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Der Israelit · 1904-02-17 · Heft 13-14 (17.2.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 13-14 (17.2.1904)
Date
1904-02-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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286 Aus Paris ist Herr Meyer. Inspektor der „3>. C. A." angekommen. Der Zweck seiner Reise nach Jerusalem ist, eine Untersuchung in den hiesigen Institutionen der „I. C. A." und „Alliance" anzustellen. Am 2. Tebeth wurde in dem hiesigen Jsr. Altersversorgungshause Moschab Sekenim, der Neubau des Hauses, welches Herr K. Mankewitsch aus Wilna als ewige Stiftung, worin vier arme Greise ein trauliches Asyl finden werden, ausgebaut hat, eingeweiht. Die Einweihungsfeier hat in Anwesenheit der achtzig betagten Insassen der Anstalt und des Vorstandes derselben, wie auch anderer Gäste, staitgesunden. Einer der Vorsteher des Altenhauses, Herr A. Bentaunim. hielt dabei eine begeisterte Rede, in welcher er das hochherzige Werk des Herrn Mankewitsch aus Wilna hervorhob. Die bescheidene, aber sehr sympathische Feier machte einen guten Eindruck auf alle Anwesende. Jeruschalmi. Feuilleton. ^Rahrheit und Dichtung. Von Friedrich Siott. 121 Frieda athmete tief auf und fuhr sich mit dem Tuche über ihr verstörtes thränenüberfluthetes Angesicht. Selma legte den Arm um ihre Taille und streichelte ihr die Wangen. „Sei lieb, Frieda, sage uns was Dir geschehen ist, vielleicht ist es gar nicht so schrecklich, wie Du glaubst — Du hast doch auch Deinen Großpapa falsch verstanden, denn Max hat doch recht, was Du geglaubt hast, kann er nicht gesagt haben — also komm', sage, was ist geschehen. —" Nach abermaligem Zögern begann Frieda halblaut und ihre Mittheilung.war durch schlecht unterdrücktes Schluchzen öfters unterbrochen: „Heute Mittag sagte Mama zum Fräulein, wir sollten unsere neuen weißen Kleider anziehen, Mama wollte mit uns irgend wohin fahren. Als wir angezogen waren, hat Mama uns genau angesehen und hat gesagt, es wäre alles sehr gut, wir sähen sehr schön aus und hat mir noch einen Kranz auf den Kopf gesteckt. Die Jungen haben gelacht und Oskar hat gesagt, ich sähe aus wie eine Braut. Da hat Mama auch gelacht und hat gesagt, ich wäre auch eine Braut, heute Abend wolle sie mir meinen Bräutigam zeigen. Darüber haben wir. alle noch mehr gelacht und dann sind wir mit Mama fortgefahren. Wie lange wir gefahren sind, weiß ich nicht, auf einmal hielt der Wagen l vor einem hohen Hause, wo wir noch nie gewesen sind l und Mama sagt, wir sollen hier aussteigen. Gleich zuerst habe ich geglaubt, es wäre eine Kirche, dann l)abe ich mir aber gedacht, das kann's doch nicht sein, Mama hat Hugo und Oskar an der Hand genommen und hat gesagt, ich soll mich dicht bei ihnen halten, und dann sind wir alle hinein gegangen. Und es ist doch eine Kirche gewesen, ich habe aber nichts arges dabei gedacht, ich habe gedacht. Mama will uns zeigen, wie es in einer Kirche aussieht, so wie Mama uns im vorigen Jahr gezeigt hat. wie es in einer Glashütte aussieht. Viele Menschen sind nicht in der Kirche gewesen, aber doch mehrere, und ein Herr im langen schwarzen Rock ist zur Mama gekommen, und hat mit ihr gesprochen und dann hat Mama so etwas hergesagt, vielleicht war es ein Gedicht, ich habe es nicht recht verstanden. Und dann hat die Orgel angefangen zu spielen. Und Mama hat auch ein neues, weißes Kleid angehabt. und hat zu uns gesagt, wir müssen hinknien; Mama. Hugo und Oskar sind hingekniet, aber ich nicht, weil der Großpapa mir gesagt hat, daß man das nicht darf. Mama hat mir immerfort gewinkt, aber ich habe es doch nicht gethan. Da hat der Herr im langen Rock gesagt, das macht nichts, es geht so auch. Und dann hat er Wasser genommen und hat jedem von uns dreimal auf den Kopf gespritzt und hat dabei einen Spruch gesagt. Dann ist die Mama mit den Kindern aufgestanden und die Leute sind gekommen und haben uns die Hand gedrückt und haben allerhand gesagt. Und dann sind wir hinausgegangen und sind nach Hause gefahren — und Mama war so vergnügt, hat immerfort gesagt, dies wäre der glücklichste Tag ihres Lebens, und wir wären auch so glücklich, denn jetzt wären wir keine Juden mehr, sondern wir wären Ehristen, wie der Kaiser und wie alle Fürsten und Grasen und überhaupt alle anständigen Menschen und um die schmutzigen Juden dürften wir uns gar nicht mehr kümmern. Ich habe das gar nicht mehr hören können, denn jetzt habe ich doch gewußt, daß wir wirklich getauft sind, und — es ist wirklich wahr, der Großpapa hat es gesagt. Taufen wäre hundertmal ärger als Sterben." „Nun ja" fiel Max ein „in gewisser Beziehung ist das wohl richtig. Wer sich selbst taufen läßt, der begeht ein schweres Nerbrechen, für den wäre es gewiß besser, wenn er vorher gestorben wäre. Aber die paar Tropfen Wasser, die der Geistliche ohne Deine Zustimmung Dir auf den Kopf gesprengt hat. die können Dir doch nicht geschadet haben, dadurch bist Du doch nicht schlechter geworden." „Ist das Tein Ernst?" fragte das noch immer mächtig erregte Mädchen, angstvoll zu ihm emporblickend. „Gewiß ist doS mein Ernst." erwiderte er. „und", fügte er lächelnd hinzu, „ich glaube sogar, daß Du durch > das Taufwaffer noch besser geworden bist."

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