Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1904)
- Date
- 1904-02-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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323 -bleibt vielmehr berechtigt, jederzeit Kasten, die ihm aus irgend einem Grunde nicht Zusagen, d« Aufnahme zu verweigern. Ist der Wirth gewillt, von diesem Rechte den Angehörigen einer ganzen Bevölkerungsklasse gegenüber Gebrauch zu machen, so ist er an der Verwirklichung dieser Absicht im einzelnen Falle nicht gehindert und ebenso daran, sein Vorhaben öffentlich kundzugeben, weil er eben dabei nur von einem Rechte Gebrauch machte. Die Veröffentlichung erscheint sogar insofern als zweckmäßig (!?), als dadurch den betreffenden Reisenden die Unannehmlichkeit erspart wird, eine persönliche Berührung mit dem ihnen nicht wohlgesinnten Gastgeber zu vermeiden, wodurch vielleicht für beide Theile unliebsame Weiterungen verhütet werden. Außerdem kann es auch für manche Gäste von Interesse sein, zu wissen, daß gewisse Bevolkerungsklasscn in dxm Gasthofe nicht verkehren. Mit der Aufschrift: „Judenreines Haus" gibt aber der Gastwirth seiner Mißachtung und der Ansicht Ausdruck, daß durch den Verkehr von Juden sein Haus ohne Weiteres verunreinigt werde, daß die Berührung der anderen Gäste mit den Juden eine Gefahr der Verunreinigung für die ersteren bilde, daß ein reinlicher, anständiger Mensch ein Zusammentreffen mit Juden im Gasthofe nicht zu besorgen habe. Eine solche Verunglimpfung und Verächtlichmachung einer ganzen Volksklaffe, der Angehörigen einer vom Staate anerkannten Religonsgemeinschast, von Staatsangehörigen, die im Vollbesitze der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte sind, und die ständige Kundgebung solcher Gesinnung auf einer au hervorragender Stelle angebrachten Aufschrift ist jedoch eine Ordnungswidrigkeit. welche die Polizei zum Einschreiten berechtigt." Wir konstatiren, diese dem Rechte und der Gerechtigkeit entsprechende Entscheidung mit Freude und sprechen unseren Wunsch aus, daß auch iu Meiningen, wc ein Schustermeister auch ein ähnliches Schild auf seiner Werkstatt schon vor sechs Jahren angebracht hatte, die Polizei dagegen einschreiten wöge. Wie dem Schreiber dieser Zeilen von einer , maßgebenden christlichen Persönlichkeit mitgetheilt wurde, so ist bei diesem Schuster, der Antisemitismus „Mittel zum Zweck." Durch Mangel au Arbeit brachte er an seiner Werkstatt das Schild: „Judenreines Haus" an, worauf die Führer des Antisemitismus ihn in die Höhe hoben, ihn als Kampfgenossen erklärten und ihn mit Arbeit überschütteten. Ja, jeden Tag ist deutlich zu ersehen. wie verkannte Genie's (IV.) ungebildete, rohe Leute u. a. m. denen alle Wege zu einer ehrlichen Existenz verschlossen sind, sich in die antisemitische Be-, wegung wersen und mit welcher Freude sie von den Führern ausgenommen und unterstützt werden. Nur wir Juden stehen mit verschränkten Armen da! Wie lange noch wird die jüdische Presse unsere Brüder zu energischem Eingreifen und Kämpfen gegen den Antisemitismus auffordern müssen? Wie lange noch wird es dauern, daß nicht jeder Jude es als seine Pflicht und Schuldigkeit ansieht, gegen den Antisemitismus mit Leib und Seele einzutreten?! Jakob Schön. München. Die Blatter brachten dieser Tage einen langen Armeebefehl, der die interessante Thatsache enthält, daß mehrere Offiziere der Reserve und Landwehr nitt Namen, die auf jüdische Abkunft schließen lassen, zu Hauptleuten ernannt worden sind! Da auf den Namen allein bei den heutigen Verhältnissen nichts mehr zu geben ist. erscheint es nicht sachdienlich, diese Namen hier zu nennen. Wer die militärischen Verhältnisse kennt, weiß, daß der Weiterdienende wohl seinen Abschied nehmen müßte, wenn er übergangen würde, weßhalb eigentlich die Thatsache der Beförderung nicht sehr auffällig ist. Die Ernennung von Juden zu höheren Offiziersstellen ist übrigens heutzutage gegen früher nicht mehr häufig, wenn auch einzelne indische Einjährigfreiwillige von bervoragender Führung die Qualifikation zürn Reserveoffizier noch zu erlangen in der Lage sind. Ungarn. Budapest. tS i l b e r n e H o ch z e i t s f e i e r.) Dieser Tage begingen hier in der Hauptstadt Bankdirektor Herr Moriz H e r z f e l d und Gemahlin aus Vügujhely in engem Familien- und intimen Freundes-; kreise das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Verwandte und; Freunde von Nah und Fern benützten freudigst diese Gelegenheit, um dem verehrten Jubelpaare ihre herzinnigsten Gratulationen darzubringen. Wie man vernimmt, beabsichtigt die isr. Kultusgemeinde zu Vngujhely auf Initiative ihres Präsidenten Herrn Jgn. Sonnenfeld. Herrn Herzfeld, der Jahre hindurch ihr Präses war. in solenner Weise zu ehren und eine Feierlichkeit zu veranstalten, bei welcher ganz besonders die unvergänglichen Verdienste hervorgehoben werden sollen, welche sich der Jubilar um die dortige jüdische Gemeinde, Real- und Mädchenbürgerschule erworben hat. Er hat viel, sehr viel dazu beigetragen, daß diese Gemeinde bis auf den heutigen Tag ihren altehrwürdigcn Charakter beibehalten hat und dabei eine wahre Pflanzstätte jüdischen und profanen Wissens, eine ir w'em b'jisroel, geblieben ist. Unter den werthvollen Geschenken, welche der Jubilar hier in Budapest zum Zeichen der Huldigung erhalten hat, befindet sich ein von einem Wiener Künstler hergestelltes Porträt eines in ganz Israel berühmten Urahns Herzfeld's, des unter den Namen „Tosekoß Jomtow" für ewige Zeiten unsterblich gewordenen Talmud-Kommentators: Landesrabbiner Jomtof Lippmann Heller. Das Original dieses Bildes wird oft in der kaiserlichen Bildergallerie in Wien angestaunt.