bescheidenheit Kants und seine selbstlose Anerrenmden Verdienstes glänzend hervor. Besondere Anerkennung bezeugte Kant der 1738 erschienenen Eckrift Mendelssohn": „Jerusalem oder über religiöse Mock: und Judenthum". „Ich halte dieses Buch," so; vi cko Kant am 18. August 1783 an Mendelssohn, £ | „für die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und forrrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mir einem solchen Grade von Gewissenhaftigkeit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugerrau: Häme und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Norhwendigkeir einer unbeschränkten Gewissensfreiheit so gründlich und hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unserersteiis daran wirb denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondere, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentichen Religionspuntie - vereinigen muß; denn alle das Gewissen belästigenden Religionssätze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht." Und indem er seiner Bewunderung für den sonnenklaren, gemeinverständlichen und anmuihigen Stil Ausdruck gibt, schließ: er: „Es ist nur e i n Mendelssohn." Frankreich. Paris. In einer Sitzung der Sorbonne, welche unter dem Vorsitz des Minister Schumter staitfand, wurde unser Glaubensgenosse Dr. N. S l o u tz mir der Abhaltung eines Kursus über „die hebräische Sprache und die Neuhebräische Literatur" beauftrag:. Gleichzeitig wurde beschlossen, die hebräische Sprache unter die lebendigen modernen Sprachen einzureihen, in der man ans Wunsch beim Examen sich prüfen lassen Sn. Außer den verbreitetsten europäischen Sprachen ha::e bisher nur die russische Sprache dieses Vorrecht. Die Anerkennung der hebräischen Sprache als lebendige seitens einer der ältesten Universitäten Europas wird den Freunden der heil. Sprache und ihrer Literatur eine große Genugchuung bereiten. Rußland. Diluaburg, im Febr. Einen Akt wahrhaft jüdifther Tugend, der Ehrung des Greisenalters und der würdigen Erinnerung an einen edlen Dahingesckiedenen, beging vor einigen Tagen unsere Gemeinde durch die Einweihung unb Eröffnung des von Frau S. I. Sachs gestifreten, dem Andenken ihres so plötzlich dahingerafften, verdienstvollen Gaten gewidmeten Al:en- I wims. Man muß die beispielslose Armurh, die lief \ traurige Lage der Aermsten der Armen, der arbetsunrähigen Al:en und Gebrechlichen im russischen Ghetto aus eigener Anschauung kennen, um die Wohlthaten eines Hellen, freundlichen Heimes, eines Asyls für die Unglücklichsten der Unglücklichen richtig bewerihen zu können. Dementsprechend bot auch die Feier der Einweihung ein wahrhaft ergreifendes Bild. Um 1 Uhr Mimags versammelten sich die Notablen der Stadt, der Oberbürgermeister, mehrere höhere Magisiraisbeamre,

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