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Der Israelit · 1904-02-08 · Heft 11 (8.2.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 11 (8.2.1904)
Date
1904-02-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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der Konfessionslosigkeit, wenn nicht mit dem Austritt aus dem Iudenthum und der Taufe gedroht. Was ist den meisten dieser „Auchjudenihr Judenthum? Ein Bleigewicht, das. wie sie sagen, mitgeschleppt wird, das sie an der vollen Entfaltung ihrer nach großen Zielen strebenden Persönlichkeiten hindert. Und begete-r wir uns nun in die jüdischen Gemeindestuben. Da sitzen sie beisammen, gewiß ehrenwerthe Leute. Rechtsanwälte, Fabrikanten. Millionäre — natürlich fehlen auch die obligaten Streber nicht — die hier in der Gemeindestube ihr Lichtlein leuchten laffcn wollen, das man sie anderwärts nicht entzünden ließ. In diesen Gemeindestuben sprechen meist diejenigen, die nichts zu sagen haben. Das Heil erblickt man gar oft in der Anstellung von Rabbinern, denen während des ganzen Jahres kein Mensch zuhert, weil ja an gewöhnlichen Sabbaten die Synagogen meist vor Oede und Leere starren, von denen man verlangt, daß sie an drei bis vier „hohen" Feiertagen schrecklich geistreich, tief, philosophisch sprechen, so daß sie die große Volksmenge nicht versteht. während der Gewaltige der Gemeinde sein „religiöses Bedürfniß" durch eine solche Rede des Rabbiners vollauf befriedigt fühlt. Das ist ein Grundübel unseres Judenthums, an dem es schwer krankt. Die wahrhaften Bedürfnisse unseres Judenthums kennen nur wenige unserer Gemeindevertreter, sie stehen oft außerhalb des Judenthums und haben es zu wenig kennen gelernt, ehe sie sich auf das Altentheil zurückzogen, das ihnen die Würde in der jüdischen Gemeinde gewährte. Wir kennen Männer, die in früheren Jahren davon sprachen, es sei gegen ihre Ueberzeugung, in die Synagoge zu gehen, und die jetzt über unsere wichtigsten Kultus- und Gemeindeangelegenheiten brrathen, lange Reden halten und vermeinen, durch ihre Worte das Judenthum retten zu können, lieber Koschersleisch sprechen, mag ja vielen unserer Glaubensgenossen für sehr wichtig gelten, was soll man aber von jenen sagen, die über diese rituellen Angelegenheiten reden und aus ihrem Hause alles „Koschere" verbannt haben? lieber Anstellung von Rabbinern, Erbauung von „Bothe Kenesioth" reden, ist gewiß sehr löblich, was soll man aber von jenen Herren Rednern sagen, die „schandenhalber" ein- bis zweimal im Jahre in die Synagoge kommen, um ihrer „theuren Da hin geschiedenen" zu ge denken? Ein furchtbarer Abgrund gähnt bei uns zwischen Worten und Thaten. zwischen Reden und Leben. Wir haben gegen die Herren, die uneigennützig sich mit der Berathung jüdischer Angelegenheiten — gewiß eine höchst undankbare Aufgabe — beschäftigen, nichts. Wir müssen dafür danken, daß sich noch heute Männer finden. die dies neben ihren gewiß wichtigen Berufsgcschäften thun; aber eines muß verlangt werden: Wer sich mit jüdischen Angelegenheiten in der Gemeindestube befaßt, der muß ein Jude sein, d. h. er muß das Judenthum kennen, er muß auch ein religiöser Jude sein. Will man die Unarten gewisser Vertretungskörper in unsere Gemeindestuben übertragen? Hier vielleicht den Schönredner, den Sozialpolitiker, den Allesbesserwissenwoller, den Debatter, den Parlamentarier spieleg? Unsere Alten, sie haben von allen diesen Lastern unseres heutigen öffentlichen Lebens nichts gewußt. und wie blühte damals das Gemeindewesen, welch' eine Freude war es zu sehen, wie das Judenthum in den Herzen der Jugend erstarkte! Heuchlerische Streberei, die mit Rabbiner- und Koscherfleischfragen herumwirft, und ganz andere Ziele vor Augen hat, Karl Ein kl Franzos. möge aus unseren Gemeindestuben verbannt bleiben. Nochmals also ergeht unsere Mahnung, die naw.entlich an unsere Großgemeinden gerichtet ist: Wählet in eure Vorstände nur Männer mit jüdischem Herzen, die das Iudenthum kennen, Männer, die nicht allein reden und viel reden, sondern solche, die von allem persönlichen absehend, nur unsere große Sache im Auge haben. Diesen Männern wird sich auch die große Menge gerne anvertrauen, sie wird ihnen Gefolgschaft leisten. „Die schönste Predigt ist die. die der Rabbiner lebt." Dies gilt auch von unseren Gemeindevorständen. Reden werden überall genug im öffentlichen heben gewechselt. lasset uns nun auch eure Thaten sehen.

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