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Der Israelit · 1904-02-08 · Heft 11 (8.2.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 11 (8.2.1904)
Date
1904-02-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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lösen, denn dieses ^höchste Gut". daS angeblich die Synthese bilden soll, ist nichts weiter als ein Produkt der Verlegenheit»- Nun ist aber eine Elimination des Strebens nach Glückseligkeit eine Unmöglichkeit, es sei denn, —- und so wurde argumentirt, wenn man die Menschen überzeugt,-daß es so etwas wie Glückseligkeit gar nicht gebe, wenn man zeigt, daß doch Alles eitel, jedes Streben unfruchtbar, jede Arbeit unnutz und jegliche Mühe vergeblich ist. Denn das Leben ist ein häßlicher, wirrer Traum, alles Glück nur Scheinbilder in der Wüste des Lebens, die den müden Wanderer mit ihrer falschen, farbenreichen Pracht locken, um ihn dann der Verzweiflung zu überlassen, wenn er entdeckt, daß es nur heißer Wüstensand sei, was er als erfrischende Wafferquelle angesehen. Sysiphusarbeit ist Alles, was der Mensch schafft, der Stein wird fortbeweot, aber an der entscheidenden Stelle rollt er zurück, es existirt kein Fortschritt, -weil die Welt keines Fortschreitens fähig ist. Wohin wir blicken, sehen wir Elend, dessen sich die Menschen in ihrer weitaus größeren Mehrheit bewußt sind und diese sind die weniger Elenden im Vergleich zu jenen, die sich ihres Elends gar nicht mehr bewußt sind, deren Sinne bereits so abgestumpft sind, daß sie ihr Unglück nicht mehr zu fühlen vermögen, die in der Tretmühle des Daseins fo mürbe geworden sind, daß sie gar nickt mehr die Kraft und die moralische Energie haben, sich gegen dieses Schicksal aufzulehnen. Anstatt nun aber zu sagen, daß sich die Menschen von dem Streben nach Glück, das nie erreicht werden kann, zu einem Streben nach der Pflicht aufraffen sollen, die erfüllt werden kann ohne Rücksicht auf die äußere Lage der Menschheit, wird gerade umgekehrt von der Menschheit gefordert, daß sie den Willen zum Dasein überhaupt verneine, daß sie mit der Natur, die sie überlistet, indem sie ihr zuweilen eine Art von Genuß, die später bitter entgolten wird, vorgaukle, zu striken beginne und so sich und den sog. Urwillen erlöse. Diese Weltbetrachtung. wie sie dem Pessimismus eigen ist. hat nicht einmal den großen Zug. den ihr selbst die heftigsten Gegner zusprechen zu müssen glauben, sie zeugt vielmehr von einer Enge des Gesichtskreises, wie kein anderes System. Sie betrachtet die ganze Welt von der Vogelperspektive und vermag sich nicht zu der Höhe einer Weltbetrachtung 8ud 8peeie aeternitntm zu erheben. Der weise König sagt an einer Stelle in Kohelet: vvvV v' ,*e>« pxn bv nwa w Sn ir- Sn nt ra ewn nvsvs v-wSu Ich erkläre. diesen Satz folgendermaßen: Es läßt sich nicht läugnen, daß des Menschen kurzsichtiger Blick zuweilen eine Ungerechtigkeit in der Gütervertheilung wabrzunehmen glaubt. Man sieht häufig, daß es dem Bösen, gut. und.-den Gerechten, schlecht ergeht auf Erden. Der bescheidene und der seiner Kurzsichtigkeit sich bewußte Mensch wird nicht anstehen, zu erklären, daß ihm die Maßstäbe für gut und schlecht doch allzuwenig bekannt find, daß er mit dem Plane der Schöpfung doch nicht genug vertraut ist, um sich ein Urtheil bilden zu können. Aber es sind Leute, die in ihrer Beschränktheit der Weisheit letzten Satz erforscht zu haben glauben, diese ziehen aus einer derartigen Erscheinung die weitgehendsten Schlüsse. Und so sagt der weise König, daß Thörichtes auf Erden geschieht und zwar von Menschen geschieht, weil es Gerechte gibt, denen es schlecht und Gottlose, denen es gut ergeht, wie thöricht sind doch diese Leute, wie beengt ihr Blick und wie unfrei ihr ganzes Denken. Und so gilt es auch gegenüber den Klagen der Weltschmerzpropheten ruhig Blut zu bewahren und zu fragen, ob berechtigt die Klage, die gegen die Weltordnung sich richtet, ob ehrlich die Thräne, die ihnen das Uebel in der Welt erpreßt haben soll. Und es soll zugestanden werden, daß nicht Alles in der Welt so ist, wie es sein sollte, daß es Uebel gibt, aber wenn wir fragen, ob dieses fo in dem Schöpfungsplane gelegen hat, so werden wir doch nicht umhin können, einzugestehen, daß die Menschen den größten Theil der Uebel selbst verschuldet haben, daß wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, wir die Schuld daran tragen. Zwar die Hindernisse, die sich dem Menschen in den Weg stellen, möchten wir nicht missen, sie gehören mit zum Leben, sie sind gleichsam das Salz des Lebens, und wenn sie nicht da wären, so müßte sie der Mensch sich selbst zu schaffen bestrebt sein, denn das Schlaraffenland ist kein menschliches Ideal und das Trägheitsgesetz soll es gewiß nicht sein. Kampf ist die Würze des Lebens und die gebratenen Tauben, die dem Menschen in den Mund fliegen, wären gewiß nicht so schmackhaft, als das Stückchen trockenes Brod. das man sich erarbeitet hat. Es ist dies ein wunderbarer Gedanke, wenn Fichte sagt, daß das Ich sich ein Nichtich produziren muß, damit es etwas zu überwinden habe. Aber selbst wenn wir zugeben, daß die Summe der Unlust größer ist, als die Summe der möglichen Lust, so sind wir dennoch nicht berechtigt, den Grund hierfür außer uns zu suchen, sondern wir müssen Einkehr halten in uns selbst und uns ftagen, ob wir denn Alles gethan haben, was unsere Aufgabe war. ob wir nicht die Schuld tragen an der Entartung der Welt. Und selbst wenn wir finden sollten, daß wir frei sind von jeglicher Schuld, was wohl kaum ein Mensch behaupten dürfte, so mußten wir auch sagen, daß wir nicht zu den Eingeweihten gehören, denen Gott seine Plane und seine Zwecke mit der Menschheit und mit der Welt rückhaltlos offenbart hätte, daß wir beurtheilen könnten, was das Gute an sich und das Schlechte an sich sind. Unser Blick ist doch so beengt, daß wir kaum die Begebenheiten in unserem Kreise und in unserer Gegenwart ganz'zu überschauen vermögend und wir sollten uns anmaßen, über die Welt in ihrer Ganzheit zu urtheilen? Wir sind kaum in der Lagt, - die etwaigen Folgen einer einzigen menschlichen Handel

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