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Der Israelit · 1904-02-08 · Heft 11 (8.2.1904) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 11 (8.2.1904)
Date
1904-02-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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232 Der Jubilar, umgeben von den Mitgliedern seiner Familie, sprach allen Rednern in eingehender Ausführung und herzlicher Weise seinen Dank aus. Danzig, 1. Febr. Der hiesigen Synagogengemeinde hat Herr L. Gieldzinski eine aus ca. 120 Nummern bestehende Sammlung alter kunstvoller jüdischer Kultusgegenstände geschenkt und daran die Bedingung geknüpft, daß sie der Oeffentlichkeit nicht entzogen werden darf, auch soll kein Eintrittsgeld erhoben werden. Die Sammlung wurde von Herrn Gieldzinski in einem Zeitraum von dreißig Jahren zusammengetragen und ist die vierte, die besteht; die anderen sind in dem Besitze des Kensington-Museums in London, des Mus^e Cliny in Paris, des Museums in Frankfurt am Main; außerdem ist noch eine Sammlung Matthias Berffon in Warschau vorhanden. — Es handelt sich um in Silber, Kupfer und Messing getriebene Gegenstände sowie um buntbemalte, auf Pergament geschriebene Gebetbücher u. j. ty. Die Sammlung, von der nächstens ein Katalog erscheinen wird, soll im sogenannten Brautzimmer der hiesigen Synagoge zur Aufstellung kommen und dürfte eine hervorragende Sehenswürdigkeit für Danzig und Umgegend bilden. Dresden. In der sächsischen Zweiten Kammer beklagte sich kürzlich der antisemitische (deutsch-soziale) Abgeordnete Schubart darüber, daß zum Vorsitzenden des Schwurgerichts in Chemnitz ein Jude ernannt worden sei. Die Justizverwaltung, die sicher nicht im Gerüche besonderer Judenfreundlichkeit steht, ' denn der sächsische Richterstano ist fast ganz „judenrein", that Herrn Schubart nicht den Gefallen, auf seine antisemitischen Phrasen etwas zu erwidern. Gemeint war mit jenem jüdischen Richter der plötzlich verstorbene Landgerichtsrath Johannes Meyer. In dem Nachrüfe, welchen der „Dresdner Anzeiger" (Amtsblatt des Magistrats) ihm widmete, heißt es: „Der Verstorbene gehörte seit einer langen Reihe von Jahren dem Königlichen Landgerichte zu Dresden als Richter an. Er war häufig auch als Vorsitzender' von Strafkammern in Strafsachen thätig und erfreute sich wegen seiner beruflichen Tüchtigkeit und vorzüglichen Charaktereigenschaften allgenieiner Werthschätzung und Beliebtheit. Auch für gemeinnützige und wohlthätige Zwecke wurde er zum Schwurgerichtspräsidenten für die nächste Schwurgerichtsperiode in Chemnitz ernannt. Als er sich zur Vorbereitung für diese Thätigkeit nach Chemnitz begeben hatte, ereilte ihn dort im Hotel, fern von den Seinen, plötzlich und unerwartet ein einsamer Tod in Folge Schlagfluffes. Die Beerdigung des schon im 52. Jahre seines schaffensreichen Lebens Heimgegangenen fand unter außerordentlich großer Theilnahme von Freunden und Berufsgenoffen statt. Besonders wohnten ihr viele Mitglieder der hiesigen Gerichte und anderer Behörden und Rechtsanwälte bei. An der Bahre sprachen nach dem Herrn Rabbiner Dr. Winter, der die Pflichttreue und strenge Rechtlichkeit ' des Verstorbenen pries. Herr Geheimer Medizinalrath Dr. E r d m a n n Namens der Großen Landesloge zu Sachsen und Herr Geheimer Baurath W a l d o w Namens der St. Jobannesloge zum goldenen Apfel." Dem „jüdischen Richter" scheint es also doch an Anerkennung nicht gefehlt zu haben. Oesterreich. Wien. Die „Ztg. des Judenth." veröffentlicht nachstehenden „Jwri" Unterzeichneten „Brief aus Oesterreich", der die traurigen Zustände in hiesiger jüdischer Kultusgemeinde schildert: Der Vorsteher der israelitischen Kultus-Großgemeinde Wien, kaiserlicher Rath Klinger. hat seine Würde, die ihm zur unerträglichen Bürde für' seine alten Schultern geworden, niedergelegt. Das Defizit besagter Großgemeinde beträgt in diesem Jahre 105,000 Kronen; der Kultusvorstand versprach, der Koscherfleischfrage sein besonderes Augenmerk zuzuwenden; täglich finden dahier Judentaufen statt; eine alte, mehr als 40 Jahre bestehende, jüdische Zeitschrift geht kläglich ein,*) die neuernannten Rabbiner in Wien Hallen Vorträge über jüdische Geschichte; die jüdischen Modedamen füllen die Theater und Kaffeehäuser — da haben Sie ein kleines Bild von den Zuständen unseres Judenthums in dem Königreiche des Advokaten Dr. Lueger, des Bürgermeisters von Groß-Wien. des allmächtigen Herrschers in dieser schönen Stadt am Donaustrande. - Nichts ist so bedauerlich wie der finanzielle Nieder- . gang, und insonderheit der einer Kultusgemeinde. Woher nehmen, um die täglich sich steigernden Bedürfnisse einer solchen Gemeinde zu befriedigen? Pumpen j wäre schon recht, wenn man nicht gar so viele Schulden schon hätte. Die Gemeindeumlagen erhöhen, d. h. heute die Leute aus dem Judenthum Heraustreiben. Die Verhältnisse Wiens sind typisch für gar viele größere und kleinere Gemeinden in unserem Oesterreich. Was die letzteren anlangt. so spricht man wohl keine Phrase aus. wenn man sagt: „sie gehen ein". Der Erwerb in unseren kleinen Städten ist für den Juden geradezu zu einem furchtbaren Kampfe geworden. Meine uralte Großmutter, die vor einem halben Säkulum lebte, sagte schon damals: „Heute ist die Parnossoh schwieriger als Keriath-Jam-Ssuf," als die Spaltung des Rothen Meeres. Was würde die ehrwürdige. bibelfeste Frau erst heute sagen? j Nun findet der große Zug nach den volkreichen i Städten statt. Hier werden die Gemeinden von Tag zu | Tag größer — quantitativ, aber nicht qualitativ. An . den hoben Feiertagen z. B. möchten gar viele Glaubens- , genossen luftige, geschmackvolle Gotteshäuser, mit Pre-! digt, Chor. Orgel (l? Red.); wenn es aber heißt: Leistet i dazu eure Kultusbeitrage, dann wird mit Erklärung; *) Das ist kein Beweis, dafür find Zehn andere erstanden. ' Redaction d«S ^Israelit".

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