Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2449996--59990-2520841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wa KenLrat-Hrgan für das orlyodore Zudenttzum. Begründet von Ihr. Dehmstt« in Dat«|. Montag, de« 15. G$tbai 5064» 1. Februar 100^4. Die ethische» AröMegt« der 6egeovAt »ad das Zsdestham. Boa Dr. Herwarm Klein—Frankfurt a. M. LForisttzMrg.) Zu der Ansahme einer Gottheit wird Kant geführt durch eine Schwierigkeit, welche sich ihm aus der schroffen Trennung der Begriffe Sittlichkeit und Glückseligkeit in seiner Ethik ergab. „Nataraiu expellad forca, tarnen nsqne recurret!“ Denn nachdem in unzähligen Wendungen ausgesprochen worden war, daß beide schlechterdings nichts miteinander gemein hatten, bringen die spateren Theile der Ethik Kants den Gedanken, die Sittlichkeit sei zwar die oberste Bedingung alles dessen, was uns wünschenswerth erscheinen möge,' aber doch nicht selbst das höchste Gut; denn um das zu sein, werde auch Glückseligkeit dazu erfordert, und zwar nicht bloß von den Menschen, sondern von der Vernunft überhaupt, die den Menschen nicht als Mittel zur Verwirklichung der sittlichen Idee, sondern als Zweck an sich betrachtet wissen will. Da nun der Mensch Zweck ist, so ist sein Gluck unbedingt eine Forderung, die nicht nur im Geiste des Sittengesetzes ist, sonders eia ebenso ursprünglicher und nothwendiger Gegenstand unseres Willens ist, wie das Sittengesetz selbst. So endet also auch die Kant'sche Ethik, die sich als Todseindin jedes Eudämonismus geberdete, mit der Synthese der Begriffe Sittlichleit und Glückseligkeit, in dem des „höchsten Gutes." Allein wie soll, diese Verbindung zu Stande kommen und das höchste Gut praktisch möglich sein? Soll die Begierde nach Glückseligkeit die Bewegursache zum Sittlichen sein, so ist man mit der Sittlichkeit am Ende, denn eine Sittlichkeit, die aus einer derartigen Begierde und aus einem derartigen GlückseligkeitSstreben erwachst, ist keine, ihre Imperative müßten aufhören, kategorische zu sein und die Ethik müßte von dem stolzen Piedestal, auf dem sie stand,, gestürzt werden; sie sänke zu einer Tugend- und Gsückseligkeitslehre hinab und müßte sich darauf beschränken, uns gleichsam Rezepte der Glückseligkeit in die Hand zu geben — und ihre Befehle könnten immer nur hypothetische sein, d. h. sie könnten uns nur sagen, daß wenn ich diesen Zustand der Glückseligkeit erreichen will, diese und jene Wegeeinzuschlagen'habe." Soll"aLer wieder umgekehrt' aus der Sittlichkeit das Glück erblühen, so stößt man an das harte Gesetz des Weltlaufes, der schlechterdings nicht durch moralische Gesinnungen des Willens, sondern höchstens durch Kenntniß der Naturgesetze und verständige Benutzung derselben zu unseren Gunsten bestimmt werden kann. Da also weder das Streben nach Glückseligkeit sittlich, noch Sittlichkeit glücklich macht, so bliebe nichts übrig, als entweder jenen Begriff des höchsten Gutes als phantastisch und ungereimt bei Seite zu werfen oder, da dies dem Menschen Unmögliches zumuthen hieße, anzunehmen, daß jener nothwendige Zusammenhang zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit, den wir aus eigenen Kräften nicht zu schaffen vermögen, durch die oberste Ursache der Natur hergestellr wird. Die Möglichkeit des höchsten abgeleiteten Gutes, der besten Welt, fordert die Wirklichkeit des höchsten ursprünglichen Gutes, nämlich die Existenz Gottes. Die Verwirklichung dieses höchsten Gutes hat das Dasein Gottes zur unerläßlichen Vorbedingung. Betrachten wir nun einmal genau den von Kant eingeschlagenen Weg. Zwei Dinge wollte Kant aus der Ethik entfernt sehen. Vor allem lag ihm am Herzen, die Autonomie des Sittlichen zu retten. Aus diesem Grundbekämpft er jegliche religiöse Ethik. Der Mensch soll nicht die Befehle GotteI befolgen, sondern in seinem Handeln nur von eigenen selbstgeschaffenen Gesetzen