Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 13-14 (17.2.1904)
- Date
- 1904-02-17
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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308 titel erhascht und für welche Finanz-Operation, darüber wußte Niemand etwas Bestimmtes. Wir vergaßen hinzuzufügen, daß er an seinem leinenen Reiseüberzieher im Knopfloche ein ganzes Bündel verschiedenfarbiger Bändchen trug, und daß nur die flehentlichen Bitten der Gattin ihn von der ursprünglichen Absicht abbrachten, um den Hals den Orden des blauen oder grünen Adlers anzulegen, dessen Kommandeur er unlängst geworden war. Eine längere Beschreibung dieser Physiognomie dürfte überflüssig erscheinen. Wir begreifen das gerechte Erstaunen der Leser, welche Musa als Heinrichs Verlobte wiederzusehen erwarteten, zu dem sie eine so große Zuneigung empfand. Aber der Herrgott lenkt die Kugeln. Es kam ganz anders. Heinrich hatte sich für sie von seiner Frau scheiden lassen, sich erklärt und war angenommen worden. Er galt schon so weit als mit ihr verlobt, daß er oft bis 3 Uhr Morgens bei seiner Göttin saß. Kurzum, er war schon so gut. wie Herr im Hause. Musa triumphirte und prahlte mit ihm. Er fühlte sich überselig und war stolz auf sie, als einst auf einer Spazierfahrt durch die Allee nach Lazienka Baron von Wrieg die Zauberin erblickte. Er kannte Fräulein Wtorkowska schon längst, war aber gewohnt, ihr aus dem Wege zu gehen, weil sie die üble Gewohnheit hatte, ganz im Vertrauen Geld zu borgen, welches sie dann zurückzuzahlen vergaß. Er hatte das Fräulein auf lange nicht gesehen. Er war eben zum zweiten Male Wittwer geworden und hatte sich das Wort gegeben, sich niemals wieder mit einer schwächlichen Frau zu verheirathen. Musa bezauberte 'ihn durch ihre üppige Gestalt, welches langes Leben. Gesundheit und Kraft versprach. Er war sofort ganz bezaubert und die Liebe traf ihn, wie ein Blitz. Tags darauf machte er ihnen Visite. Die Mutier war ganz erschrocken. Musa berechnete von vornherein geschickt alle Folgen. Der Baron war zehnmal so reich als Heinrich. Und dabei alt! Und — Baron! Mit unzähligen, einflußreichen Verbindungen in der kosmopolitischen und finanziellen Welt. Wohlerzogen, besaß er ein anständiges Exterieur und machte ein großes Haus. — Das war eine riesige Partie. Musa erkannte bei seinen ersten Besuchen schon die Größe ihrer Aufgabe, sie bot all ihre Kräfte auf. und sie — siegle. Der Baron fiel — ich wollte schon sagen, auf alle vier Füße, aber er hatte ja deren nur zwei; genug, er fiel auf sein Angesicht; er kam am andern, am dritten Tage, Morgens, Abends, dann alle Tage. Die Hochzeit mit Heinrich wurde aus allerhand wichtigen Veranlassungen hinausgeschoben. Die Spitzen aus Paris waren noch nicht angekommen. Ungeduldig drang der Baron in die Mutter. Sie verschwieg ihm nicht die Verlobung mit Heinrich; doch lasse sich dies wohl noch arrangiren, nur müssen der Skandal und die Unannehmlichkeiten mit in den Kauf genommen werden. Man forderte vom Baron eine namhafte Verschreibung und überaus vorthrilhafte Bedingungen. Dies Alles war in aller Stille schon abgemacht; dann erst dachte man an die Auseinandersetzung mit Heinrich, welcher übrigens davon gar nichts merkte und über den Baron lachte, indem er dessen Verzückung den „reinen Mostrich nach Tische" nannte. Hier entwickelte Frau Wtorkowska eine wahrhaft geniale Befähigung in einer anständigen Erlediung ungebührlicher Angelegenheiten. In den Pausen und Zwischenakten des ehelichen Lebens und der glühenden Liebe zu Musa hatte Herr Heinrich, wie dies in der Regel zu sein pflegt, verschiedene Anwandlungen von theatralischen Phantasien. Namentlich eines jener luftigen Wesen, die man in Prosa Balleteusen nennt, hatte ihn ziemlich fest an ihr Eazeschürzchen geheftet. Seit zwei Jahren verkehrte er bei ihr fast täglich, und böse Zungen behaupteten, dieses Band sei um so fester geworden, als der Himmel es gesegnet hatte. Während er sich um Musa beworben. hatte Heinrich oft seine Abende bei der schönen Franziska verlebt; dies wußte Jedermann. Man sah ja seinen Wagen vor ihrer Wohnung halten. Dieses Aergerniß benutzte man als guten Vorwand zur Auflösung der Verlobung. Frau Wtorkcwska bestand wie eine Matrone auf Wahrung der Sittlichkeit am häuslichen Herde, trotz aller Empörung, Zornesausbrüche, leidenschaftlicher Drohungen. Denn Heinrich war wirklich sterblich verliebt in Musa und besuchte Franziska nur zum Zeitvertreib, und aus Gewohnheit. Frau Wtorkowska war jedoch ängstlich besorgt um ihren Ruf und zwang, wie sie selbst sagte, die Tochter zur Rückgabe des Ringes. Mula aber spielte die Rolle Ui willenlosen Opfers. Ach. dieser Vm wbunosring war leider ein Brillantring! Heinrich selbst hatte in einem schwachen Augenblicke eingestanden, er habe in Paris 10.000 Francs dafür bezahlt. Es war ein prachtvoller Solitär. beseht mit ganz reizenden, halbkarätigen, kleinen Brillanten. Man mußte aber ein Opfer bringen für die Sitte und die Tugend! Man sandte ihn also sammt dem Saffian-Etuis zurück. Der Baron, welchem man jenen Solitär ganz zufällig einmal gezeigt hatte, um ihn zum edlen Wettstreit anzuspornen, verlobte sich auf der Stelle vermittelst eines Ringes, den er für 25,000 Francs bei einem Werthe von mindesten 30,000, von einem ruinirten Manne gekauft hatte. (Fortsetzung folgt.)