Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 17 (29.2.1904)
- Date
- 1904-02-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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370 Zeitungsnachrichten und Correspondenzerr. Deutschland. Berlin, 27. Febr. Aus zuverlässiger russischer -Quelle verlautet, dass einige 40 Familien jüdischer Aerzte aus Petersburg, Moskau und Kiew ausaewiesen' werden, weil sse durch die Entsendung ihrer Familienväter nach der Mandschurei das Recht verloren haben, ausserhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen. Stuttgart, 25. Febr. Anlässlich des heutigen Geburtsfestes des Königs erhielten nachstehende Israeliten Auszeichnungen: Geh. Kommerzienrath Oberkirchenvorsteher Alex. Pflaum den Olgaorden, Rechtsanwalt Gemeinderath Dr. Schloss, in Heilbronn das Ritterkreuz I. Kl. des Friedrichsordens, Vorsänger Gundelfinger hier die Verdienstmedaille des Kronenordens, B. und S. L ä m m l e in Laupheim den Titel eines Hoflieferanten. In Eßlingen feierte diese Woche das S. Lauchheimer 'sche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit im Kreise von sieben Kindern, elf Enkeln und zwei Urenkeln. Lauchheimer ist 78. seine Frau 72 Jahre alt; beide sind noch rüstig. Ttrasrburg i. <£., 26. Febr. Ein Seitensiuck zu dem technischen Kongress, der dieser Tage in Petersburg tagte, von welchem in einer der jüngsten Nummern des „Israelit" berichtet wurde, dass cs auf Anordnung des Ministers des Innern geschlossen worden ist, bildet ein Vorgang, der sich ebenfalls erst kürzlich in Petersburg abspielte, der ein nettes Pröbchen von moskowitischer Kulturträgerei liefert. Da ist ein Aerztekongress, welcher über die Bekämpfung der Tuberkulose und die Volksgesundheitspflege verhandelte, der polizeilichen Auflösung verfallen. Und das kam, laut Bericht der Strassburger „Bürger-Zeitung", so: Man klagte auf dem Kongress allgemein darüber, dass das Volk in völliger Unkenntniss sei über die elementarsten Grundsätze der Hygiene, und dass der Alkoholismus der Lungenschwindsucht immer mehr die Bahn bereite. Man war sich einig dahin, dass die Verderblichkeit des Schmutzes und des Alkoholismus am besten bekämpft werden könne, durch die Belehrung der Volksmassen und dass sich hier der Presse ein weites Gebiet aufthue, auf dem sie unendlich segensreich wirken könne für das Volk und für das Vaterland. Sollte aber, so konkludirte man weiter, die Presse ihre Aufgabe erfüllen können, so müsse sie von den Fesseln befreit werden, die ihr die Zensur auferlege. — Schon hierin sah die polizistische Staatsstütziakeit in Russland einen unzulässigen Angriff auf die Autorität der Negierung, die ohne eine Knebelung der Presse nun einmal nicht auskommen zu können glgubt, und sie begann den Aerztekongress mit scheelen Blicken anzusehen. Den vollgültigen Beweis aber für die Staatsgefährlichkeit des Kongresses fand der herrschende Büttel in der Thatsache, daß der Kongress die Ghettos in den Städten, in denen die Juden mit rücksichtsloser Brutalität zusammengetrieben werden, als gefährliche Seuchenheerde bezeichnete, die im Interesse der Volksgesundheit unbedingt, zu beseitigen seien. Als das Ergebniß der Berathungen in eine Resolution zusamniengefaßt wurde, in welcher die Aufmerksamkeit gelenkt wurde auf die Gefahr, die aus der künstlichen Zusammenpferchung der jüdischen Bevölkerung der Städte und Flecken Süd- und Westrußlandes entstehe, erfolgte die Auflösung des Kongresses. So sieht es bei den russischen Kulturträgern aus. Natürlich müssen sich nun die Aerzte hüten, auf dem Wege der Tuberkulosebekämpfung weiterzuarbeiten. Bei der Polizei gelten sie wahrscheinlich ohnehin schon als Anarchisten, und wenn sie fortfahren, auf die Beseitigung der Tuberkulose zu drängen, so vermittelt ihnen der Herr Minister für Volksaufklärung am Ende auch eine nähere Bekanntschaft mit Sibirien. Friedberg. (Israelitische Wanderlehrer.) Aus Oberhessen wird geschrieben: Eine israelitische Religionsgemeinde in einem Dorfe Oberhessens engagirte einen Kantor und Lehrer mit einem Jahresgehalt von 400 Mark. Der Mann hatte gar nicht mehr gefordert und übte sein Amt sehr zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber aus, bis man nach längerer Zeit dahinter kam, daß der Lehrer bis weit über die Provinz hinaus wohlhabende Glaubensgenossen mit grossem Erfolge durch Bettelbriefe brandschatzte. Unter solchen Umständen wird man nicht umhin können, für die Folge die Religionslehrer besser zu bezahlen, und sie zur Aufbringung der Mehrkosten für verschiedene Gemeinden als Wanderlehrer anzustellen, was ganz gut möglich ist. England.. London. Unter den Vorlagen, welche die englische Thronrede ankündigt, befindet sich auch die, betreffend die Miss stände der Einwanderung von Verbrechern und Armen. Die Gesetzesvorlage enthält zunächst die Bestimmung, dass jeder das Gebiet des Vereinigten Königreichs betretende Einwanderer einen von der Behörde seines Landes ausgefertigten Paß vorzuzeigen hat, der eingehende Angaben über sein Vorleben enthält. Personen. deren Passausweis zu irgend welchen Bedenken Anlass gibt, sollen von der Landung ausgeschlossen und auf Kosten der Schiffahrtsgesellschaft, mit der sie die Hinreise abgeschlossen haben, sofort zurückbefördert werden. Aber auch alle übrigen Einwanderer, die zugelassen werden, sollen innerhalb der ersten fünf Jahre ihres Aufenthalts in England einem Ueberwachungsbureau unterstellt und verpflichtet sein, von Zeit zu Zeitt der zuständigen Vezirksbehörde über ihre Thätigkeit etc.