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Der Israelit · 1904-02-01 · Heft 9 (1.2.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 9 (1.2.1904)
Date
1904-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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geleitet werden. Zweitens soll jedes Streben nach Glückseligkeit aus dem.Kreise der sittlichen Bestrebungen ' entfernt werden/ Eine jede Handlung wird unsittlich, wenn sie das Glück des Handelnden zum Ziele hat. Nun entdeckt er aber, daß Glückseligkeit von allen Menschen angestrebt wird, daß der Trieb nach ihr dem Menschen mindestens ebenso sehr innewohnt, wie das Sittengesetz und er steht vor einem unlösbaren Räthsel. Sittlichkeit schließt- Glückseligkeit und Glückseligkeit schließt Sittlichkeit aus. Da aber beides da ist, sowohl das Sittengeseh als auch der eudämonistische Trieb, so dürfen sie sich nicht widersprechen. Es wird darum eiy dritter Begriff geprägt, der Begriff des höchsten Gutes'. '' In diesem Begriff werden die Gegensätze aufgehoben, sie werden zu einer Einheit. Wie soll aber dieses höchste Gut, das aus einer Addition von Sittengesetz und -Glückseligkeit entstanden ist, verwirklicht werden? li wissen es nicht, antwortet Kant, aber es wird durch Gott verwirklicht. Nun erhebt sich aber die Frage: Soll ‘ der Ethik« Venn Gott Gebote diktiren? Denn was soll denn das heißen, daß wir nach dem höchsten Gute, also nach Sittlichkeit und Glückseligkeit streben sollen, nach dem höchsten Gute, das nur Gott verwirklichen kapn. Verwirklicht es Gott nur für sich, so heißt das, daß wir Menschen nicht sittlich sein können; denn entweder wir müßten nicht Menschen sein und unser Streben nach Glückseligkeit aufgeben, oder aber wir streben nach Glück und hören auf sittlich zu sein, da ja für uns die Synthese nicht vorhanden ist. Kant ist ehrlich genug, dies einzusehen, und aus diesem Grunde . nun postulirt er die Unsterblichkeit der Seele. Er sagt nämlich, daß das höchste Gut, und die vollkommene " Glückseligkeit, welche ja zu dem Begriff des höchsten Gutes gehört, gebunden ist an die völlige Uebereinftimmung der Gesinnungen mit dem moralischen Gesetze oder an den Zustand der Heiligkeit, dessen kein ver- - nünftiges Wesen der Sinnenwelt in keinem Zeitpunkte seines Daseins fähig ist. Es gibt nur eine unendliche ' Annäherung an dieses Ziel; und diese selbst ist nur unter der Voraussetzung einer in's Unendliche fortdauernden Existenz und Persönlichkeit desselben vernünftigen Wesens oder der Unsterblichkeit der Seele möglich. Hienjeden also ist die Verwirklichung des höchsten Gutes unmöglich .aber in einem Jenseits. Wir . übergehen hier Alles, was zur Kritik geradezu herausfordert, indem wir auf die in's Unendliche steigende Kantlitteraur verweisen. Wir wollen nur bei denjenigen Punkten verweilen, die für unsere Ausein- * andersetzungen von Belang sind. Kant hat also bei der einen Thüre den Gottesgedanken hinausgeworfen, aber er sah sich gezwungen, diesem Gedanken ein Thor zu öffnen, wodurch alle Voraussetzungen seiner Ethik ' wegfallen müssen. Er hat dem Eudämonismus den Krieg erklärt, aber zum Schlüsse erklärt er sich für besiegt. Es bleibt also von seiner Ethik nichts übrig. Fragen wir uns nun, ob sich doch vielleicht noch die Forderung der Autonomie aufrecht erhalten läßt, so müssen wir die Frage verneinend beantworten. Denn nachdem Kant zugeben hat müssen, daß das höchste Gut nur durch Gott verwirklicht werden kann, so ist es selbstverständlich, daß wir, die, wie er zugesteht, gar keine Ahnung haben, in welcher Weise es verwirklicht wird, uns nicht Gesetze diktiren können. Wir sollen durch unser Handeln das höchste Gut zu erreichen suchen, da wir aber nicht wissen, was es ist, so müssen wir, ob wir wollen oder nicht, uns von dem belehren lassen, der es allein wissen kann. Welch offenkundiger Widerspruch liegt doch in diesem ganzen System. Wir sollen sittlich sein, wie wir es verstehen, wird uns einerseits gesagt, wir sollen uns allein die sittlichen Gesetze dekretiren, denn sonst hören sie auf sittliche Gesetze zu sein. Nun ist aber Sittlichkeit auch nur die eine Hälfte des höchsten Gutes, das von uns ebenfalls angestrebt werden soll. Wir wissen aber nicht, wieso wir nach diesem Gute zu streben haben,'wir können dies nur durch Gott erfahren und wenn wir nach seinen Geboten handeln, um des höchsten Gutes theilhaftig zu werden, so handeln wir sittlich, denn das höchste Gut besteht zum Theile aus dem Sittengesetze. Was also vom Standpunkte des Sittengesetzes aus verworfen wird, wird vom Standpunkte des höchsten Gutes aus, das doch auch das Sittengesetz in sich faßt, gutgeheißen. Wenn wir bei dem Begriff des höchsten Gutes auf Gott zurückgehen müssen, so müssen wir bei dem Sittengesetze allein — von Gott ausgehen. Denn handle ich für das Sittengesetz aus mir heraus, verfahre ich nach eigenem Gutdünken. so laufe ich Gefahr, daß ich durch dieses eigenmächtige Handeln die höhere Einheit gefährde. Ist also das höchste Gut etwas, was von Gott abhängig ist, so kann das Sittengesetz nicht von Ihm unabhängig gemacht werden. Wir sehen also, daß es dem größten Denker aller Länder und aller Zeilen nicht gelungen ist, seine Ethik so religionslos zu gestalten, wie es ihm vorgeschwebt haben mag. Zum Theile hat er es selbst eingesehen und es ist sicherlich das herrlichste Blatt in den zahllosen Lorbeerkränzen, die die Mit- und Nachwelt um das Haupt des einsamen Königsberg« Philosophen gewunden, daß er die Ehrlichkeit hatte einzusehen, daß seinem ganzen Gebäude das Dach fehle, wenn er nicht dem Gottesgedanken einen Platz in diesem Gebäude einräumt. Sein Fehler war nur, daß er es nicht verstanden, daß dieser Gedanke nicht das Dach allein, sondern auch das Fundament eines jeden soliden Gebäudes bilden müsse. Seine Nachfolger nahmen Besitz von diesem Kant'schen Lehrgebäude, aber sie entfeinten das schützende Dach und so blieb das Gebäude ohne richtige Grundlage und ohne Dach, und es ist daher kein Wunder. wenn sie sich mit der Zeit aus einem solch' ungastlichen Hause hinaussehnten, und so wurde von zwei verschiedenen Seiten aus gegen das ohnehin schwache

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