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Der Israelit · 1904-02-17 · Heft 13-14 (17.2.1904) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 13-14 (17.2.1904)
Date
1904-02-17
Page
– (sequence 27)
Language
German
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807 Humor hatte er eingebüßt, die Lebenslust und jenes, Jugendfeuer, mit dem er vordem den schäumenden Nektar des Lebens schlürfte. Er hatte Italien vor Augen, ohne es zu sehen. Er gähnte, war bleich, in Gedanken vertieft, wie zermartert, und — ganz allein! Quae soli, i unser alter Bekannter S t a m b o Gako, der Zigeuner, noch gelangwiilter, gelber und schwärzer, feister und träger, als sonst und halb im Schlafe. Als Dritter endlich befand sich hier G r o m o w . den wir zeitweilig in Warschau sahen mit Lucia Colomi. Er war finster, wie die Anderen, zeigte aber so etwas, wie zornigen Trotz im Antlitz und erhob stolz die Stirn, als wolle er seines Ungemachs spotten. Die schöne Italienerin aber war nicht mehr bei ihm. Auch er war ganz allein, bröckelte sich Brod in die Hand, kostete von den Früchten und warf sie aus dem Fenster — keine schien ihm so recht zu schmecken. Diese Herren sahen alle ruhig da, ohne sich, als civilisirte Leute, die Gesichter zuzuwenden, als auf dem Hofe eine so viel versprechende Equipage erschien, dah selbst der Wirth und die ganze Dienerschaft bis auf die Küchenjungen hinausliefen zu ihrem Empfange. ' Der Wagen war in Genua gemiethet und der eleganteste von denen, über welche das Hotel Franc ais verfügte. Man wußte von dem Kutscher in der Grotte, daß er nur Excellenzen fahre und Solche, die excellent — bezahlen. Im Wagen sah eine Dame in einem so ausgespreizten weißen Gewände, daß. während auf der einen Seite besten Falten bis auf die Seitenflügel des Wagens herabfielen, dieselben auf der anderen Seite ein mageres, trocknes, welkes Männchen ganz bedeckten, welches den von der Krinoline ihm nur noch spärlich übriggelassenen Platz an ihrer Seite einnahm. Augenscheinlich war es ein Ehepaar. Die Frau in voller Macht und Blüthe der Jugend, der Reize und der Eleganz, im Vollgefühl einer Gottheit, strahlend, trinmphirend, fast grausig an Majestät für eine zügellose Phantasie. Der Mann, nicht umsonst ganz verdeckt von den Falten des Gewandes, saß gedrückt von ihrer Größe und Kraft, nicht mehr jung, ermattet, erschöpft erschreckt von seinem Glücke, wie eine Pflanze aus einem Herbarium, in welchem die Hand des unbarmherzigen Sammlers sie erstickte. Trotz dieses Kontrastes zwischen den Beiden und der augenscheinlichen Erniedrigung des Mannes, ihres Verehrers und Dieners erschien dieser Typus eines Galten dennoch einer näheren Betrachtung werth. Das glattrasirte Gesicht hatte wohl einst recht schöne Züge, war aber schrecklich abgemagert, und trug den Stempel der verlorenen Selbstwürdigung. Sichtlich war er früher ein kräftiger Mann gewesen und fühlte noch seine Größe. Aber heut war diese schon erloschen, ganz erloschen bei der aufgehenden Sonne der Gattin, und nach und nach mußte er ihr mal ganz entsagen. Die edlen Züge des Antlitzes bezeugten, daß er einem uralten Geschlechte entstammte, das heißt dem Blute derjenigen, die von Alters her sich entwöhnten, ihr Leb:n lang mit den Händen, im Schweiße ihres Angesichtes zu arbeiten. Und da Müßiggang veredelt (wenn nicht verthiert!). hatte das magere Männchen noch eine ganz gewandte Haltung, und trotz seiner mehr als 50 Jahre ein ganz anständiges, sorgsam und geschickt konservirtes Aeußere. Anstatt der entschwundenen Jugend hakte er sich eine Lebhaftigkeit angeeignet, die unsterblich zu werden versprach. Er hielt sich kerzengrade, etwas steif, bewegte sich gewandt, trotz seiner Magerkeit und lächelte heiter, obwohl er auch in der Seele höchst traurig und gequält erschien. Er sprang zuerst vom Wagen und reichte mit der Hast und Galanterie eines Jünglings seiner Königin die Hand, die erst nachdem sie die Falten ihres »weiten Gewandes sorgfältig geordnet, langsam aus dem Wagen sich herausarbeitete, in dem sie halb gelegen hatte. Beim Anblick dieser Frau, die grade gegenüber dem Fenster vor Herrn Heinrichs Tische vom Wagen stieg, wurde dieser, nachdem er durch Gracahen- und Lorbeergebüsch die Göttin näher betrachtet, so bleich wie die Wand. Wie vom Schlage getroffen, warf er sich hin und her. Vielleicht wollte er entfliehen. Aber er bemerkte, daß er den Eintretenden in der Thür unbedingt begegnen wüste. Wi, angewurzelt blieb er stehen. Dann sank er wieder in den Sessel mit stoischer Resignation und spöttischem Lächeln. In dieser schönen Frau ward es den alten Bekannten nicht schwer, dasEx-Fräulein Wrorkowska, vordem genannte Musa, wiederzuerkennen. Heut aber - war sie die B a r o n i n von W r i e g, die Gemahlin eines steinreichen Börsenspekulanten. dessen Nationalität Niemand anzugeben wußte- Wie um Vater Homer viele Städte, so konnten sich um den Baron zahlreiche Länder streiten. Der Baron war unzweifelhaft auch etwas — Jude. Davon aber wollte er nichts wissen und nichts hören, und bemühte sich vor Allem, dies in Vergessenheit zu bringen. Pole war er nicht, das ist gewiß, obwohl er schon lange Zeit in Polen ansäßig war und ihm den Lebenssaft entzogen hatte. Mit Vorliebe war er Russe, namentlich im Auslande, wo es gar bequem ist, vor den Gastwirthen den Bojaren zu spielen, denn dies erweckt Hochachtung, wenn auch nicht überall in Gesellschaft. Baron von Wrieg war auch trotz dieses Ranges seines Namens kein Deutscher, obgleich ihn zahlreich: Familien-, finanzielle und sympathische Beziehungen mit Deutschland verknüpften. Wo er seinen Barons-

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