Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Gebäude Sturm gelaufen, bis es dahin war. Die eine Seite lief Sturm gegen das sog. Sittengesetz, die andere gegen das von Kant als sittlich zulässig anerkannte Glückseligkeitsstreben. Die einen bestritten und, wie wir dies bereits gezeigt haben, mit Recht, daß es so etwas gebe, wie Sittengeseh und kategorischen Imperativ, denn wie gesagt, an den von Kant „so beiläufig und so nebenhinherangezogenen Gott glaubten diese nicht und behaupteten, daß sie in sich nichts von dem verspüren, was Kant als Kriterium der Menschlichkeit und Sittlichkeit anerkannt sehen wollte. In sich, so sagten sie, verspüren sie nur einen Heißhunger nach Glück, nach einem Glück, das sich nicht zufrieden geben will mit der Freude an der geübten guten That, das sich nicht begnügt mit dem Bewußtsein, etwas Schönes vollbracht zu haben, sondern nach einem rein äußeren Glück, das ihnen die Befriedigung ihrer sinnlichsten Wünsche bringen soll, das die Sinne befriedigen soll. Und so wurde von diesen eine „Umwerthung der Werthegefordert. Alles, was als sittlich galt, sollte gebrandmarkt werden, Alles, was dem Genüsse hinderlich ist, aus dem Wege geräumt werden. Alles, was der Befriedigung der thierischen Instinkte im Wege ist, vertilgt werden. Alles, was den Genuß fördert, als sittlich angesehen werden. Der ganze Gedankenbau der früheren Generationen wurde zertrümmert und ein neuer Bau wurde auf den Trümmern aufgeführt p» rroiD onw neue Ideale wurden gepredigt, und es fanden sich Leute, die diesen Idealen nachstrebten. Alles, was bis dahin als das Höchste galt, wurde in den Staub gezerrt und wir bekamen Ideale, die uns mtt Schaudern einen Blick in die thierischen Instinkte der Menschen thun ließen. Was wir als untermenschlich anzusehen gewohnt waren, wurde unS als „übermenschlichangepriesen, die Bestie im Menschen, die sich scheu verkroch und nicht an's Tageslicht zu treten wagte, wurde hervorgezerrt und uns als Höhenziel menschlichen Strebens angepriesen. Die „blonde Bestiegatt als der „Uebermensch-. Diese Thatsache, daß nach fast zweieinhalbtausendjähriger menschlicher Gedankenarbett eine derartige Verirrung des menschlichen Denkens möglich war, zeigt uns, daß dieser Gedankenarbeit die richtige Grundlage gefehlt hat, daß all den Schlüssen die zwingende Beweiskraft nicht innegewohnt haben kann und zeigt uns auch, daß der ganzen menschlichen Gesellschaft die Grundlage für ihr Zusammensein und Zusammenwirken verloren gegangen war. Man hätte doch meinen sollen, daß eine derarttge Bestrebung, eine derartige Lehre, die darauf ausging, den Menschen aus seinem Zusammenhänge mtt der Menschheit zu lösen, die bezweckte, dem Menschen klar zu machen, daß das gesellschaftliche Leben etwas ist, was überwunden werde» muß und die wieder der ganzen menschlichen Gesellschaft zumuthete, daß sie ihre Ziele nur in der Hervorbringung solcher Kraftnaturen erblicken soll, die sie dann zertrümmern werden, einem Hohngelächter begegnen sollte, das diese Lehre unmöglich machen sollte, aber man lachte nicht, man nahm die Sache bitter ernst. Den Menschen gefiel eS,:‘ ' daß sie ihre lichtscheuen Instinkte nun im Dienste eines Prinzips befriedigen sollen können und es schmeichelte den kleinen Bestien, daß sie große Uebermenschen sein' ' sollen. Es fehlte das Verständniß für die Hohlheit, für den Cynismus dieser Lehren. Diese ganze Lehre sollte gewiß nichts sein, als eine bittere Satire auf daS; ganze gesellschaftliche Leben, das man aufrecht hielt/ / obgleich alle Grundlagen für ein derartiges Zusammenleben fehlten, es sollte ein beißendes Spottgedicht auf ' ' das ganze verlogene Kultursystem sein und die Narren sind dem Spötter aufgesessen. Die Grundlage allegesellschaftlichen Zusammenlebens bildet der Gottes- ' gedankt, mo» p» bv otbm Unsere Weisen machen '' zu diesem Satz folgende Bemerkung., p? forvueo’-'.'. n^yof? rorpo wneobo mit ns» Wir er- : lauben uns diesen Ausspruch, abweichend von dem Wortsinn, folgendermaßen zu erklären: Der Menschenbund. meinen unsere Weisen, ist auf Erden nur dann , als festgegründet anzusehen, wenn die Menschheit einmüthig dahin wirkt, daß der Gottesname verherrlicht und gepriesen werde. Alles Zusammenleben erhält ' Festigkeit nur dann, wenn für die Zwecke GotteS zu- . ' sammengelebt wird, ein jeder Bund erhält Dauer nur, wenn er für Gott gegründet wurde, denn nur dieser Gedanke ist ewig und nur Er allein kann für die Ewigkeit irgend einer Sache bürgen. .' _ (Fortsetzung folgt.) - Zettuttgsnachrichte» und Corresporrderrzen. Deutschland. , Berlin, 26. Jan. (Der Kaiser in der Orientgesellschaft.) Bekannt ist die An- ' theilnahme, mit der Se. Majestät die Ausgrabungen im fernen Orient verfolgt. Als Protektor der Deutschen ' Orient-Gesellschaft erschien der Monarch auch dieser Tage wieder in der Versammlung dieser Vereinigung, aus deren Schoß bekanntlich das Kampfwort Babel- ' Bibel gekommen ist. Diesmal aber war es nicht die ' neuerweckte Wünderwelt Babyloniens, welche die sehr zahlreich im großen Saale der königlichen Hochschule - für Musik in Charlottenburg erschienenen Mitglieder und Freunde der Gesellschaft vereinigt hatte, sondern Palästina, das heilige Land, also ein Boden, der Sr.' Majestät persönlich vertraut und bekannt ist. Kurz ' nach 8 Uhr fuhr der Kaiser am Portal 4 der Hochschule -