Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 62 (4.8.1904)
- Date
- 1904-08-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1316 als geistiges Eigenthnm. als Wissen und Wissenschaft; mn das tägliche Brod stets ringend und kämvfend. und dennoch eine Litteratnr schaffend, die ihresgleichen nicht hat auf Erden: gelnebelt und gefesselt, und dennoch von emsiger Rührigkeit; in Ketten, und dennoch frei, freier als diejenigen, die ihm Ketten schmiedeten. Roch wunderbarer offenbart fidj Gott in unseren Tagen in unserer Mitte. In dieser Zeit der allgemeinen Auflösung und Zersetzung. in der kaum ein gebildeter Nichtjude sich noch als Bekenner irgend »velcher Religion öffentlich zu zeigen wagt, in dieser Zeit bleibt der Kern Israels treu seinem Gotte und seinem Ge setze. Wir verkennen und leugnen nicht, daß es auch in Israel Abgcfallene gibt in großer Menge, aber wenn wir doch genauer untersuchen, so finden wir. daß dieser Abfall nur eine »folge menschlicher Schwäche ist. Sie sind abgesallen und ihr Mund will uns und vor allen Dingen den Abgefallenen selbst glauben machen, daß Prinzip in ihrem Abfälle fei. aber daS Herz weiß von diesen Prinzipien nichts. Dieses Herz ist jüdisch und bäumt s.ch auf gegen die Untreue, und wahrlich, es muß den Abgcfallenen keine geringe Anstrengung kosten, die Stimme des Herzens zum Schweigen zu bringen, »fragt man einen Abtrünnigen nach dem'Grunde feines Abfalls, so erhält man allerdings eine andere Antwort. Da kommt er einem mit einem nach allen Regeln der Kunst ausgearbeiten philosophischen System, das ihn förnilich zum Abfall zwingt. Armer Philosoph. den seine Schwäche zum Philosophen macht!! bvv ijsm v bv 's DSimsK rioto ao. Was für ein Unrecht, sagt der Prophet, haben Eure Väter an Gott gefunden, daß sie sich von Ihm entfernt habend War es wirklich ehrliche Neberzeugung. die sie von Gott entkernt bat. waren sie von ihrem Unglauben so ehrlich durchdrungen, daß sie nickt mehr Theil haben konnten an dem Gotte ihrer Väter? Nein, so lautet die Antwort, die Derjenige gibt, der Herz und Nieren prüft, der besser als die Menschen selbst die Regungen der Menschenherzen kennt, ibsnn Sm w« «V» sie gingen dem Nichtigen nach und sie wurden selbst nichtig. Nickt der Unglaube führte zum Abfall, sondern der Abfall zum Unglauben. Nicht der Atheismus war Grund und die Gesebesübertretuna Folge. sondern gerade umgekehrt. Erst Lbertraten sie die Gesetze und dann wurden sie ungläubig. Und wabrlich. wir können diese, die ja anfänglich bloß aus Schwäche qefehU. nickt genug bemitleiden. Diese ihre Schwäche beraubt sie in Folge des Theuersten. beraubt sie ibres Haltes im Leben, beraubt sie desjenigen, das ihnen Trost und Erhebung gewährte. — beraubt sie ihres Gottes. Es sind unglückliche Menschen, die sich durch eine undknlosopbische Philosophie über ihr Unglück hinwegtäuschen wollen. Und darin Uegt vielleicht die furchtbarste Strafe für ihren Abfall. Aus Schwäche haben sie gefehlt, aus Schwache gegen die heißen Wünsche ihre» Körpers; aus Schwäche gegen die sogenannte öffentliche Meinung, die gar oft von geistig wenig bedeutenden Elementen gemacht' wird, denn abge-' klärte, ruhige und denkende Menschen pflegen ihre Ansichten nicht auf den Straßen feilzubieten; aus Schwäche gegen populär gewordene Schlagworte, wie Fortschritt, Gleichheit u. s. w.. mit denen es bei Lichte besehen gar nicht weit her ist; aus Schwäche gegen hohle Phrasen, die in Marktschreiers, scher Weise das öffentliche Leben vergiften, — und diese armen Schwächlinge, sie dehnen und recken sich und wollen stark erscheinen, die Zwerge wollen zu Riesen werden. Hätten sie den Muth. hineinzuleuchten in die dunkelsten Tiefen ihres Herzens, hätten sie den Muth. mit kaltblütiger Energie den ganzen verwickelten Apparat ihres Denkens in seine einzelnen Bestandtheile aufzulösen, hätten sie den Muth. ihre Seele gleichsam zu seciren. so würden sie finden, daß bleiche Furcht die Quelle ihrer ganzen Weisheit ist. daß der nagende Bohrwurm ihres Gewissens ste der sogenannten Wissenschaft in die Arme getrieben hat. Als sie das erstemal gesündigt, als sie das erstemal ibren sündigen Trieben unterlegen sind, da war diesem Unterliegen ein Kampf vorangegangen, ein Kampf, der den Genuß, den die Sünde bietet, wesentlich beeinträchtigte und auch das zweite- und drittemal ging es nicht ohne Kampf ab. Und nach der Sünde, da regte sich das Gewissen und pochte laut an die Pforten des Herzens, das noch jüdisch war und man bezahlte theuer den Augcnblicksgenuß, den die Sünde' gewährte. Man war aber schwach und die Sünde lockte immer mehr, sie schien um so verführerischer, je mehr man sich ihretwegen Vorwürfe machte und man begann zu .zweifeln, um das unruhige Gewissen zu stillen und man verneinte endlich ganz, um es endgültig zum Schweigen zu bringen. Und wie leicht wurde den Menschen das Verneinen gemacht. Sie wurden nicht ausgestoßen cm* der Gesellschaft, sie wurden nicht gemieden. ste wurden nickt verachtet, wie sie es eigentlich verdient hätten, sondern im Gegentheil. sie wurden freudia begrüßt, man lobte sie ihrer Tapferkeit wegen, daß sie endlich den Muth hatten, das alte Joch abzuschütteln. man begrüßte sie als Brüder, da sie aus dem geschlossenen Kreise der Ihren in die Menschheit hinaustraten. man feierte sie als Pioniere der Aufklärung, sie. in deren Kovfe es so wüst und bunt aussah. daß sie sich selbst nicht zurecktfinden konnten, man feierte sie als die Meilenzeiger auf dem Wege der Kultur, als die Märtvrer des freien Gedankens, sie. die niemals in ihrem Leben noch einen eignen Gedanken hatten, bei denen der Magen, anstatt des Kopfes, die Denkfunktionen verrichtete, man pries sie und jubelte ihnen zu als den Kämpfern für den Fortschritt. Arme Kampfer. die ihre erbarmkiche F e i g heit und Kleinheit zu Kämpfern macht! (Fortsetzung folgt.)