Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1904)
- Date
- 1904-02-11
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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276 hat es nurmehr die eine Aufgabe vor sich, nämlich das eigentliche Uebersetzen. Dieses kann oder sogar muß vom hebr. Texte naturgemäß ausgehen. Man glaube nicht, welche Erleichterung, welche Ersparniß an Mühe und Zeit die vorausgegangene Bekanntmachung mit dem Texte in sich schließt! Wer sogleich übersetzen läßt, muthet dem Kinde zwei Aufgaben zur selben Zeit zu. stört den ruhigen zusammenhängenden Gang des Unterrichts und erzielt nicht so schnell und sicher Resultate. Die Frage, ob Mädchen auch am Pcntateuchunterrichte partizipiren sollen, ist kontrovers. Sicher ist's wünschenswerth, sicher empfehlenswerth da, wo es nur immer geht. Warum auch sollen die späteren Theilnehmerinnen am öffentlichen Gottesdienste nicht eine Thoravorlesung ebenso gut mit Verständniß und Interesse verfolgen können oder dürfen, wie das männliche Geschlecht? Es gibt Schulen genug, die in diesem Punkte schon hübsche Resultate aufgewiesen und erfreuliche Erfahrungen gemacht. Die bekannte Stelle in Sota räth ja sicher nur von einem tiefer gehenden Studium ab. Wenn es wahr ist, daß den Repräsentantinnen des trauten Heims ein konservativer Sinn zuerkannt werden darf, dann sollte man auch die Kenntniß des Chumesch in dieser Hinücht nicht unterschätzen. Schließlich auch ist Pentateuchübersetzen nicht schwerer als — Gebet übersetzen, oft sogar das Leichtere. Damit will ich aber zum Gebetübersetzen übergehen. Die hohe Wichtigkeit dieses Unterrichtszweiges zu betonen ist wohl mehr als überflüssig. Wer von ihr durchdrungen und überzeugt ist. dem ist Gebetübersetzen einfach ein Lieblingsfach, der kann eine Uebersetzungssiunde zu einer Erbauungsstunde machen. Der Lehrer bedenke doch, daß die erschöpfende Erklärung unserer Gebetstücke, daß der erschlossene Sinn derselben ein theures Erbgut wird, das die Kinder vom Lehrer empfangen für erhebende und geweihte Momente im Leben. Gebetübersetzen erweist sich — ich möchte sagen — als eine dankbarere Arbeit, wie Pentateuchunterricht, insofern es ja leider Thatsache ist. daß der Mann des Volkes doch eher „ort", als etwas „lernt". Die „Tefilla", das Gebetbuch, trifft man schließlich im letzten Haus des kleinsten Dörfchens, und nicht „oren" können gilt im Volkssinne und im Volksmunde als der tiefste Tiefstand religiösen Sinnes und religiöser Kenntnisse, wird ganz anders gebrandmqrkt, als etwa die Unfähigkeit, eine Zeile Chumesch übersehen zu können. Der Lehrer muß aber selbst dieses höchst einseitige Urtheil zu würdigen wissen für seine Zeitverhältnisse, für die Schule und ihr Wirken. Fllr's Gebetübersehen findet der Lehrer also mehr Verständniß und Sinn in Familie und Gemeinde, als für Chumesch-Unterricht. Aeußerlich dokumentirt sich dieser Zug der Zeit schon in dem Bestreben, pompöse Gotteshäuser als Andachtsstätten zu errichten und diese mit Chor (freilich oft auch mit Orgelklang!) auszugestalten. Der Lehrer aber weiß, daß früher das - Lehr Haus noch höher stand als die Synagoge in Israel; er weiß auch, daß unsere „Tefilla" eine wunderbare Kompos i t i o n ist, in der sich Belehrung und Erbauung harmonisch verschmilzt. Zwischen eigentlichen .Gebetstücken" sind Theile aus der Bibel wie der mündlichen Lehre mosaikartig eingelegt, gleichmäßig durchweht vom Geiste der Gotteslehre, der Thora. Rur wer diesen Geist kennen gelernt, versteht auch unsere Gebet stücke in ihrem innersten und tiefsten Wesen zu würdigen. So muß sich der Gebetsübersetzungsunterricht als willkommene Ergänzung für die Schwächen deS übrigen Religionsunterrichts erweisen, dessen Lehren sich dort Niederschlagen. „In ihm krystallisiren sich gleichsam die Lehren des biblischen Geschichts- und Religionsunterrichts," meint sehr richtig ein geschätzter jüdischer Schulmann unserer Zeit. Ich will hier nur ebenfalls einige methodische Winke an die Hand geben. Die der Bibel entnommenen Theile des Gebetbuches lasse man auch in der Bibel lesen, und sei es nur als Übersetzung. Die Erfahrung lehrt, daß man sich hier oft selbst täuscht. Zwanzig mal darf man dem Kinde sagen: Waj daber, Schema ist aus dem 4. oder 6. B. Moses, das Meereslied dem 2. B. Moses entnommen. es wird nicht so viel nützen, als wenn man diese Abschnitte ein paarmal im Pentateuch selbst aufsuchen und ngchlesen läßt. Das gehört zur A n s ch a u u n g und Anschaulichkeit. Die Kinder sollen genau sehen, wo der „Stein", den man ihnen zeigt, in dem Gebäude eingefügi war. Dasselbe ist der Fall bei den Abschnitten für die Mussafopfer von Sabbat. Rosch chodesch und den Festtagen. Hier leiten schon die Vorgesetzten Worte: kakosuf, koomur u. s. w. auf die Bibelstelle hin. Man lasse diese Worte nicht unbeachtet. „W o ist's so gesagt, „w o steht so geschrieben," laute des Lehrers Zwischenfrage. Auch sämmtliche Psalmen lasse man im Original d. h. in der Bibel selbst lesen. Das nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, ist aber höchst wirksam, der Schüler merkt durch den „Stellen- und Quellennachweis." wie unser Gebetbuch eigentlich zusammengesetzt ist. Dazu kommt ein weiteres. Nie übergehe man eine historische Stelle ohne entsprechende Erläuterung. So muß bei den Worten „Wajomer dowid el God," welche die Einleitung zum „Tachanu" bilden, dem Kinde der historische Hintergrund klar vor Augen stehen; ebenso muß es stets an „Elija auf Karmel" denken, wenn ihm im Abendgebete die Worte begegnen: „Und das ganze Volk sah es und fiel auf das Angesicht nieder und sie sprachen: der Ewige ist Gott, der Ewige ist Gott!" Be! Hamäloch hagodol muß es an Jakob's Sterbezimmer denken u. s. w. All dies erfordert die Gründlichkeit des Un-