Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-02-08 · Heft 11 (8.2.1904) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 11 (8.2.1904)
Date
1904-02-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2449998--60040-2520893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

45. Jahrgang. 45. Jahrgang. N 11. Keutrac-Hrgan für das orthodoxe ZudenLhum. Begründet von. Wr. Dehmsirn in Oainj. Montag, den 22. Schebat 5664. 8. Kebruar 1904. Zit eth'Gea Stromaagea der Segtuis-tt und Bon Dr. Hermann Klein—Frankfurt a- M (Fortsetzung.) Die Grundlage für das Zusammenleben und Zusammenwirken ging der Menschheit verloren, ging ihr in dem Augenblick verloren, als sie der verhängnißvollen Lehre in ihrem Gedankenleben Raum gab. daß es möglich sei, die Höhen der Menschlichkeit und Sittlichkeit zu erklimmen, ohne göttliche Beihülse; daß es möglich sei, die höchste Stufe der Lebensleiter zu ersteigen, ohne göttliche Unterweisung. Die Leiter, die den Ausstieg ermöglichen sollte, stürzte um und riß in ihrem Sturze die sich auf ihr befindenden Menschen mit. Und nun klammerten sich diese Menschen mit der ganzen Kraft der Verzweiflung an die Erde, die ihnen nun Alles sein sollte. Weil ihnen der Aufstieg mißglückte, behaupteten sie, daß ein Aufsteigen überhaupt unmöglich und überflüssig sei. Nicht das Jenseits ist Sinn des diesseitigen Strebens, nicht etwas Ueberirdisches ist es. dem unser Wirken dienen soll, sondern im diesseitigen Leben ist auch der Sinn und der Zweck des Lebens beschlossen und das Irdische hat auch nur Irdisches zum Urheber und zum Endziel. Wenn aber der Menschengeist unbedingt ein „Jenseits" oder ein „Ueber" fordert, so gibt man ihm ein „Jenseits von gut und böse" und ein „Uebermenschenthum" als Strebeziel. Anstatt, daß bisher der Sinn des Daseins in eine Ucberwelt verlegt wurde, soll nun der Sinn alles menschlichen Strebens in ein Uebermenschenthum projicirt werden. Und es gehört nicht viel dazu, ein Uebermensch zu werden; man -muß nur Alles, was im Menschen als das ihn Adelnde und Auszeichnende angesehen wurde, zu unterdrücken verstehen, man muß nur auf die Stimme der Sinne hören, sich im Genießen durch keine sogenannten moralischen Anwandlungen stören lassen. Alles, was einem im Wege steht, zu unterdrücken wissen, — und man ist Uebermensch. Ich glaube nicht, daß ich mich einer Uebertreibung schuldig gemacht habe, indem ich diese Theorien als Ausflüsse der Verzweiflung hingestellt habe', als die bittersten Satiren auf das morsche und verlogene Kultursystem der modernen Kulturmenschen. Es wird sicher kein Mensch leugnen, daß es eine, weny auch nicht historische, jedoch eine logische Kontinuität zwischen Rousseau und Nietzsche giebt. Der Sturm-, vogel der französischen Revolution predigte auch eine Flucht aus der Kultur, der Sohn einer überfeinerten und durch diese Ueberfeinerung kranken, durch und durch ungesunden und morschen Kultur, wußte keinen anderen Rath, kein anderes Arzneimittel für diese Krankheit als ein völliges Aufgeben der Kultur, als eine völlige Lossagung von ihren Errungenschaften. Die ganze Entwickelung der Menschheit schien ihm eine verfehlte und er rieth ihr, noch einmal von vorne anzufangen. Rückkehr zur Natur predigte er und Natur war für ihn gleichbedeutend mit Ruhe, Kampflosigkeit, Dedürfnißlosigkeit und Schmerzlosigkeit. Auch der falsche Prophet des 19. Jahrhunderts fordert Aufhebung der Kultur, auch er sieht das Heil der Menschheit in der Rückkehr zur Natur, nur ist ihm Natur gleichbedeutend mit wildem, ungezügeltem Sinnenleben. mit Kampf, mit Brutalität und Bestialität. Fürden einen ist die Natur eine Idylle, für den anderen ist sie eine immerwährende und furchtbare Tragödie, und auch das hat seinen Grund — und zwar hat es seinen Grund darin, weil dieser Prophet durch die Schule des Pessimismus hindurchgegangen ist. Der Pessimismus ist jener andere Sturmbock gegen die Kant'sche Philosophie, von dem wir bereits gesprochen haben. Kant konnte, wie wir dies bereits gezeigt haben, den Widerspruch von Rigorismus und Eudämonismus nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.