Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 13-14 (17.2.1904)
- Date
- 1904-02-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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»Besser?" wiederholte sie betroffen und auch seine Geschwister blickten staunend zu ihm hinüber. »Ja sieh', es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß Dir durch die Taufe von Seiten Deiner Mutter viele Unannehmlichkeiten bevorstehen. Aber wie Du heute trotz ihres Befehles nicht niedergekniet bist, so wirst Du! nie ihre Befehle vollziehen, wenn sie Dir Verbotenes 1 gebieten. Das wird eine schwere Prüfung für Dich | sein, aber Du wirst sie bestehen und Gott wird Dich dafür belohnen und alle einsichtsvollen Menschen werden . Dich dafür hochachten, nur darfst Du nicht weinen und klagen, dann verliert man leicht den Muth und die i Kraft."! Sie fuhr sich mit dem Tuch über die Augen, die j Thränen des so eben noch verzweifelnden Kindes waren jetzt vollständig versiegt, sie erhob sich und reichte dem! ihr gegenüber stehenden Knaben die Hand. »Ich danke Dir," sagte sie, „denn ich sehe ein. daß Du recht hast. Ich werde auch nicht mehr weinen, denn dann kann man nicht ordentlich denken, und ich werde mir Mühe geben, immer so zu sein, daß Du mich auch hochachten mußt." »Das thue ich schon," erwiderte er, die dargebotene Hand leise drückend. »Aber willst Du nicht nach Hause gehen? Wirst Du nicht vermißt werden?" „Das weiß ich nicht," erwiderte sie, schwer aufathmend. »Mama ist sehr böse auf mich; ich habe es nicht mit anhören können, wie sie so über Juden und Christen und über Taufen gesprochen hat. Ich sehr wohl ein. es war sehr dumm von mir. aber ich habe mir nicht helfen können, ich habe zum Wagen hinausspringen und fortlaufen wollen und so laut geschrieen, daß die Leute auf der Straße zusammengelaufen sind. Mama hat ihnen gesagt, ich wäre krank und daß der Kutscher schnell nach Hause fahren müsse." Daß die Mutter sie beim Nachhausekommen mißhandelt hatte, erwähnte sie nicht. Sie reichte Selma und ihren Brüdern die Hand und schlich nach Hause. »Armes Kind." sagte Max. mitleidig ihr nachblickend, »wie wird's ihr gehen?" »Ich bin nur froh, daß Du gerade dagewesen bist." sagte Selma, seine Hand ergreifend. »Du hast sie doch beruhigt, sie sieht jetzt ganz anders aus als vorhin." Er zuckte die Achseln. »Im Augenblick ist sie ruhiger, aber sie wird einen sehr schweren Standpunkt haben, ich fürchte sehr für sie." „Ihre Mutter muß eine sehr schlechte Frau sein," meinte Paul. »Nun das ist doch selbstverständlich." entgegnete Selma. »wer nicht schlecht ist. laßt sich doch nicht taufen." »Aber ich meine n'cht nur. daß sie nicht ftomm ist. sie muß auch noch anders schlecht sein, ich glaube sie hat die arme Frieda gar nicht lieb." »OL sie sie gar nicht lieb hat, weiß ich nicht, aber Frieda hat mir erzählt, ihr Vater habe sie lieber als. ihre Mutter, weil ihre Mutter sich immer geärgert hat. daß sie so viel bei ihrem Großvater gewesen ist, sie hat öfters gesagt, der alte Mann würde ihr seine Schrullen in den Kopf setzen, das könnte noch ein Unglück geben. Ater ihr Vater hat es haben wollen, daß sie so viel als möglich beim Großvater sein soll, weil der sonst fast immer allein gewesen wäre." Inzwischen hatte Frieda den Garten durchschritten, schon im Vorgarten sprangen ihre Brüder laut jubelnd ihr entgegen. »Frieda komm geschwind herein, wir werden gleich essen und etwas so gutes, was wir noch nie im Leben gegessen haben. Freuest Du Dich nicht auch?" »Was werden wir essen?" fragte sie tonlos. »Verschiedenes, zuerst Krebssuppe und dann anderes, lauter Sachen, die die Frau Redlich nicht gekocht hätte. Aber die hat Mama doch heute fortgeschickt, weil wir keine Juden mehr sind. Ach. es ist so schön, morgen zum Frühstück bekommen wir Schinkcnbrödchen. Freust Du Dich nicht auch?" Sie schüttelte ' schwerathmend verneinend den Kopf. »Du freust Dich nicht? Ach, das sagst Du nur so. Du wirst Dich schon freuen, die Krebssuppe soll sehr gut sein; Frau Christiani. unsere neue Wirthschafterin, hat es gesagt; und morgen Mittag haben wir Hasenfilet, das wird schon schmecken." »Ich werde es nicht essen." sagte Frieda mit Bestimmtheit. Staunend sahen die kleinen Knaben zu ihr empor. »Du wirst es nicht essen?" fragte Hugo, »aber warum denn nicht? Es soll sehr gut schmecken." »Ich werde es doch nicht essen, nicht Krebssuppe und nicht Schinken, und nicht Hasenfilet, und gar nichts, was wir früher nicht gegessen haben." „Ach, wie dumm Du bist!" lachte Oskar. »Wir dürfen doch jetzt alles essen, wir sind ja keine Juden mehr." »Wir sind doch noch Juden!" rief das kleine Mädchen erglühend, indem sie wie zur Bekräftigung ihrer Worte mit dem rechten Fuße fest auftrat. »Es ist nicht wahr." schrieen die Knaben, »wir sind keine Juden mehr. Mama!" rief Oskar, der eben Eintretenden entgegen, »denke Dir nur. Frieda hat gesagt. wir wären doch noch Juden." »Frieda ist eine dumme Gans", entgegnete Frau Grünwald lachend, indem sie ihre kleinen Lieblinge an sich zog und küßte. »Und weißt Du. was Frieda noch gesagt bat? — daß sie gar nichts essen wird, was wir früher nicht gegessen haben." ... „So?" rief die Mutter drohend, »das wollen wir sehen. Ein artiges Kind hat nicht zu sagen, dieses oder jenes will ich essen oder nicht essen, ein artiges Kind hat