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Der Israelit · 1904-02-11 · Heft 12 (11.2.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 12 (11.2.1904)
Date
1904-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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260 ihrer Abhandlung in den Schulen, die Juden als die Feinde des Stifters der christlichen Religion sehr schwarzgemalt werden. Man braucht darüber lein Wort zu verlieren. Schon in die so empfänglichen Kinderseelen wird der Keim zum Haß gesät. Dazu kommt noch etwas anderes. Die jüdische Religion mit ihren Festen, die religiösen Gebräuche der Israeliten, die alle so ganz anders geartet find, als die Zeremonien der christlichen Religion, nicht zuletzt der Talmud, umgeben die Juden in den Augen der Christen mit einem geheimnißvollen. schreckhaften Zauber. «Alles, was dunkel ist, fürchtet der Mensch." Jede Furcht ist aber mit Haß gepaart. Ein dritter Faktor, der das nothwendige Ergebnitz des zweiten ist. tritt hinzu. Der Nimbus, der das Leben der Juden umgab, als sie noch durch die mittelalterlichen, engen Gaffen des Ghettos wanderten, und sie noch heute umgibt, wo sie doch im Lichte der sogenannten aufgeklärten Zeit stehen, hat au; dem fruchtbaren Schatze des Geheimnitzvollen die unsinnigsten Ausstreuungen über heimliche Frevelthaten der Juden, wie das Blutmärchen u. a., deren Zusammenhang mit der jüdischen Religion angestrebt, geboren. Diese Märchen bilden das unverrückbare Erbtheil der Jahrhunderte, die geistige Rüstkammer der Antisemitenblätter, aus der sie ihre giftigen Waffen holen. Der letzte Grund aber ist der: Die Wurzel alles menschlichen Handelns ist der Egoismus. Wir meinen dabei nicht den schrankenlosen Egoismus, die ungezügelte Selbstsucht, die das eigene Ich als Mittelpunkt der ganzen Weltordnung betrachtet wissen will. Unter dem verborgenen Egoismus verstehen wir das Bestreben des Menschen und der Menschen, des Individuums und der Völker, andere nach seinem Willen zu bilden, andere sich unterzuordnen. Der gute Katholik wünscht lebhaft, alle Protestanten möchten katholisch werden und umgekehrt, der liberale Politiker sucht den ultramontanen von dessen Verbohrtheit zu überzeugen und umgekehrt. Philosophen, Künstler und Gelehrte kämpfen lebhaft für ihre Ueberzeugungen und freuen sich über jeden, der als Bekehrter zu ihnen stützt. Und nun sehen wir die seltsame Thatsache, datz das Judenthum weder Proselyten zu machen pflegt, noch, falls es überhaupt noch Judenthum heißen will, ein faules Uebereinkommen mit irgend welchen Religionssystemen schließt und geschlossen hat. Jedem Religionssystem wohnte die Tendenz inne, sich auszubreiten, jede? Religonssystem weist Entwickelungen, Veränderungen. Umdeutungen der ursprünglichen Ideen auf wie des äußeren Gewandes. Die Religion des Judenthums hingegen ist heute noch exclusiv und konservativ, es ist ' in Wahrheit: «Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht." Der Grund aber ist in Wirklichkeit die unumstötzliche wunderbare Thatsache, daß das Judenthum, woran auch die Hände des Assyriologen Delitzsch nicht zu rütteln vermochten, zuerst unter allen Völkern des einen persönlichen Gottes innr geworden, allein von allen Völkern in seiner Reinheit durch die Jahrtausende den Glauben an Ihn sich bewahrt hat. «Alle Dinge sind in ihrem Anfänge enthalten." Wir stimmen mit Stratz überein, wenn er sagt, die Juden brauchen bei der Kultur anderer Völker keine Anleihe zu machen, weil diese Nationen alle aus der Kultur der Juden geschöpft haben. Dieses große Gesetz des Willens zur Macht erklärt uns auch mit die Abneigung gegen die Juden. Geistig und körperlich unnahbar, leben sie unter den Völkern des Erdballs seit Jahrtausenden; Versuche, in diese festgethürmten Mauern des Abschlusses Bresche zu legen, sind stets vereinzelt geblieben, da sie eben nur selten gelingen. Man braucht sich dabei nicht durch den Umstand täuschen zu lassen, daß in neuerer Zeit augenscheinlich mehr Ausals Uebertritte stattgefunden haben und eine große Zahl Mischehen geschloffen wurden. Das ist ein Auf- und Abwogen, das die Zeitströmung mit sich bringt. Ist nicht auf die Zeit des ödesten Nationalismus und Gartenlaube-Materialismus eine Periode gefolgt, wo religiöse Fragen im positiven Sinne mehr als je die Gemüther bewegen? Das ist ein ontologischer Trost auch für das Judenthum. Wir haben nun die Gründe klarzulegen versucht, die den Haß gegen das Judenthum wie gegen die geistig unt» damit finanziell überlegene Judenheit herbeibringen. Um nun wieder auf Stratz zurückzukommen, können wir ihm darin Recht geben, datz einzelne körperliche Gebrechen, wie die erwähnten Schönheitsfehler, auf Vererbung und Ghettodruck zurllckzuführen sind Wenn aber Stratz glaubt, die Juden damit trösten und die Antisemiten, die «hinter jeder sog. jüdischen Gesichtsbildung bei Nichtjuden den Tropfen semitischen Blutes wittern." vom Gegentheil überzeugen zu können, befindet er sich im Jrrthum. Der jüdische Typus ist ja für jeden Antisemiten das Kennzeichen, das erwünschte Kennzeichen der ihm verhaßten Raffe. Da ist nichts zu machen, selbst wenn der Unglücksselige ein waschechter Christ ist. Der Staatsanwalt in Kischinew baut auf die zukünftige Kultur. Das Judenthum und die Judenheit können durch die Feststellungen Stratz's nichts gewinnen, wohl aber verlieren. Die Beweise, die er für jüdischen Typus bei Nichtjuden angetreten hat. stehen auf thönernen Füßen auch deßhalb, da sie nur Einzel fälle aus Millionen umfassen, anderweitig kompensirt sind durch Fehlen des jüdischen Jargons, abweichende Gesichtsfarbe und Haarbildung, und ohne praktische Folgen find. Genau so steht es mit der Umkehrung. Wir brauchen darüber nicht viele Worte zu verlieren. Wenn

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