Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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199 Als fie den Vater erblickte, erschien ^ie kindlich verschämt und verlegen. Erziehung und Leben hatten fie niemals ihm genähert. Sie hatte zu ihm kein Vertrauen. Sie war nicht gewohnt, offenherzig zu ihm zu reden. Thränen, Furcht und Verzweiflung suchte fie daher vor ihm zu verbergen. Schweigend und düster nahm der Vater Platz. Dann sagte er mit Bedacht: „Ich sehe. Du weißt, was mit Jakob geschehen! Ich bin sonst nicht allzu sentimental, aber — er thut mir dennoch leid. Ich habe doch etwas Anhänglichkeit an ihn, wie an ein Werk meiner Hände, und wie an ein angenommenes Kind. Der Brausekopf stürzte sich in das Verderben. Er thut mir leid, ich wiederhole es Dir. Und gern macht' ich ihn retten!" „Aber ist dies denn möglich? Gibt es irgend ein Mittel? Ich sehe keines!" Der Vater sprang auf, lief hin und her und versank in tiefes Sinnen. Sichtlich kostete es ihn viel Ueberwindung, zum ersten Male im Leben ganz offen mit seinem Kinde zu sprechen. Er blieb stehen, blickte sie forschend an und sprach: „Für mich gibt es kein Geheimniß, obschon ich nicht von Allem zu sprechen liebe und von vielen Dingen nichts wissen mag. Aber der Umstand befiehlt zu schweigen und ihn nicht zu berühren. Und dennoch kommt oft der Augenblick, wo man die Wunde kühn berühren muß. Heut' oder niemals! Du liebtest ihn Und liebst ihn noch, und e r liebt Dich! Anfangs hielt ich es für eine kindische Liebe! Wider Erwarten fand ich sie andauernd, ernstlich, beständig, kurz so, -wie ich sie mir zu denken nicht pflege! Du bist mit Heinrich nicht glücklich?!" „Unglücklich kann ich mich aber auch nicht nennen!" erwiderte Tilda. „Auch das verstehe ich alles besser, als Du meinst!" fuhr der Vater fort. „Heinrich ist wirklich kein Mann für Dich, Du bist eine schwärmerische Enthusiastin, er ist ein gewöhnlicher und praktischer Mensch!" „Aber auch ein guter Mensch!" „Anständig ist er wenigstens," verbesserte der Vater. „Seit neuerer Zeit nur läßt er sich allzusehr mit den Wtorkowskas ein. Er steckt dort bis an den Hals in einem thörichten Roman mit dieser schönen Getauften, die ihn hintergeht, beraubt und aufheht. Dafür ist er mir verhaßt. Mit einem Worte frage ich Dich: willst Du Jakob retten? Du allein vermagst dies! Deine Scheidung von Heinrich will ich auf mich nehmen: er. wird jetzt gern darauf eingehen. Dann heirathest Du Jakob und wirst nach menschlichem Ermessen noch glücklich. Einzig Dein Wort vermag ihn zu retten. Ihr geht dann über die Grenze nach Italien, und nach einigen Jahren, wenn Alles geheilt und ver- | gessen jst, was hier geschehen, kehrt Ihr zurück. Wir? wirken seine Begnadigung aus. Ich habe ja auch meine Verdienste." Tilda weinte vor Rührung, küßte dem Vater die Hand und sprach: „Mein theurer Vater, ich danke Dir. Niemals noch sah ich Dich so wie heute, als — Vater, als einen so herzlichen Freund Deines Kindes, und als einen so zätrlichen Vormund Jakobs. Zürne mir aber nicht und sage nicht, daß ich nicht bei Vernunft bin, wenn ich Dir erkläre: das kann Nichtsein!" „Warum?" fragte der Vater. „Weßhalb?" „Weil ich ihn dermaßen liebe," antwortete sie, verschämt die Augen senkend, „daß ich — Du wirst mich vielleicht nicht verstehen — so wie ich heute bin, solch' ein abgemattetes, gebrochenes Wesen, gebrandmarkt durch die Umarmung dieses Menschen, es nicht wagen würde, ihm in die Arme zu sinken!" „Das ist wirklich etwas so Raffinirtes," sagte der Alte, „daß ich Dich allerdings nicht begreife, meine Tilda. Er liebt Dich. Du liebst ihn! Das ist eine übertriebene Sentimentalität, eine ungesunde Kinderei! Eure Herzen verstehen sich. Eure Seelen * stimmen überein, was, zum Henker, wollt Ihr mehr?" „An solch' ein Glück habe ich auch nicht im Traume gedacht," sprach Tilda seufzend. „Das sind leere Klagen! Man muß sich'auf das beschränken, was wirklich ist! Sprich! Bist Du einverstanden?" „Lies erst diesen Brief, dann will ich Dir antworten!" erwiderte Tilda, indem sie ihm den Brief reichte und die Lampe hinschob. Samuel nahm das Papier und durchlas es aufmerksam. Tilda ging still in dem unerleuchteten Salon hin und her; sie hielt das Tuch vor die Augen, um zu sinnen und sich auszuweinen. Hätte sie doch nur beten können! Wie empfand sie in diesem Augenblicke das Bedürfniß einer Annäherung an Gott, die allein den Strahl himmlischer Eingebung in die Seele wirft. Aber man batte sie falsch erzogen. Verstohlen nur lernte sie ganz kürzlich das Buch der Psalmen kennen, aus dem die israelitischen Frauen zu lesen pflegten, und ein Gebetbuch, welches Jakob ihr einmal mitgebracht. In der Seele aber betete sie. Händeringend schritt sie langsam im dunklen Saale auf und ab, und sann und kämpfte mit sich s^bst. Ziemte es sich, ihn vom Opfer abzubringen? Welch' ein Glück vermag ich ihm noch zu bieten? Plötzlich blickte sie empor. Eine innere Stimme flüsterte ihr zu: „Du bist sein Kind! Möge der Vater entscheiden!" Die Aermste . wagte noch immer nicht, das Wort auszusprechen. welches — wie sie sehnlichst wünschte — Jemand statt ihrer bestimmt aussprechen mochte!