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Der Israelit · 1904-02-01 · Heft 9 (1.2.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 9 (1.2.1904)
Date
1904-02-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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gen, die heutzutage nur kalte Habgier und Eigenliebe füllen. Unwillkürlich riß mich die Feder mit sich fort, und der Wunsch, Dir das Veste mitzutheilen, was ich in mir fühle — meine Idee. Aber Du kennst ste ja schon und verstehst sie weiter zu spinnen. Ich segne ( Dich! Unsere Loose sind in Gottes Hand. Soll ich in! Demuth Dir. bekennen, daß meinen heutigen Heroismus ich vor allem Dir verdanke? Wäre mir auch nur die leiseste Hoffnung aus ein Glück verblieben, würde ich vielleicht mein Leben schonen und es höher schätzen lernen! Gedenkst Du jenes Abends, an dem Du mir sagtest, das Weib besitze nur e i n Herz und könne nur einmal Treue geloben! Seit diesem Augenblicke und seit der Stunde, in der meine Mitbrüder es offen aussprachen, daß sie meine Ueberzeugungen nicht theilen können, fühlte ich, daß Niemand mehr meiner bedarf. Beklage mich nicht! Fürchte nichts für mich! Ich vermag würdig zu sterben, ohne zu seufzen. Was ist ein Leben werth, dem Gott sein Ziel genommen?! Morgen rücken wir aus. Ich kaufte mir ein Roß. außerdem eine vollständige Bewaffnung und trat als Gemeiner ein, denn Anführer haben wir zum Ueberfluß! Vielleicht folgt mir noch so mancher meiner Glaubensgenossen. Denn hier muß unser Blut sich mir dem ihren vermischen, damit unser Bündniß von Dauer ist. Großer Gott, segne Du mich! Du weißt, daß die Seele nicht stirbt! Reine Seelen aber entschweben nach einem Ziele! Vielleicht begegnen wir dort uns wieder! Eines Morgens brachte man von der Pos: unter anderen Korrespondenzen auch diesen Brief. Er war an Tilda adressirt. Herr Heinrich betrachtete ihn genau. .Die Schriftzüge waren ihm unbekannt. Das Aeußere war ungewöhnlich. Papier und Siegel fielen ihm auf. Er selbst brachte ihn seiner Frau. Tilda saß in ihrem Zimmer und las zerstreut in irgend einer Reisebeschreibung, als ihr Mann vor sie hintrat, ihr schweigend die Hand mit diesem Briefe hinhielt und fragte: „Was ist das für ein Brief?" Sie erröthete leicht, als sie die Schrift erkannte. Dann öffnete sie den Brief, durchflog ihn mit den Augen und erwiderte ruhig und bestimmt: „Der Brief ist von Jakob, der sich von uns Allen verabschiedet." „Was ist mit ihm geschehen?" „Ich weiß es nicht! warte!" Wieder durchflog ste die Zeilen und schrie: „Mein Gott! Er hat sich dem Aufstande angeschlossen!" - Heinrich biß sich auf die Lippen, zuckte die Achseln, schritt finster im Zimmer auf und ab und sagte dann: . „Das fehlte gerade noch! Aber es ließ sich er-! warten. Er fügt uns unermeßlichen Schaden zu und wirft auf uns Alle den Verdacht, daß wir insgeheim I dieser Raserei zustimmen und sie unterstützen! Aber j ist es auch ganz gewiß?" Tilda las ihm einige Zeilen vor, die keinen Zweifel aufkommen ließe«. Ihre Stimme zitterte und ihre Arfregung war sichtlich. Ihr Mann, als er sie ganz mit dem Briefe beschäftigt und in Thränen sah, schritt finster und zornig PnauS. Diese Nachricht, durch ihn in aller Stille weiter getragen, verbreite sich nur zu bald von Ohr zu Ohr in der ganzen Stadt. Manche glaubten nicht an sie. Andere waren froh oder betrübt darüber. Im Ganzen aber wurde Jakob, da er intimere Freunde nicht hatte, nur wenig bedauert. Abends kam Sofronow wie gewöhnlich zu Musa und rief mit triumphirender Miene: „Sehen Sie! Sie machten uns Vorwürfe darüber, daß wir diesen Herrn da oben im Verdacht der Verschwörung hatten. Jetzt wissen wir von der Post, auf der sein Brief gelesen wurde, daß er sich dem Aufstande angeschlossen hat!" „Aber was ist denn das wieder?" rief Musa. „Sie scherzen, Herr Oberst. Er war doch der entschiedenste Gegner der Revolution!" „Aber als sie zur Thatsache^vurde, fühlte er sich verpflichtet, unter ihre Fahne zu gehen. So ist es. mein Fräulein, mit allen Polen. Der Anblick einer Fahne mit ihrem Adler ist für sie von unüberwindlichem Reize! Was sagen Sie aber dazu?" „Ich glaube es noch nicht!" erwiderte Musa. Wie gerufen brachte ihr diese Herr Heinrich, der mit verdrießlicher Miene eintrat, ohne sich jedoch vor Sofronow zu dem Briefe zu bekennen, den der Herr Oberst schon frühmorgens in der Hand gehabt, als er die wichtigeren Korrespondenzen selber durchgesehen hatte. Einzig und allein vielleicht Tilda's Vater nahm diese Nachricht mit Schmerz entgegen. Sonst nicht allzu empfindsam, war er dennoch seinem Pfleglinge zugethan. Vielleicht rechnete er auch, seitdem er das Gluck seiner Tochter täglich unmöglicher werden sah, schon ein wenig auf Jakob. Ohne Jemand etwas davon zu sagen, verschloß er in sich diese Wahrnehmung. An diesem Tage aber benützte er die Zeit, in der Heinrich nicht zu Hause war, um zur Tochter zu fahren. Der Diener meldete ihm anfangs vor der Thür, sie sei krank und habe befohlen. Niemand vorzulaffen. Der Vater aber schritt kraft seiner Rechte direkt in ihr Schlafzimmer. Er traf sie mit aufgelösten Haaren in Thränen schwimmend beim Schreiben. Sie war fieberhaft aufgeregt Kaum war in ihr jene marmorkalte, finstere und ruhige Tilda von ehedem wiederzuerkennen.

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