Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 17 (29.2.1904)
- Date
- 1904-02-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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371 Meldung zu erstatten. Schließlich solle die Bezirksbehörde befugt sein .den Zugang weiterer Einwanderer zu untersagen, falls der Bezirk nach ihrer Meinung bereits genügend Bewohner fremdländischer Herkunft auszuweisen hat. Wird diese Vorlage Gesetz, woran leider nicht zu zweifeln ist. so hat die Agitation gegen die jüdische Einwanderung ihr Ziel, auf das sie seit Jahren mit aller Energie hinsteuert, vollauf erreicht, und England hat dann wieder aus eines seiner schönsten Vorrechte, allen Heimathlosen ein Asyl zu gewähren, freiwillig verzichtet. Rußland. Kischinew, 22. Febr. (Der zweiteProzeß gegen die Kischinewer Exzedenten.) Heute begann der zweite Theilprozeß gegen eine Reihe von Theilnehmern an den Excessen gegen die Juden am 19. und 20. April v. I. Der hierzu delegirte Gerichtssenat aus Odessa ist heute hier eingetroffen. Den Vorsitz wird wieder Gerichtspräsident D a w i d o w führen, der in der letzten Zeit in Petersburg geweilt hat, offenbar um sich Instruktionen zu holen; die Anklage vertritt Staatsanwalt N. F. Dschibelli. Am 22.. 23., 24. und 25. Februar soll die Verhandlung gegen je zwei Angeklagte durchgeführt werden, welche der Ermordung je einer Person angeklagt sind. Am 26. Februar kommen 59 Angeklagte an die Reihe, darunter 17 Jnhaftirte, welche angeklagt sind, am 20. April vorigen Jahres Jakob Tuvik. sowie Sarah und Siffia Panarassi ermordet zu haben. Die Mehrzahl der Vertheidiger ist vom Gerichte bestellt. Als freiwillige Vertreter der beschädigten Juden fungiren unter anderen Schamonin aus Moskau und Perewersew aus Petersburg, deffen Intervention jedoch zweifelhaft sein soll. Es wird sich bald zeigen, ob es möglich sein wird, das Repertoire einzuhalten. Bei dem ersten Prozeß im Dezember vorigen Jahres war es bekanntlich nicht möglich, die zahlreichen Zeugenvernehmungen in wem gcr als fünf Wochen zu bewältigen. Allerdings haben sich die großen Advokaten, die den geschädigten Juden anfangs als Vertreter zur Seite gestanden hatten, in Folge der der Erforschung der Wahrheit bezüglich der Organisation der Excesse in den Weg gelegten Hindernisse mit Protesten gegen die Leitung der Verhandlungen zurückgezogen, und Niemand wird jetzt den offiziellen Vertheidigern und den freiwilligen Vertretern der Mörder auf die Finger sehen, wenn sie auf eine rasche und ihren Klienten günstige Erledigung des Prozesses hinwirken werden. Kischinew, 24. Febr. Im Prozesse wegen der Ausschreitungen im April vorigen Jahres beträgt die Zahl der Angeklagten 68. Die wegen Ermordung Kohans angeklagten Notar und Kuiban wurden freigesprochen, letzterer wurde aber wegen Theilnahme an den Unruhen zu einem Jahre Arrestantenkomvagnie verurtheilt. Die Civilfordcrung wurde abgewiesen. Die Verhandlung wegen der Ermordung der Jüdin Kosa wird wegen Nichterscheinens wichtiger Zeugen vertagt. Wegen Ermordung des Juden Ullmann werden zwei von drei Angeklagten verurtheilt, mämlich der eine zu einem Jahre Gefängniß, der zweite zu 2\'-> Jahren Arrcstantenkompagnie und Schadenersatz von 5000 Rubel an die Wittwe Ullmanns; der dritte Angeklagte wurde freigesprochen. Kischinew, 25. Febr. Im zweiten Prozeß wegen der Ausschreitungen im Avril 1903 wurden die Gebrüder P e t r e s k o zu je vier Jahren Zwangsarbeit wegen des Mordes an Jtzko und Judko Krupnik und wegen Verwundung des Uschanierskis venrtheilr. Die Zivilforderungen wurden abgewiesen. — Der Gouverneur von Vessarabien. Fürst Urussow, hat die Vertreter der jüdischen Gemeinde. Dr. Mutschnik und Dr. Slazki, zu sich beordert und ihnen vorgehalten, daß in der jüdischen Bevölkerung eine zu geringe Vegeisterung für den Krieg gegen Japan bemerkbar sei. Er belehrte sie. daß es ihre Pflicht sei, sich mit großen Spenden an den Sammlungen zu militärischen Zwecken zu betheiligen, und das; die Juden nicht patriotisch handeln, wenn sie — wie es im ganzen Reiche von Kaufleuten aller Konfessionen vielfach geschah — ihre Guthaben bei der Reichsbank zurück ziehen. Aehnliche Mahnungen richtete er auch an die Rabbiner in Kischinew. — In Kischinew fand dieser Tage ein großer Bittgottesdienst der Talmudtoraschulen in Anwesenheit von 3000 jüdischen Schülern für den Sieg der russischen Waffen statt. Zugleich aber durchzogen patriotisch gestimmte und „Urrha" rufende christliche Schaaren die Stadt, „Hoch Kruschewan!" rufend (bekanntlich der Redakteur des „Vessarabetz"), wobei zahlreiche Fensterscheiben in jüdischen Häusern eingeschlagen wurden. Rumänien'. Bukarest. Wie aus Rumänien berichtet wird, hat sich der Minister des Innern Vasile Lascar erfreulicher Weise genöthigt gesehen, auf die von ihm geplante Reform der Organisation der Landgemeinden zu. verzichten. Der leitende Grundsatz der von ihm cingebrachten Gesehesvorlage war bekanntlich, je einige von den bestehenden kleinen Landgemeinden zu einem einzigen Verwaltungsganzen zu vereinigen, um dadurch eine straffere und billigere Verwaltung und Kontrolle herbeizuführen. Diese „zentralistische" Tendenz stieß auf Widerstand bei der Parlamentsmehrheit, die fest entschlossen war, die Vorlage zu Falle zu bringen. Andererseits war Lascar geneigt, die Vertrauensfrage zu stellen und in dieser Weise eine Ministerkrisis herbeizuführen, die unfehlbar zum Rücktritte des Eabinetts hätte führen müssen. Nach langen Unterhandlungen ist es schließlich