Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1904)
- Date
- 1904-02-25
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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m 368 i t r MW Scheu die Topfe betrachtend ging er um den Tisch herum. Nach einiger Zeit siegte wieder die Neugierde über ihn. und er lüftete den Deckel des anderen Topfes. Abermals entstieg leichter Dampf der Oeffnung, diesmal den Geruch nach Erbsensuppe verbreitend. Schnell klappte er auch diesen Deckel wieder zu und ging kopfschüttelnd einige Male im Zimmer auf und nieder. Die Sache war ihm unerklärlich, unfaßbar. Was nun machen? In die Öffentlichkeit durfte von dieser verflixten Geschichte nichts kommen, sonst war sein ganzes Ansehen dahin. Sinnend stand er vor den beiden Unglücks topfen. Selbst vor Frau und Kind muhte der Vorgang geheim gehalten werden, das verlangte seine Würde als Gatte und Vater. Jetzt kam ihm ein rettender Gedanke. Er stellte beide Töpfe auf den Schrank und deckte ein Tuch darüber, so waren sie aus dem Wege. Am kommenden Tage sollten sie wohlverpackt in aller Frühe fortgeschafst werden. Beruhigt setzte sich Schlome zu Tische, und als gleich darauf Mutter und Tochter eintraten, wurde die Mahlzeit in gehobenster Stimmung eingenommen. Schlome hatte auch zu Hause nichts von dem auf Moritz gefallenen Lotteriegewinn erwähnt; er fürchtete die Geschwätzigkeit der Frauen. Bei Tische wurde die am Abend vor sich gehende Verlobung nochmals besprochen. Dieselbe sollte glänzend gefeiert werden. Auf einige hundert Gulden mehr oder weniger sollte es dabei nicht ankommen. Heimlich dachte Schlome dabei, daß er bei der Abrechnung Samson, schon über's Ohr hauen werde. Als der Sabbat zu Ende war. fanden sich nach und nach der größte Theil der Gemeindemitglieder im großen Saale der „Goldenen Krone* ein, um der Einladung Schlome Meiers folgend, an der Verlobungsfeier seiner Tochter Lea mit Moritz Meier Tbeil zu nehmen. Viel besprochen wurde die unerklärliche Verwirrung. die am Mittag beim Austragen der Speisen vom Chaletofen entstanden waren, und vergebens zerbrach man sich die Köpfe, wer wohl Asche zum Warmhalten beigesetzt haben möchte? Niemand ahnte die wahre Ursache! Jetzt war die Versammlung vollzählig. Stolz erhob sich nun Schlome und verkündigte die Verlobung seiner Tochter Lea mit Moritz Meier. Brausende Hoch- und Masseltofrufe durchbrausten den Saal und das Händedrücken und Glückwünschen wollte kein Ende nehmen. Nun klopfte auch Samson Meier an sein GlaS und bat um Gehör. Er rühmte in seiner Rede den Edelsinn seines Freundes Schlome, der die Tochter mit 10,000 Gulden Mitgift seinem (Samsons) vermögenslosen Sohne zur Frau gab. Er brachte ein Hoch aus auf den edlen Freund Schlome Meier, das brausendes Echo fand. Als Samson sich wieder gesetzt hatte, stieß ihm Schlome listig lächelnd in die Seite und sagte: „Du bist doch ein verteufelt schlauer Fuchs, Du verstehst es, die Leute hinteres Licht zu führen!* „Wieso, lieber Schlome?* fragte Samson erstaunt. „Sei nur still, Freund! Du hast recht, ganz recht.* Und Schlome rieb sich vor Vergnügen die Hände. „Allerneuste Depesche!" schrie in diesem Augenblicke ein Junge von der Thür aus in den Saal hinein. „Allerneueste Ziehungsliste der Lotterie!" „Aha!" dachte Schlome, „jetzt wollen wir Dich gleich sestnageln, Freund Samson.* Er winkte den Jungen heran und kaufte ihm eine Ziehungsliste ab. Sein erster Blick galt den Haupttreffern. Hier stand: Nr. 2960 — 200,000 Gulden, Nr. 1766 — 100,000, Nr. 24,790 — 50,000 und — — Nr. 22,110 — 10,000 Gulden. Schlome wurde es grün und blau vor den Augen, er fuhr sich mit dem Rücken der Hand darüber hin, aber er täuschte sich nicht. In seiner Erregung vergaß er alle Vorsicht und fragte nun ziemlich erregt seinen Freund Samson: „Was hat eigentlich Moritz für eine Nummer?" „Wieso kommst Du auf diese Frage, Schlome?" „Nun. Moritz spielt doch auch in dieser Lotterie!" . Moritz? — Kt in, so viel ich weiß, spielt Moritz überhaupt nicht!* „Was!-Moritz spielt überhaupt nicht?!* Schlome sah seinen Freund völlig erstarrt an. „Gestehe es nur ein. Samson, Moritz hat doch gewonnen!?" — „Davon weiß ich absolut nichts!" betheuerte dieser. „ „Da soll aber doch gleich .... * wüthend sprang Schlome auf und stürmte der Thüre zu, denn soeben hatte er das verschmitzt lächelnde Gesicht David Kohn's gesehen. Als dieser aber Schlome so wüthend aufspringen und auf sich zustürzen sah. ahnte er nichts Gutes und verschwand mit affenartiger Geschwindigeit durch den Korridor nach dem Hofe zu. Schlome war aber schneller, als David gedacht. Eben, als er hucken hinaus schlüpfen wollte, wurde er von dem erbosten Schlome am Kragen gefaßt und festgehalten. __