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Der Israelit · 1904-02-08 · Heft 11 (8.2.1904) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 11 (8.2.1904)
Date
1904-02-08
Page
– (sequence 19)
Language
German
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247 Eiren Theil der Nacht verbrachten sie mit dem Entwerfen von Planen für den kommenden Tag. Schon Tags darauf durchflog die Stadt das Gerücht, Fräulein Wtorkowska werde ganz bestimmt sich mit Sofronow verheirathen. Heinrich hielt dies Anfangs für eine Klatscherei und zuckte darüber die Achseln. Als es sich aber immer wiederholte und mit allen Einzelheiten versehen wurde, hielt er es nicht länger aus und eilte zu Musa. Diese empfing ihn ganz gegen ihre Gewohnheit kalt, traurig, mit einer gewissen Zurückhaltung in ihren Worten, als müßte sie sich auf die Zunge beißen. Heinrich merkte, daß ihn wirklich etwas bedrohe. Er war aber so leidenschaftlich für sie entflammt, daß er bereit war, für sie Alles zu vergessen. Die Unterhaltung hatte etwas Gereiztes, Zügelloses, und führte fast zu Zank und Streit. Heinrich griff zum Hute. Man ließ ihn ruhig gehen. Aber auf, der Schwelle kehrte er wieder um, warf den Hut an die Erde, rang die Hände und war ganz in Verzweiflung. Bei dieser Gewaltscene trat, als veusoxmuedins. die Mutter ein, mit einer Moralpredigt, mit Vorwürfen und Zornesworten, über die ihrem Hause, ihrer Tochter, ihr selbst angethane Schmach! Kurzum, diese ganze Szene gestaltete sich zu einer überaus pathetischen. Wir bedauern sehr, daß sie nicht in den Rahmen unserer Erzählung paßt. Der Leser aber wird leicht errathen, daß sie sich mit großer Natürlichkeit ft con io abspielte. Heinrich war im höchsten Grade empört, als man ihm nur die Wahl ließ, entweder Musa zu entsagen, oder sofort die Scheidung von seiner Frau zu beantragen, und gab feierlich sein Wort, daß er, ohne einen Augenblick zu verlieren, die nothigen Schritte thun werde. Dann folgte die Versöhnung, allgemeine Rührung und Erklärung. Einige von Niemand gesehene Thränen wurden zur gelegenen Zeit mit dem Battisttiichlein getrocknet. Nach der Mutter Entfernung gab es zärtliche Küsse und in's Ohr den guten Rath, Heinrich nröge sich, um sich jeden Verdruß zu ersparen, nur an Freund Mann wenden. Geradenwegs zu diesem begab sich ganz außer sich der Aermste. Mann schien schon darauf vorbereitet zu sein; er las ihm die Moral, er schalt ihn aus, bewarf ihn mit Koth — aber er übernahm doch die Sache. Ganz gebrochen, zermartert, wie zerschlagen, kehrte Heinrich nach Hause zurück und warf sich in einen Sessel, da er sich fast krank fühlte. Er war am Ziele seiner heißesten Wünsche, und hier — welch' wunderbares physisches Phänomen — ergriff ihn Reue, Schreck und Schmerz. Fast schämte er sich und war empört über das, was er gethan. Sein neues Ideal, als er von ihm träumte und es sich vorstellte an Tilda's Platz in seinem Hause, stand ihm wie ein Schreckgespenst vor Augen. Mit ihm zugleich trat in sein Haus ein leidenschaftlicher Kampf. Sie that ihm leid, die stille Tilda, bei der er so ruhig lebte, die er achten mußte, für die er noch am Vorabende der Scheidung eine gewisse Anhänglichkeit, Freundschaft und Hochachtung empfand. Er liebte sie nicht, aber er bedauerte sie. Zur Umkehr aber war es nicht mehr Zeit. Sein Glück erschien ihm jetzt so entsetzlich: mit dieser Tochter, dieser Mutter, diesem Saus und Braus, den sie beanspruchten, mit dieser Knechtschaft, die ihm bei ihnen bevorstand. Während im Hause der Frau Wtorkowska Freude herrschte und Triumphlieder erschallten, verbarg sich Heinrich in seinem Kabinet voll übler Laune und ärgerlich über sich selber. Fast die ganze Nacht hindurch saß er im Sessel wie erstarrt und träumerisch.. An seinem Lebenshimmel thürmten sich dunkle Wolken auf. Musa war so flatterhaft, so gewandt, so unbegreiflich, und dennoch mit all' ihren Fehlern so entzückend. Das Letztere tröstete ihn. Tags darauf entschied sich in aller Stille und ganz im Geheimen sein Schicksal. Tilda kam zitternd und verlegen zum Frühstück. Sie befürchtete eine Szene. Heinrich aber war kalt, tiefbekümmert und sprach kein Wort. Er sah nur oft nach der Uhr und bald entfernte er sich unter dem Vorwände von Börsengeschäften. Mittags fuhr Mann vor. Im Kabinette flüsterten sie nur Beide miteinander. Alles war schon abgemacht. Auch der Vater hatte sich einverstanden erklärt. Heinrich mußte nur noch ausdrücklich mit Derjenigen reden, die noch seine Gattin war, obschon die Bande, die sie vereinten, in ihren Seelen längst zerrissen waren. Dazu aber vermochte er sich nicht zu entschließen. Cr verschob es auf später. Auch sie verharrte in Schweigen. Bei Tische waren einige Freunde. Und zu guter Letzt kam noch Herr Samuel vorgefahren, in gewohntem Humor und ohne sich etwas merken zu lassen. Das Wetter war schön. Nach dem Dessert ging man in den Garten. Der Vater reichte der Tochter den Arm und schritt mit ihr langsam auf und ab. Er hieß sie den Hut mitnehmen gegen die Sonne. Als sie sich dem Hofthore genähert, welches auf die Allee führte, öffnete dieses Herr Samuel. Sein Wagen hielt davor. — „Fahren wir einmal durch!" sagte er ruhig. „In der Allee ist es angenehm und kühler!" Unterwegs sprachen sie wenig zusammen. Nach halbstündiger Fahrt hielt der Wagen vor des Vaters Villa. Samuel küßte sie auf die Stirne mit den Worten:

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