Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Sie schämte sich vor sich selbst u. - der sie erlag und ungestüm schlug ihr das Herz. „Dieser Brief/ rief der Vater, mdem er auf die Schwelle des Schlafzimmers trat, .bestätigt mich in meiner Ueberzeugung! Du kannst ihn retten. Du allein! Und man must ihn retten vor sich selbst. Sei dem, wie ihm wolle, er ist unpraktisch, ein Sonderling, ein Träumer. Und dennoch hat er etwas an sich, was ihn hochachtbar macht: er besitzt mehr, als wir alle, tiefen Glauben und feste Grundsätze!" „Vater! Mach' Du mit mir, was Dir gefällt!" sprach Tilda leise, mit bebender Stimme, unter dem Schleier des Dunkels, indem sie verschämt dastand. „Ich übergebe mich Dir! Ich bin ja Dein Kind!" Und sie sank ihm zu Füßen. In Samuel erzitterte etwas, wie ein Herz. Er besaß noch davon einen Rest, und dieser lebte wieder auf. Hastig sprach er: „Run, also das Uebrige sei meine Sache! Schreib' ihm sofort einen Brief! Ich will ihn gleich mitnehmen! Schreib' ihm, Du werdest bald frei sein! Mag er für sich 50 oder 100 Soldaten stellen. Er selbst aber mutz sich Herausreißen aus diesem Wirrwar. um sein Leben zu retten!" Er sagte dies so hastig und eifrig, wie er noch niemals gesprochen. Er kannte sich selbst nicht. Aber das Gefühl, welches in ihm sich regte, gab ihm'auch ein Glück, wie er es noch niemals empfunden. Nachdem er Sic Tochter in das Zimmer eingelassen, damit sie auf der Stelle an Jakob schreibe, schritt er selbst an ihrer Statt, in tiefem Sinnen, im dunklen Salon auf und ab. Niemals noch hatte Tilda den Vater so aufgeregt gesehen. Als er fortging, küßte er sie auf die Stirne und flüsterte ihr in das Ohr: „Sag' Du Heinrich noch kein Wort hiervon! Die ganze Sache werde ich in die Wege leiten, um Dir unnöthige Vorwürfe und Unannehmlichkeiten zu ersparen! Verlaß' Dich auf mich!" Von der Tochter fuhr Herr Samuel direkt zu Frau Wtorkowska. Die Soiree war in vollem Glanze. Musa spielte. Die Russen umstanden das Fortepiano und vergasten bei dessen Klängen fast ganz den Aufstand. Herr Samuel drängte sich gewandt und in aller Stille in den Salon, begrüßte die seitwärts immer zischelnde Mama, die ziemlich ermüdet und unruhig den eitlen Triumpfrn der Tochter zuschaute, und flüsterte ihr, wie gewohnt, ohne überflüssige Zeremonien, in das Ohr: „Wie wird das nur zu ermöglichen sein? Ich habe mit dem Fraulein unter vier Augen etwas zu besprechen in einer für Sie beide höchst wichtigen Angelegenheit!" Die Alte zitterte und bebte vor Aufregung. Sie sah nach den Gassen, und da sie höchst lebhaft, neugierig und längst dieser Lage müde war, von der noch kein Ende sich abseken ließ, nahm sie sofort seinen Arm mit den Worten: „Nun, so gehen Sie in mein Zimmer!" Dann eilte sie zur Tochter, flüsterte ihr etwas in das Ohr. Diese sah nach dem Gaste, ahnte schon etwas, und grüßte ihn mit einnehmendem Lächeln. Frau Wtorkowska schritt dann durch die Gäste und winkte Herrn Samuel, er möge folgen. Als sie allein waren im Schlafzimmer, fragte der Angekommene: „Können wir also hier offen reden?" „Sprechen Sie. bitte, so offen wie möglich!" „Wird uns Niemand belauschen?" „Gott bewabre!" rief, die Hände erhebend, die Mutter! „Reden Sie nur, sprechen Sie, was Sie wollen." „Meine Verehrteste." begann der Gast. „Ich bin ein gerader Mann, und kann nicht lügen, auch nicht Komödie spielen! Bei mir ist jede Sache ein Geschäft und mutz so kurz, wie möglich, abgemacht werden. Sehen Sie! Mir blieb es nicht verborgen, daß Sie, Verehrteste, komplett ruinirt sind!" „Still, still!" „Ja. still! Aber so ist's. Sie haben nichts, als Schulden! Ihre ganze Hoffnung beruht auf einer Heirath Ihrer Tochter! Eine reiche, angemessene Partie für sie findet sich nicht fo leicht. Ich weiß, wen Sie zuerst in Aussicht nahmen." Frau Wtorkowska, so urplötzlich übergoffen mit einer Fluth von Worten, an deren strenge Unverhülltheit sie nicht gewohnt war. stierte ihn ganz starr v»r Verlogenheit an. „Ich komme zu Ihnen, Verehrteste," fuhr der Gast ohne Erbarmen fort, „in guter Absicht und den beste« Intentionen, das bitte ich, mir zu glauben! Aber wir müssen ganz offen sein!" „Aber bester Herr, ich bitte Sie, was reden Sie da ..." „Ich weiß sehr gut, was ich rede. Und ich wil Ihnen auch sagen, aut wen Sie hauptsächlich rechnen!" „Aber wir haben Mehrere in Aussicht!" sprach Frau Wtorkowska, nachdem sie wieder etwas zu sich gekommen war. „Zum Beispiel?" „Graf Baworow!" „Den Russen — der ist blutarm und, obfcho» «r mit der Frau nicht lebt, dennoch schon verheirathU. Bei ihnen gibt eS keine Scheidung. Seine Frau denkt auch nicht daran, in das Kloster zu gehen. Denn ta Paris ergeht eS ihr ganz gut. Und ohne Trauung werden Sie, Frau Wtorkowska, Ihre Tochter doch woH nicht herausgeben!" (Fortsetz. folgQ Derant«orlliLe Nedactton: Oscar Lehmann ln Mamz. — Erveditlon de« „SScaeüt" Schottjtraße Nr. 3. Main«. Druck und Verlag der 0 o b. SB irtb'siben HolbuLdruckerel Actien-Gelellschaft l» Mala».