Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1904)
- Date
- 1904-02-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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316 Zeitungsnachrlchten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Vor einigen Tagen fand dahier eine außerordentliche Generalversammlung des Vereins „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" stat. Es wurdet in derselben die Eintragung des Vereins in das Vereinsregister mit entsprechender Statutenänderung beschlossen. Hieran anschließend wurde die zehnte ordentliche Generalversammlung abgehalten. Der Vorsitzende Dr. Max G i n s b e r g eröffnete dieselbe mit Worten herzlichen Gedenkens an den am 26. Mai 1603 verstorbenen bewährten Bibliothekar Adolf Pick, und gab erschöpfenden Bericht über die Entwicklung des Vereins im Jahre 1903. In Folge der stetig wachsenden Besucherzahl mußte die Lesehalle zu Anfang des Berichtsjahres in bedeutend größere und zweckentsprechenderc Räume verlegt werden; aber auch diese reichen anscheinend kaum mehr aus und sind überfüllt. Es verkehren dort an Wochentagen 40—50, an Samstagen und Sonntagen 70—90 Personen täglich, so daß eine Besucherzahl von über 20,000 Personen aus den verschiedensten Kreisen unserer Glaubensgenossen im Laufe des Jahres festgestellt werden konnte. In der Lesehalle liegen beständig 64 jüdische Zeitungen aus, nämlich 31 deutsche, 9 hebräische, 8 englische, 4 französische. 3 russische. 3 polnische, 3 jüdisch-deutsche, 2 holländische und 1 italienische. Die Bibliothek bestellt aus 3962 katalogisirten Büchern, welche alle Gebiete der jüdischen Wissenschaft. Belletristik etc. umfassen. Im ganzen sind 1494 Bücher im Jahre 1903 ausgeliehen worden, trotzdem das Institut wegen des Umzuges acht Wochen geschlossen war. Es verkehrten während einer nur dreistündigen Besuchszeit in demselben längere und altere Gelehrte, Rabbiner, Schriftsteller, Redakteure, Lehrer, Studenten. Aerzte, Kaufleute. Handwerker, Schüler. .Kaufmannslehrlinge. Maler, Schriftsetzer, Buchdrucker, Kassenboten, Beamte, Zigarettcnarbeiter etc. Alle diese, sowie zahlreiche Damen, fanden willkommene Gelegenheit, Belehrung und Anregung zur weiteren Fortbildung zu schöpfen und sich eingehend über alle jüdischen Angelegenheiten zu orientiren. Die Besuchszeit der „Jüdischen Lesehalle und Bibliothek" war dieselbe wie bisher, Wochentags von l1-. bis 41 j Uhr Nachmittags. Samstags und Sonntags von 11 Vormittags bis 2 Uhr Nachmittags. An mehreren Abenden in der Woche wurde die Lesehalle dem Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zur Abhaltung von Fortbildungskursen im .Hebräischen und zu Vorträgen über die Geschichte der Juden und des Juden!' Ihn ms zur Verfügung gestellt. Ferner wurden jüdische Lesehallen in anderen Städten des Reiches mit Rath und That unterstützt. Nach dem Bericht des Schatzmeisters Benas Levy betrugen die Einnahmen 5660.36 Mark, die Ausgaben 5399.09 Mark. Gncscn. Vor einigen Tagen beging der frühere Cantor I. B a e r die seltene Feier seines hundertsten Geburtstages. Er stammt aus Rogowo und wirkte in feinem Amte ununterbrochen bis zum Jahre 1894, zuletzt 30 Jahre in Ncuteich (Westpreußen). Der Jubilar erfreut sich einer wunderbaren geistigen Frische und verfolgt mit Interesse alle Tagesfragen. Zu seiner Ehrung haben Stadt und Gemeinde große Vorbereitungen getroffen. Nürnberg. Ein Schmerzensgedanke ist es. der seit einigen Tagen die hiesigen Einwohner, ohne Unterschied der Konfession beherrscht: Salomon Forchheimer ist nicht mehr, und wir können ohne Ilebertreibung sagen: ein Fürst in Israel ist gefallen. Von der Wahrheit dieses Ausspruches legte das heutige Leichenbegängniß den sprechendsten Beweis ab. die Leichenhalle konnte die Trauerversammlung, nach Hunderten zählend, nicht fassen, und es war ein wn cvrp von etwa 15 Rednern das Leben und Wirken dieses wahrhaften Philantropen, geschildert zu bekommen. Was aber auch von Korporationen. Gemeinden und Privaten gesagt wurde, es konnte bei weitem nicht erschöpft werden, wie der leider so früh Verstorbene das Wohlthun aüffaßte; bei ihm gab es keinen Unterschied zwischen Konfession, zwischen In- oder Ausländern, cs gab keinen Fall, für den er nicht mit offenen Händen gab. Und lvie gab er. nicht etwa mit Unwillen und Verdrossenheit, er dankte förmlich, so oft man ihn an sprach, daß man ihm Gelegenheit gab. Gutes zu thun. Sehr treffend schilderte Sr. Ehrw. Herr Rabb. Dr. Z i e m l i ch den Standpunkt des Verklärten, wenn er sagte, daß er mit einer nie dagewesenen offenen Energie für seine Brüder eintrat, die die Barbarei aus Land und Heimath vertreibt, er war einer derjenigen, der sich offen als Jude seiner armen Brüder annahm. Es ist ein unersetzlicher. Verlust, den wir mit seinem Hinscheiden erlitten, lvo inuner helfend einbegriffen werden sollte, plaidirte er für das Mehr, er stgnd auf dem Standpunkt c'r*5 -cy 'sts Seine Leistungen wurden am Grabe in beredten Worten von der jiid. Gemeinde Verwaltung. der städt. Armenpflege, der Handelskammer. von seinem Arbeiterpersonal, von Vertretern von 16 Orten aus dem bah. Wald und vielen anderen Korporationen als unersetzlich geschildert. Er war im Sinne unseres Stammvaters Abraham ein Mensch, der im Nebenmenschen das Ebenbild Gottes ehrte und Jedermann mit Rath und That zur Seite stand. Ein großer Zug ging durch sein ganzes Thun, deßhalb legte er auch stets Pietät an den Tag gegen das Althergebrachte, selbst wenn er es nicht kannte. Gebe der Allgütige vertrauernden Wittwe und Familie Trost in dem Gedanken, daß der Name Salomon