Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 11 (8.2.1904)
- Date
- 1904-02-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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235 »Das ist wahr, die Kosten für den Haushalt, das ist Deine Sache, aber alles Uebrige, was den Haushalt betrifft, das ist meine Sache." »Du weigerst Dich, meinen Wunsch zu erfüllen?" »Ich kann mir gar nicht denken, daß es in Wirklichkeit Dein Wunsch ist, wenn Du dabei in Betracht ziehst, daß ich mich vor allen meinen Bekannten lächerlich machen würde, wenn ich ohne Zweck und ohne Sinn in den bisherigen Beschränkungen beharren würde." Er preßte die Lippen aufeinander und athmete schwer auf. »Ich hatte es gehofft." „Du halt Dich getauscht, lieber Freund, weil Du nicht alle Umstände in Betracht gezogen hast. Uebrigens davon habe ich ja gar nicht reden wollen, denn das versteht sich doch im Grunde von selbst." »Bon was hast Du denn reden wollen?" fragte er, indem er mit der Hand über die Stirn strich, als könne er unangenehme Gedanken dadurch verscheuchen. »Von was ich reden wollte?" — sie räusperte sich. „Ich habe es doch schon gesagt, daß es meiner Ansicht nach bereits an der Zeit wäre, das Hinderniß wegzuräumen, das unseren Kindern dereinst die Carriöre versperren könnte —" »Von welchem Hinderniß sprichst Du?" „Lieber Himmel! wie Du fragen kannst! — Welches Hinderniß versperrt dem Juden jede halbwegs höhere Carridre? Nichts anders als seine Religion! Also Schwamm darüber! Oder vielleicht ein paar Tropfen Master darüber, dann hat die ganze Misere ein Ende." „Aurelie! Was muthest Du mir zu?!" „Nichts Unpraktisches, lieber Freund, nichts, was Du je bereuen könntest." Er athmete schwer auf und fuhr sich abermals mit der Hand über die Stirn. »So denkst Du! Ich aber sage Dir. nicht für eine Million ließe ich mich taufen!" Sie schüttelte wie staunend den Kopf. „Das^ ist Gefühlsduselei, ich batte Dich nicht für einen solchen Fantasten gehalten." „Nenne es, wie Du willst und halte mich, für was Du willst. — Ich habe Dir zu Liebe vieles gcthan. aber dazu bringst Du mich nicht —" Sie preßte die Lippen aufeinander und zog die Stirne in Falten; erst nach längerer Pause fragte sie: „Warum eigentlich nicht?" * »Was meinst Du. warum eigentlich nicht?" »Warum Du Dich weigerst, das zu thun, was Tausende und Abertausende gethan haben und thun —" »Warum ich mich nicht taufen lassen will?" »Das verstehe ich nicht. Daß Deine Eltern sich nicht haben taufen lassen und alle diejenigen, die so sind, ich meine, dieso denken und so bandeln, wie Deine Eltern, daß die sich nicht taufen lassen, das begreife ich. Denn wer glaubt, daß er Gott weiß wie gestraft wird, wenn er ein Schinkenbrödchen itzt oder am Sabbat ein Stückchen Papier zerreißt, daß der sich nicht laufen läßt, das ist ja selbstverständlich. Aber daß Du so Schreckliches in der Taufe findest — Dü hältst bön dem ganzen Firlefanz doch so wenig wie ich —* .. . „Das ist richtig," sagte er, aber seine Stimme klang gepreßt, »von Deinem Standpunkt aus hast Du; nicht so ganz unrecht." . . ' „Nun also—" " ’ Er fuhr sich abermals mit der Hand über die Stirn, während eine leise Rothe sein sonst etwas' bleiches Gesicht überzog. „Es ist das kein angenehmes Thema — ich spreche" ungern darüber — namentlich, da ich nicht einmal' weiß, ob ich mich Dir verständlich machen kann." „Ich halte mich wohl berechtigt, zu verlangen, daß Du wenigstens den Versuch machst, mir Dein Thun und Lassen zu erklären. — Und übrigens, gar so begriffsstutzig bin ich doch auch nicht." „Nein, begriffsstutzig bist Du nicht — trotzdem -4 ich weiß nicht. — Sieb, es ist ja richtig — ich halte alle die sog. Ceremonialgesetze nicht, auf die meine Eltern' so großen Werth gelegt haben — und weil sie so großen Werth darauf gelegt haben, habe ich mich ängstlich-qehütet, irgend etwas zu thun. wodurch sie meine währe Herzensmeinung auch nur hätten ahnen können." ..Ich weiß, ich weiß — deßhalb haben wir uns elf lange Jahre so schwere Beschränkungen auferlegt." „Wenn Du diese Beschränkungen mit denen vergleichst. die Dir vor diesen elf Jahren auferlegt waren, so dürften Dir die Ersteren doch nicht all zu schwer erscheinen", bemerkte er unmuthig. Sie errötbete. »Es ist nicht zartfühlend von Dir, mich daran bei jeder Gelegenheit zu erinnern." ' Er zuckte die Achseln ohne etwas zu erwidern. „Nun", begann sie nach kurzem Schweigen, »ich harre noch immer Deiner Erklärung." «Ja so. die soll mir nicht erlassen werden — also , gut. einmal werde ich darüber reden, aber nie wieder, das sage ich Dir — ob Dir meine Erklärung einleuchtet. oder nicht — Du mußt Dich damit abfinden, für mich ist die Sache abgethan — und ich sehe sogar voraus. Du wirst meine Erklärung nicht einleuchtend finden." „Aber ich bitte Dich, keine weitere Vorrede." . Er wechselte abermals die Farbe, zögerte abermals und sprach dann hastig: „Es ist ja wahr, ich Halte gar Vieles nicht, was meine Eltern gehalten haben,' aber deßhalb fühle ich mich doch als Glied jenes Volkes, das der Menschheit den größten Segen, die Erkenntniß des^ Einen Einzigen Gottes gebracht hat." sH' m Sie kräuselte verächtlich die Purpurlippen:. »Also Du fühlst Dich als Glied jenes Volkes, das ktUMrUe -, Nasen hat, nicht selten auch krumme Bein^und gar oft auch krumme Rücken, und das mit alten Äleidern . handelt und die Dukaten beschneidet —"