Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 13-14 (17.2.1904)
- Date
- 1904-02-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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290 fordert eine Formel und nur eine Formel für ganze Gedankengruppen. Haben wir also auch abgelehnt, auS der Fülle der ethischen Lehren des JudenthumS ein oberstes, stttliches Ideal Herauszugreisen, so möchten wir doch gleichsam nur als mnemotechnisches Zeichen für alle sittliche Lehren des Judenthums einen Satz empfehlen, den wir uns täglich vor die Seele führen. „Und du sollst lieben deinen Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen.* Wenn wir diesen Sah in seine einzelne Bestandthrile zerlegen, so gewinnen wir einen Maßstab für die Beurtheilung sämmtlicher sittlichen Theorien. Und du sollst lieben Gott deinen Gott! Worin besteht diese Liebe? Diese Liebe zu Gott besteht nicht in dogmatischer Versenkung in das göttliche Wesen, in unfruchtbarer Spekulation über das Wesen der Gottheit. nvN wun «v ’jtk O. möchten sie doch dieses Grübeln über mich sein lassen und meine Lehre hüten, lautet ein Wunsch unserer Weisen, wie wir diesen Satz zu verstehen glauben. Diese Liebe zu Gott ist die Liebe zum Vater der Menschheit, ist die einzige zwingende Bewegursache zur Liebe der Menschen. Wenn ich in Gott nicht den Vater der Menschheit verehre, wenn ich nicht von kindlicher Liebe zu Ihm durchdrungen bin, so sehe ich in den Geschöpfen nicht Seine Geschöpfe, und sehe in ihnen nur Nebenbuhler, nur Konkurrenten auf dem Jahrmärkte des Lebens. Die Liebe zu Gott und das Vertrauen auf Ihn, mit der Einsicht gepaart, daß Er es ist, der uns in väterlicher Liebe, versorgt, lehre uns in dem Menschen den Bruder zu sehen. Mit ganzem Herzen! Unsere Weisen machen hierzu die Bemerkung 2'.v ^'2 *py wz YTP21 Der Trieb des Menschen nach Glückseligkeit. Nach irdischer Lust, nach sinnlichen Freuden, ist an sich nicht unsittlich. Auch mit dem t.t können und sollen wir Gott dienen. Alle unsere Fähigkeiten und Anlagen sollen wir für Gottes Zwecke entfalten, und alle unsere Neigungen und Wünsche können im Kreise des Gottesgesetzes ihre Befriedigung finden. Nur darf diese Befriedigung nicht Selbstzweck sein, sondern nur Mittel zu den von Gott geoffenbarten Zwecken. Nicht der Mensch darf Zweck der menschlichen Thätigkeit sein, wiewohl er auch niemals zum Mittel für Menschen hinabsinken darf. Die Würde des Menschen ist niemals besser gewahrt, als wenn er sich als Mittel für die Verwirklichung der göttliches Zwecke begreift. Der Mensch ist so unendlich wenig, wenn er nichts als Mensch ist, und ist unendlich groß, wenn er ein Diener Gottes wird. Mit ganzer Seele! r» "ex •pa: Und da er an sich nichts ist, und nur dadurch zu etwas wird, daß er sich als Werkzeug in der Hand des Weltenschöpfers weiß, so wird er nicht anstehen, sich aufzuopfern, wenn ihm ohnehin die Würde und Weihe fernes Lebens geraubt würde, wenn er seines Lebens Zweck verlort. Und mit ganzem Vermögen! ^22 37 n-ne in tto mctv nnm ma Alles, was dir Gott zuschickt, sei es nun Glück in deinem Sinne oder Unglück, nehme in Liebe auf. Werde nicht übermüthig, wenn hell deines Glückes Sonne leuchtet, denn auch diese Sonne geht unter, und nicht Glück ist deine einzige Lebensstimmung, deine Gottheit. Als Abraham, so erzählen unsere Weisen, die Sonne sah. so glaubte er. daß sie die Gottheit sei. bis er sie untergehen sab. Die Sonne als Symbol des Lichts, des Glückes schien ihm so lange als das Erstrebenswertheste, bis er einsah. daß auch diese Sonne untergeht. Verzage aber auch nicht, wenn es finster um dich her wird, wenn untergegangen die Sonne, verzweifle nicht an dem Werthe deines Lebens, denn das Leben wird nicht danach bewerthet, ob es viel an Glück oder an Leid gebracht. Du bist auch gar nicht in der Lage zu beurtheilen, ob dasjenige, was du als Leid empfindest, solches ist. Lerne genügsam zu werden, aber auch darauf kommt es nicht an. auch diese Genügsamkeit ist nicht sittliches Ziel. Die Apathie gegen äußere Einflüsse wurde auch als sittliches Ideal hingestellt. Die bleiche Mondssichel, das Symbol der Genügsamkeit, des ys& nx. nw» wurde auch als das Erstrebenswertheste angesehen, aber auch diese Resignation, diese Fühllosigkeit ziemt dir nicht, Jude. Du sollst dir ein offenes Herz auch für die Einflüsse der Außenwelt bewahren, denn wisse, daß das Leid auch ein Bote Gottes ist. In Allem erkenne Gottes Hand und verehre in Allem Seine Hand, liebe deinen Gott und vertraue auf Ihn, befolge Seine Gesetze und lebe! Denn ganz ist nur die Lehre Gottes, wahr Seine Zeugnisse, die allein die leicht zu bethörende Menschheit weise werden lassen, gerade Seine Befehle, die Freude, menschenwürdige Freude in's Menschenherz zu pflegen vermögen, klar und durchsichtig Seine Gebote, die das Menschenauge erleuchten, ganz ist der Weg Gottes, ohne Fehl der Pfad, den zu gehen Er uns empfohlen, geläutert Sein Wort und Schild und Wehr allen, die Ihm vertrauen und Ihm folgen. Nicht lasse dich daher bethören von dem falschen Schimmer, den die Lehren der Menschen ausstrahlen, es blende dich nicht dos Irrlicht der sog. Gelehrten, denn folgst du diesem Irrlicht, so geräthst du in Sümpfe und Abgründe, von wo es keinen Weg mehr zurückgibt. Gottes Wort sei allein für dich richtung- und zielgebend, dieses Wort, das allein den Menschen seinem Zwecke zuführen kann, weil es von Gott stammt, der die Menschheit für Seine Zwecke erschaffen, die uns dieses Wort kündthut. Ueberwinden wir einmal diese falsche, unser nicht würdige Anbetung des Fremden, das gar keinen andern Rechtstitel an uns hat, als daß es fremd ist, und das gar kein anderes Kriterium der Wahrheit aufweist als wieder, daß es fremd ist, und scheuen wir nicht das abfällige Urtheil und das mitleidige Achselzucken der Fremden. Mögen uns auch die sog. Gebildeten unge-