Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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185 Antisemitismus zur Monarchie und speziell zu dem gegenwärtig regierenden Kaiser steht, das zeigt recht deutlich der Artikü eines Hamburger antisemitischen Organs, des „Deutschen Blattes", der also schließt: „Nun, die Hoffnung, daß wie beim Kaiser von heute so auch beim Kaiser der Zukunft Blut dicker als Wasser sich erweisen werde, die Hoffnung, daß der Sohn einer Frau aus dem edlen deutschen Holstengeschlechte in seinem Thun sich dereinst als echter deutscher Nordmarker erweisen werde. Von seiner hohen Mutter wissen wir ja, daß sie einem dreisten Juden in der Berliner Stadtväter-Synagoge bereits einmal so derb auf die'Finger geklopft hat, daß man ihr das dort noch heute nachträgt. Hoffen wir, daß er ihre Holstennatur insbesondere auch in diesem Theile geerbt hat. Daß der Festlandssproß aber eine andere Gesammtpolitik treiben wird, als der Sprößling der Tochter des Handels- und Jnselvolkes, das werden die, die an die Stimme des Blutes glauben, sicher als ihre feste Hoffnung aufrichten. Niemand von ihnen wird darob den Kaiser der Zukunft schneller herbei- und den Kaiser von heute hinwegwünschen. Jedes Gelüste zu diesem Verstoße gegen die Loyalität nimmt ihnen das Bewußtsein, daß eine Monarchenzeit im Volkerleben wenig ausmacht, daß insbesondere das deutsche Volk gesund und stark genug ist, um getrost sich noch weitere Jahrzehnte lang einer falschen Regierungstendenz auszusehen, so wie es bisher 15 Jahre derselben überstanden hat. In diesem Bewußtsein kann man dem Fürsten von heute langes Leben wünschen und geduldig und wohlgemuth auf einen Kaiser der Zukunft harren. Und das wird die vielleicht zum Ausharren ermuntern, die jetzt verzagen möchten." Nie ist, wie die „Berl. Zeitung" sehr treffend hierzu bemerkt, etwas Perfideres gegen den Kaiser geschrieben worden. Die sozialdemokratische Presse bekämpft wohl die Monarchie grundsätzlich und kritisirt die Regierungsakte des Monarchen. Aber sie hat sich nie zu der Gemeinheit hergcgeben. die Hoffnung auf ein möglichst baldiges Ableben des Mannes auszusprechen, der ihr so oft bittere Fehde angesagt hat. Auch das antisemitische Blatt spricht natürlich nicht direkt aus. daß es den Tod Wilhelms II. wünsche. Dazu ist es viel zu vorsichtig. Es wünscht dem Kaiser sogar „langes Leben." Aber wer diesen Wunsch nicht als Ironie empfindet, der muß sich noch unter dem Durchschnitt vulgär-antisemitischen Intellekts befinden, denn, wenn der jetzige Kaiser eine verderbliche Politik fiihrt und kraft feiner Abstammung dazu verdammt ist. sie sein Leben lang zu fuhren, während von seinem Nachfolger als „Festlandssprossen" die Politik eines „echten deutschen Nordmärkers" zu erwarten steht, so muß das Blatt im Interesse des deutschen Volkes wünschen, daß der „neue Herr" recht bald seine segensreiche Thatigkeit beginne. So sieht der Monarchismus der Stützen von Thron und Altar, die vor einigen Tagen wiederum mit einem Ueberschwall von Brusttönen den Geburtstag des Kaisers öffentlich feierten, in seinem Kerne aus. Anhalt, 27. Jan. Herzog Friedri ch y o.n Anhalt, der, fast 73 Jahre alt, am Sonntag m Ballenstedt gestorben ist, war ein äußerst bescheidener und stiller Monarch, der die Grenzen seines kleinen Landes, dessen Interessen er sein ganzes Leben widmete, kaum überschritt, weil er sich unter seinen. Landesfindern. die mit großer Verehrung an ihrem Fürsten hingen, wohl am glücklichsten fühlte. ,.« Als ganz besonders rühmenswerth: Eigenschaft des Verblichenen darf seine weitgehende Toleranz allen Religionsbekenntnissen gegenüber ■ 6ervorgehoben werden, die sich speziell bei Errichtung, des Mendelssohn-Denkmals in Dessau am deutlichsten bekundete, da er nicht nur der Enthüllungsfeier, sondern auch dem Festgottesdienste in der Synagoge persönlich beiwohnte. Aus Württemberg. Am 27. Januar d. I. hielt der Ausschuß des israelitischen Lehrervereins, eiye Sitzung in Heilbronn ab. Zur Verhandlung stand eine von Spatz- Affaltrach verfaßte Eingabe an das Kgl. Ministerium des Kirchen- und Schulwesens und an den Landtag. Die Eingabe geht davon aus. daß durch den Eingang, resp. Rückgang der Landgemeinden israelit. Volksschullehrer außer Dienst gestellt werden könnten, wenn nicht zu rechter Zeit Vorbeugungsmaßregeln getroffen werden. Als vorzügliches Abhilfemittel wurde die Abänderung des Art. 13 und 14 des Schulgesetzes vom Jahre 1836 und des Art. 53 des Juden-Gesetzes vom Jahre 1828 empfohlen. (Besetzung der Religionslehrerstellen.) Nach längerer . Debatte wurde die Eingabe gutgeheißen. Dieselbe wird durch Druck vervielfältigt und den Kollegen zugestellt werden mit der Aufforderung: Jeder Kollege möge den Landtagsabgeordueten seines Bezirks über die in dem Entwurf geschilderten Verhältnisse noch persönlich aufklären.- .. .. Die Herren Schmal - Ludwigsburg (Ersatzmann: Hühnlein - Hall), Preßburger - Creglingen und Spatz- Affaltrach erhielten den Auftrag, dem Minister des. Kirchen-und Schulwesens in einer zu erstrebenden Audienz persönlich die Wünsche des Vereins vorzutragen. / ~ Rumänien.. Bukarest, 26. Jan. Zu Ehren des früheren Kul-. tusministers Dr. Jstrati, welcher Hierselbst eine wissenschaftliche Ausstellung veranstaltet hat, fand kürzlich ein. Festessen statt, an welchem 300 Personen theilnahmey. darunter die angesehensten Vertreter der Kunst' und., Wissenschaft. In., feiner Dankesrede äußerte sich Dr. Jstrati u. Ä. in Nachstehender, bemerkenswerther Weise: „Niemand darf als Patriot gelobt werden, denn ieder' Einzelne muß sein Vaterland lieben. Ich selbst habe den Patriotismus von zwei Fremden gelernt: Dr. Feli und Dr. Tavila. Es war ein Fehler gewesen, die jü-