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Der Israelit · 1904-02-08 · Heft 11 (8.2.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 11 (8.2.1904)
Date
1904-02-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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weiß von nichts! Wozu ist das? Er verkehrt hier allerdings. Aber ich bitte, erharmen Sie sich. Die Lhüre kann ich doch nicht zuschließen »Beste Frau! Mit mir muffen Sie ganz offen sein! Les bons cömptes font les bons amis. Was denken Sie von Heinrich?" fragte lachend der Alte. „He! Rechnen Sie auf Tilda's Schwindsucht? Sie fragten ja sogar ihren Doktor aus! Aber sie hat nicht die Schwindsucht. Das ist vergebens! Aber Heinrich paßt Euch ganz vortrefflich. Ihr habt ihn in eine solche Leidenschaft gebracht, daß er jederzeit bereit ist. in den Abgrund zu stürzen. Sehen Sie, Verehrteste, meine Tochter kann doch nicht glücklich mit ihm werden. Ich tret' ihn Euch ab, nehmt Ihr ihn Euch und bringt ihn dazu, daß er zuerst die S ch e i d u ng beantragt. Tilda will's nicht thun. Ich aber muß sie retten! Ihr habt mich zum Verbündeten. Ich gebe Euch Heinrich zur Beute! Macht mit ihm, was Ihr wollt! Wenn ich ihn nur los werde! Seht, das ist mein Geschäft! Netto!" Frau Wtorkowska war anfangs wie erstarrt. Dann zitterte sie vor Freude und begann zuletzt den Alten zu umarmen und zu küssen, obschon er durchaus nicht lüstern war nach den Liebkosungen so überreifer Frauen, bis er endlich diesen Ergüssen der Dankbarkeit sich entzog mit den Worten: „Halt! beste Frau! Vor zwanzig Jahren wäre mir solch' ein Sichselbstvergessen Ihrerseits sehr angenehm gewesen, heut' aber kamen wir zu spät! Reden wir also ganz kalt davon. Was denken Sie zu thun?" „Verehrter Herr!" erwiderte sie lebhaft, indem sie sich die Schweißperlen abtrocknete, die die Aufregung hervorgerufen. „Ohne Musa kann ich mich doch nicht entscheiden! Die Gäste werden sich bald entfernen! Warten Sie hier! Sie wird selber kommen!" „Einverstanden! Aber dann zünde ich mir eine Zigarre an." »Zehn, wenn Sie wollen!" rief Frau Wtorkowska in ihrem Eifer, indem sie hinaus ging und ihn in ihrem verschlossenen Schlafgemach allein ließ. Im Salon waren noch Gäste. Die Mutter aber gab unbemerkt ihrer Tochter ein Zeichen, indem sie an ihr vorbeischlich. Wenige Minuten darauf klagte Musa über Kopfschmerzen und Mattigkeit. Ihre galanten Anbeter griffen zu den Hüten. In zehn Minuten hatten sie sich sämmtlich empfohlen. Der Salon war leer. Es ist unbeschreiblich, mit welch' fieberhafter Eile die Mutter Musa sofort in den Inhalt ihres Gesprächs mit dem im Schlafzimmer harrenden Gaste einweihte, und wie erstaunt die Tochter war. als sie dies erfuhr. Ganz strahlend stand sie da. umarmte die Mutter, sammelte die Gedanken und trat dann kühn in das Zimmer. Auf der Schwelle empfand sie wohl noch ein wenig falsche Scham, doch besann sie sich bald wieder, nahm ein kühles und bekümmertes Gesicht an und trat mit Ernst und Würde ein. Der Gast begrüßte sie mit vertraulicher Derbheit und sprach: „Na, liebes Fräulein! Die Frau Mama hat Ihnen gewiß schon mitgetheilt, worum es sich handelt! Reden wir also ganz offen und freundschaftlich!" „Ach. die Angelegenheit ist eine so schmerzliche, so delikate, so..." „Für mich ist sie durchaus nicht schmerzlich, im Gegentheil höchst heiter!" sagte Samuel. „Ich bezweifle auch, daß sie für Sie schmerzlich ist. Delikat ist sie allerdings! Behandeln wir sie demgemäß!" „Ich habe Tilda aber so lieb!" „Nun, so geben Sie ihr einen echten Beweis Ihrer Freundschaft, indem sie ihr einen ihr durchaus unbequemen Gatten abnehmen, der Sie liebt und zu Ihnen besser paßt." Musa wurde doch etwas verlegen und schwieg. Sie fühlte das Bedürfniß, die Verschämte zu spielen. „Mein liebes Fraulein!" fuhr Samuel fort. „Wollen Sie mit mir hier Komödie spielen, d. h. die Verschämte und Sentimentale darstellen, so kommen wir zu nichts und ich gehe meiner Wege! Offen und kühn! Qui veut la fin, veut les moyens. Heißt es hier! Sie jagen Heinrich mit Sofronow in's Bockshorn! Ich verbreite auch das Gerücht, er habe sich Ihnen erklärt! Sie thun, als wenn Sie dies noch geheim halten! So bringen Sie ihn zur Verzweiflung. Dann setzen Sie ihm das Messer an die Kehle und sprechen von seiner Scheidung. Als Vermittler mit mir schlagen Sie ihm Herrn Mann vor!" »Ja, so ist es am besten, Herr Samuel! Ganz vortrefflich!" rief die Mutter. „Ueberlaffen Sie mir nur das Weitere!" antwortete Musa, leicht erröthend und lächelnd. „Der Plan ist gut, ich bin überzeugt, daß ich ihn nicht schlecht ausführen und den Autor nicht beschämen werde!" Ganz ausgelassen vor Freude machte sie ihm einen Knix. „Was mich anlangt," fuhr Samuel fort, „so würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mit dieser Ausführung nicht zögerten!" „Ich werde thun, was möglich ist!" „Ich bin fest davon überzeugt," sagte der galante Gast. „Wenn Sie nur wollen, liebes Fräulein, können Sie Wunder thun! Wenn meine Hülfe Ihnen dazu nützen kann, bitte ich, über mich zu verfügen ..." Und zärtlich drückte er ihr die dargebotene Hand, verneigte sich und ging. Die Mutier gab ihm das Geleit, und warf sich, als sie zurückgekehrt, der Tochter an den Hals, bald lachend und bald weinend, ganz außer sich. Musa war etwas zurückhaltender in den Aeußerungen ihrer Freude, strahlte aber nicht minder.

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