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Der Israelit · 1904-02-28 · Heft 17 (29.2.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 17 (29.2.1904)
Date
1904-02-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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366 auf alles mit solch innigem Verständlich ein, daß er sie' mehr und mehr schätzen lernte. Mehr als eine Stunde war verstrichen, als er sich endlich von ihr und den beiden kleinen Mädchen, die in traulicher Unterhaltung verlieft waren, verabschiedete. „Frieda läßt Dich grüßen," sagte er. als er zu seiner Frau in's Zimmer trat. Sie machte eine wegwerfende Bewegung. „Ich bin froh, daß Du das trotzige Kind fortgebracht hast, es war in Wirklichkeit kein Auskommen mehr mit ihr." Er athmete schwer auf. „Ich fühle mich dem Doktor in der That verpflichtet, daß er uns auf die Frau des Verwalters aufmerksam gemacht hat, die wird das Kind pflegen —" „Und wie sie es verziehen wird! Natürlich, wenn der Bankier Grünwald sein großes Mädchen selbst zu ihr trägt, da muß sie wohl glauben, daß sie wie eilte Prinzeffin behandelt werden soll, dann wird es noch viel ärger mit ihr sein." „Aber ich bitte Dich, Aurelie, nimm doch Vernunft an. Der Doktor hat gesagt, es wäre besser, das Kind heute nicht gehen zu lassen, der Schwindelanfall tonnte sich wiederholen —" „Aber detzhcilb hättest Du sie doch nicht selbst hinübertragcn müssen, es ssnd doch Dienstboten da —" „Das ist richtig , daran habe ich im Augenblick nicht gedacht. Aber was schadet es, daß ich sie hinüber getragen habe? Diese paar Schritte! Niemand hat es gesehen — wir sind doch hier auf dem Lande." „Auf dem Lande kann man auch die Dehocs wahren. Aber Du und der Dr. Baßler — na. der darf mir wenigstens nicht wieder über die Schwelle." „Wenn Du ihn nicht rufen lassest, wird er nicht zu Dir kommen, denn das Kind wird er von Zeit zu Zeit bei dem Verwalter besuchen. Aber was hast Du auf einmal gegen ihn? Sonst warst Du doch sehr für ihn eingenommen." „Ja. früher, da war er ein anständiger, bescheidener Mann, da habe ich ihn ganz gern gesehen. Aber seit er die Gräfin Steinfels behandelt und alle Tage mindestens einmal in ihr Haus kommt, seitdem ist ihm der Kamm geschwollen, kaum daß man eine anständige Antwort von ihm bekommt." „Ich begreife nicht, was Du an ihm zu tadeln findest, es war doch überaus schön von ihm, daß er mit zu dem Verwalter gegangen ist, wer weiß, ob sie es ohne dies gethan hätten, und da Du dem Kinde absolut keine rituelle Kost geben willst, was hätten wir thun sollen?" „Was ich gesagt habe und was der freche Mensch einen nettest Witz genannt hat, das hatten wir thun solle?? üstb tfaVfouleu wir noch ihum" " Er lachte kurz und ärgerlich. „Meinst Du wirklich. ich würde das zugeben oder ich würde mein Kind nicht vor Deinen Mißhandlungen zu schützen wissen? Ich habe Dir viel nachgegeben, ich fürchte allzuviel, aber wer mir mein süßes Mädchen anrührt —" Sie zuckte spöttelnd die Achseln. „Sie soll mir nur wieder in's Haus kommen — das werde ich ihr verbieten." „Man kann sie ja dauernd dort lassen." „Wirklich? Du willst sie immer bei den Verwaltersleuten lassen?" „Vielleicht wäre es das Richtigste, die Frau gefällt mir ausgezeichnet. Aber ich weiß nicht, wie es mit dem Unterricht sein würde? Da wird es doch das Beste sein, sobald sie sich genügend erholt haben wird, sic in ein israelitisches Pensionat zu geben. Gleich morgen werde ich an verschiedene Bekannte darüber schreiben." „Kommst Du schon wieder mit dem Unsinn! In des Doktors Gegenwart wollte ich Dich nicht darauf aufmerksam machen, aber es wäre doch geradezu lächerlich, vor drei Wochen wurde sie getauft und —^ „Frieda getauft?!" fuhr er auf. Sie wechselte die Farbe. „Stelle Dich doch nicht so, als ob Du nichts davon wüßtest, ausdrücklich hast Du gesagt, ich soll machen, wie es mir gut dünkt." „Da war von den Knaben die Rede, weil Du immer geklagt hast, wenn sie nicht getauft würden, könnten sie nicht Karriere machen." „Entschuldige, es war von den Kindern die Rede!" „Nun ja, von den Kindern, die Du taufen lassen wolltest, damit sie in der Karriere nicht gehindert würden. Das hat sich doch nicht auf Frieda beziehen können." „Ich habe es auch auf Frieda bezogen." „Das war infam von Dir!" schrie er. „Fluch meiner Schwäche Dir gegenüber! Du hast unser Kind unglücklich gemacht!" „Ach, höre schon auf mit Deinen Uebertreibungen!" In heftigster Erregung rannte er im Zimmer hin und her. „Mein süßes kleines Mädchen! Mein armes, armes Kind getauft! Und wie ihr alles so ernst war und so heilig, die ganze Woche hat sie sich auf den Sabbat gefreut — und wie sie an dem Großvater gehangen —" „Der hat ihr seine Schrullen in den Kopf gesetzt, das habe ich doch immer gesagt, daher kommen alle die Annehmlichkeiten." „Aber nein, nein!" rief er. „ich geb es nicht zu, das Kind soll nicht unglücklich sein. Du hast sie taufen lassen, ich lasse sie wieder zurücktreten zum Judenthum. Gleich morgen gehe ich zu einem Rechtsanwalt, er soll die erforderlichen Schritte thun." „Aber mache Dich nicht lächerlich! Willst Du unS denn mit Gewalt in das Gerede der Leute bringen? — Und überdies. Frieda liegt gar nichts daran/daß ste getauft ist, das hat sie selbst gesagt." „Ihr liegt nichts daran? Unmöglich!"

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