Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1904)
- Date
- 1904-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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255 »Und habe nie gezweifelt, daß Du gütig und gefällig bist, und darum zweifle ich auch nicht, daß wir uns sehr bald verständigen werden. Also von Deinem Uebertritt sehen wir endgiltig ab. denn abgesehen von Deiner Abneigung, Deine Religion zu wechseln, gefällt mir der Uebertritt zur herrschenden Kirche von keinem Manne, weil die Motive desselben leicht mißdeutet werden können; statt rein ethische Gründe anzunehmen, könnte man leicht irgend einen materiellen Vortheil dahinter suchen." . . »Wahr, sehr wahr —* . »Wenn Du das als wahr anerkennst, so wirst Du auch zugeben, daß wir mit der Taufe der Kinder nicht zögern dürfen." »Na. das ist doch noch nicht gesagt." »Doch, doch, das ist nicht nur gesagt, sondern auch bewiesen. Lasten wir sie gegenwärtig taufen, so kann Niemand sagen, daß wir oder sie im Augenblick einen materiellen Vortheil davon hatten, warten wir jedoch bis sie in der Schule sind, so kann man sagen, wir wollten bessere Zeugnisse für sie erzielen oder dergleichen —" »Das ist nicht so ganz ohne," sagte Grünwald überlegend, »aber ich muß Dir sagen, die ganze Geschichte ist mir im höchsten Grade unsympathisch." „Ob sympathisch oder unsympathisch, darauf kommt es doch nicht an. Vom praktischen Standpunkt aus ist es geboten, daß es geschieht, und vom ethischen Standpunkt aus ist es geboten, daß cs baldigst geschieht. Also —" „Es will mir nicht in den Kopf, daß unsere Kinder einer anderen Religionsgenossenschaft angehören sollen, als wir. — Aufrichtig, Aurelie, würde Dir das gefallen?" „Nein," sagte sie, „das würde mir auch nicht gefallen, und das ist's, was ich Dir schon vorhin sagen wollte, wenn unsere Kinder übertreten, dann lasse ich mich auch taufen, mir kann man kein materielles Motiv unterschieben." Sie hatte rasch und entschieden gesprochen, schlug jedoch die Augen nieder, als er. im ersten Moment sprachlos, sie anstarrte. »Ab," sagte er endlich, »das ist der klare Wein. d»m. Dü mir einschenken wolltest." »Das ist der klare Wein," wiederholte sie gezwungen lachend. „Du großes Kind, Du, wie Du mich anstarrst, als hätte ich etwas Schreckliches gesagt." Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich kann es in der That noch nicht fassen." Er konnte es in Wirklichkeit nicht so rasch fassen, daß seine Familie einem anderen Glaubensbekenntnisse angehören sollte, als er, dagegen sträubte sich sein Gefühl; und er war das, was. man Gefühlsmensch nennt, sein Gefühl war weit mehr entwickelt, als sein Charakter, seine Willenskraft.. Seine Frau hingegen hatte eine eiserne Willenskraft, was die sich in den Kopf gesetzt hatte, das führte sie. durch, und sie führte es durch, ohne ihren Willen allzusehr in den Vordergrund zu drangen. So sehr ihr Gatte daher anfangs widerstrebte, schließlich gab er in allem nach. Sie möge thun, was sie für recht halte, nur er wolle nicht gegenwärtig sein, wolle zu jener Zeit nicht einmal in der Stadt sein. Und da er in der kommenden Woche auf einige Tage verreisen mußte, so sollte dergeplante Uebertritt in jenen Tagen stattfinden. Seine schlaue Frau war ihm dankbar. Sie hatte sich über alles auf's genaueste informirt, das betreffende Schriftstück, das er als Vater unterzeichnen mußte, war bereits vorbereitet, und sobald er seinen Namen darunter gesetzt hatte, ward kein Wort mehr über die Angelegenheit zwischen ihnen gesprochen. Und seine Frau wußte so anregend zu plaudern, ihm dabei zu schmeicheln und zu liebkosen, ihn einmal über das andere ihren einzig geliebten Leo zu nennen, seinen Hellen Kopf, sein edles Herz, seinen milden Sinn u. s. w. in den Himmel zü heben, daß er sich überaus glücklich und behaglich fühlte und für den Gegenstand ihrer vorherigen Unterredung keinen Gedanken mehr hätte. Es war gegen Ende der kommenden Woche gegen Abend. Selma. und ihre Brüder vergnügten sich im Garten mit dem Ballspiel, hinüber und herüber flog der große Kautschukball, begleitet von den heiteren Reden und Scherzen der Kinder. Plötzlich, mitten im Spiel, hielt Max inne, mit dem Ball in der Hand stand er da und blickte, wie gebannt, in die entgegengesetzte Richtung. . . . „Warum wirfst Du nicht?" rief Paul, »her mit dem Ball!" „St!" sagte Max, »hört Ihr denn nichts?" Alle drei lauschten. Vom Ende des Gartens her drang lautes Schluchzen an ihr Ohr. „Das ist Frieda!" rief Selma. und raschen Laufes eilte sie zu der Stelle, an der sie durch die Lücke im Stocket sich mit der Freudin im anstoßenden Garten zu unterhalten pflegte. Aber sie fand Frieda nicht wie sonst vor der Lücke, sondern unter derselben auf der Rasenbanl lang au?,gestreckt, in weißem, duftigen Feierkleide und einem zierlichen Kranz von halbgeöffneten Rosenknospen in den braunen, glänzenden Locken. Sie schluchzte herzbrechend und ihre anmuthige Toilette kontrastirte seltsam mit der sichtlichen Verzweiflung des Kindes. „Frieda!" rief Selma, sie umschlingend; »um Gotteswillen! Was ist geschehen? Warum weinst Du so?"-- Die Schluchzende antwortete nichi. schien sie nicht zu Horen. ' „Frieda! Ich bitte Dich inständigst, sage mir. weßhalb Du weinst! — Du weinst ja noch viel schrecklicher, als damals, da Dein lieber Großpapa gestorben ist."