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Der Israelit · 1904-02-08 · Heft 11 (8.2.1904) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 11 (8.2.1904)
Date
1904-02-08
Page
– (sequence 20)
Language
German
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248 „Du bewohnst wieder Dein früheres Zimmer! Dorthin lehrst Du nicht zurück. Du bleibst bei mir!" Auf diese sehr einfache Weise war Alles schnell zu Ende. Heinrich ließ sich nicht weiter sehen. Tilda war frei. Wieder heiterer geworden, richtete sie sich mit ihrer Engländerin im Hause des Vaters wieder ein und gedachte oft ihrer Jugendzeit. Sie erwartete Nachricht von Jakob. Aber Alles blieb still. Im Lande wüthete inzwischen der Kampf, der Alles entflammte und allen Voraussetzungen und Muthmaßungen zuwider immer fortdauerte. Man sandte nicht einen, sondern manchen Brief auf verschiedenen Wegen an Jakob ab. Aber er erhielt sie wohl nicht. Man wußte nicht, was aus ihm geworden. Es kam keine Antwort. Alle Anführer und sogar alle Gemeinen hatten andere Namen angenommen. Es war daher schwer, etwas zu erfahren und zu unterscheiden in diesem wunderbaren Gemische von Namen. Tilda wurde immer trauriger. Sie verging fast vor Sehnsucht. Jeder blutige Zusammenstoß, jede Niederlage und Metzelei fand Wiederhall in ihrer Seele. Jede Beschreibung eines Gefechtes regte sie auf. Aber im Innern sprach zu ihr eine Stimme: Gott wird ihn retten. Jetzt glaubte .sie schon an Gott. Täglich, wenn sie mit dem Vater zusammentraf, suchte sie Trost in dessen Augen, und fand in ihnen wenigstens keinen Anlaß zu neuer Furcht. So verging die lange Zeit bis zum Spätherbst ihr in Schweigen, Hoffnungen und Befürchtungen. Das Land wand sich unter Strömen Blutes in Todesschmerzen, als einst zu ungewohnter Stunde der Vater in das Zimmer der Tochter trat, bleich und traurig, aber mit ruhigem Gesichte. ' „Mache Dich reisefertig!" sagte er. „Wir verreisen heute Abend. Dein Jakob liegt verwundet in Krakau. Seine Wunde ist aber nicht gefährlich. Sieh! Hier ist ein Brief von ihm!" Tilda sank mit einem Aufschrei halb in Ohnmacht. Bald aber erweckte sie die Freude. Abends saßen sie schon auf der Bahn, nachdem die Paßsormalitäten erledigt. und der Zug sauste der alten Hauptstadt zu. Epiloge. Es war im Jahre 1865, als eine zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen, anscheinend auf der Rückkehr von der Besichtigung der berühmten Gärten der Villa Pallavicini bei Genua im Saale des uns bekannten Albergo della Grotta zusammenfand. Diesmal aber sah die Versammlung ganz anders aüs, als vor einigen Jahren. Auf den ersten Blick erkannte man in ihr vermögende Leute. Da gab es Keinen mehr von jenen Aermsten. die vor Hunger umfallen..und deren Physiognomie schon einen unangenehmen Eindruck auf bie Taschen macht. Italien, welches unlängst noch die Trümmer seines heroischen Kampfes in die Länder aller Himmelsstriche entsandt, um Zuflucht. Brod. Gastfreundschaft, Ruhe und Freiheit zu erbetteln. Italien, dessen Emigranten die Welt voll Mitgefühl die Bruderhand gereicht, verstand, nachdem es seine Unabhängigkeit erlangt. sich so einzurichten, daß jetzt in ihm fast kein unglücklicher Flüchtling Schutz und Zuflucht suchen durfte. . Italien war ein gesetzlich geordnetes Reich geworden und verabscheute die Revolution, noch mehr aber die Revolutionäre und Alle, die im Verdachte standen, dies — data occasiom— einmal werden zu können. Nur ganz ordentliche Leute also, die mit Paffen legitimirt waren, die keiner Gastfreundschaft bedurften und ihr Vaterland in der Tasche trugen, befanden sich jetzt in Albergo della Grotta. Der Wirth freute sich, als er sie vor sich sah. über seine vernünftige Regierung, die mit allen Monarchen bereits in so freundschaftlichen Beziehungen stand, und jenem Lumpenpack von Landstreichern ihre Schweizergreuze hermetisch verschlossen hielt. In jenem abgesonderten Winkel der Grotte, wo leise die Fontaine murmelte, wo sich einzudrängen die gewöhnliche Menge kein Recht hat, stand für eine angesehene Reisende eine mit großer Sorgfalt gedeckte Tafel. Der Wirth nannte instinktiv und überzeugt, daß er sich nicht irre, einen Herrn „Jl Signor Conte" und dessen Dame: „Contessina". Für dieses Tischlein hatte man einige Flaschen vom besten Weine besorgt, um die besten Früchte sich bemüht, das beste Gedeck aufgelegt und tadellose Bestecke erglänzten in jungfräulichem Schliffe. Außer diesem Ehrentische aber waren auch noch andere besetzt von einzelnen Gästen oder ganzen Gruppen mit höchst respektablem Aeußeren. Alles dies hotte einen reichen, stattlichen, luxuriösen Anstrich. Selbst die Stimmen der Reisenden klangen so wohltönend und harmonisch, wie Gesänge, und ihr perlenreines Lachen bewies, daß diese Leute zu den Auserwählten gehörten, denen es auf der Welt nur wohl zu ergehen pflegt. Nur mit solchen aber ergeht es auch den Gastwirthen wohl! Signor Gcwtano Fixno rieb sich daher - die Hände, schob sein Käppchen zurecht und segnete die Zeiten, die er jetzt erlebte.! Der Tag war schwul, die Besichtigung der Wunder ‘ der Villa Pallavicini sehr ermüdend. Nirgend anders- , wo ruhte es sich behaglicher aus, als in der Grotte.! (Fortsetzung folgt.) VoranlivortUcb; Nedacnon: Oscar Lehmann in Mainz. — Ecvedition des »JSraelit" Scbottslrnhe Nr.2.Mainz. Druck lind Verlag der I oh. W irth'scheu Hofbuchdruckerei Actirn-Gelellschaft in Main».

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