Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1904)
- Date
- 1904-01-25
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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obschon eine Schuld meinerseits nicht vorlag, denn dazu kann ich . mich nicht bekennen. Man rieth mir, zu entfliehen, um diese Verfolgungen ju vermeiden. Ich hatte zwar einen Widerwillen gegen die Flucht, welche den Menschen immer demüthigt, weil sie ein gewisses Schuldbewusstsein oder Bekenntniß vermuthen lässt. Aber heutzutage, wo eine nähere Prüfung der Sachlage unmöglich zu erwarten war, bei der gegenwärtigen Leidenschaftlichkeit, gebot mir der einfache Instinkt, mich in Sicherheit zu bringen. So handelte ich anfangs, ohne zu ahnen, wie das Schicksal mit mir verfahren werde! Der Mensch kann seiner selbst eben niemals gewiss sein. Ich fühlte das Bedürftnß, mit dem alten Vater jener Unglücklichen mich zu besprechen, die ihren Fehltritt mit solchen Martern und mit ihrem Leben bezahlen muhte. Nur eine Freundeshand durfte ihm diesen bitteren Trunk reichen. Ich reiste daher zu ihm. Die Fahrt nach dem Städtchen verlies — was zu verwundern war — ohne besondere Erlebnisse. Aber ich entging nicht schmerzlichen Ueberraschungen am Ziele der Reise. Kaum war ich dort angelangt, besetzten es die Russen, die von einem Gefechte zurückkehrten und einen zum Strange derurtheilten Gefangenen mit sich führten. Zum ersten Male begegnete ich hier den Früchten des Aufstandes. Ich vermag nicht zu schildern, wie bestürzt ich war über diesen sozialen Zustand von Auflösung, wie ihn der Krieg mit sich bringt. Für Jemand, der an das normale Leben zivilisirter Staaten gewohnt, ist es geradezu entsetzlich, sich plötzlich in einer Lage zu befinden, in der kein Gesetz den Menschen schützt, wo Eigenthum, Leben und Ehre auf die Gnade einer stärkeren, aber ungebildeten Soldateska angewiesen sind. Wie durch ein Wunder war ich in jene Zeiten versetzt, in denen über Alles die Gewalt und die Faust entscheiden. Mir war, als ob ich träumte. Aber statt der Helden jener Zeiten, da die Welt um jeden Futzbreit Erde kämpfte, statt edler Männer und eines heroischen Kampfes, sah ich ausschließlich trunkene Horden, denen ihre Rohheit einen viehischen Charakter gab. Die Sieger verhöhnten di: Besiegten in einer unedlen, heidnischen, herzzerrcissenden Weise. Wenige Schritte von mir entfernt saß derjenige, für den man den Galgen schon aufgestellt hatte. Durch ein Wunder gelangte ich zu ihm. und — stelle Dir meine Bestürzung vor — ich erkannte in ihm meinen Freund I w a s, meinen Begleiter auf der italienischen Reise, der auch mit mir auf Aqua Sola und in Genua war. In einem solchen Zustande aber traf ich ihn an. daß er mich fast nicht erkannte, in heftigem Fieber und irreredend. Umsonst bemühte ich mich, ihn zu erwecken und wieder zu sich zu bringen. Der Aermste litt entsetzlich, und, noch ehe der letzte Artschlag den Galgen vollendet — war er verschieden. Gott wollte, dass er sein kurzes Leben auf dem Kerkerstroh aushauchen sollte. Als warnendes Beispiel hing man ihn noch als Leichnam auf! Sieh! Dies war der Anfang meiner Reise. Tags darauf, erhob sich schon im Frühlicht, der Kirche gegenüber, das verhängnissvolle Gerüst. Und daran, gehüllt in ein weißes Laken, die Gestalt Desjenigen, der der Freund meines Herzens war. Bald, darauf rückten die Russen aus und hinterließen zum Andenken nur diesen Galgen. Gegen Mittag zog von der anderen Seite eine neue Insurgentenschaar heran. Ich trat hinaus, um sie mir anzusehen. Es war ein grausig rührender Anblick. Diese Leute gingen in den Tod, dem sie zum Opfer bestimmt waren, eine stille, kleine Schaar, mit einer nothdücftig zusammengehefteten Fahne, verstohlen mit einem Adler bemalt und an irgend einem Bannerschaft befestigt. Alt-Polens Söhne, schlecht oder gar nicht bewaffnet,, meist nur mit Lanzen oder Sensen, oder Stöcken mit einer Lanzenspitze! Auf ihrem Antlitze stand der Heroismus der Aufopferung, aber bleich und ohne Hoffnung. Sprachen sie mit den Leuten, so theilten sie Hoffnung Andern mit, für sich selbst aber hatten sie keine mehr. Wie die Gladiatoren des Circus konnten sie die Menge begrüßen mit: Moritiri vos salntant! Nur konnte Niemand es errathen, welche Art von Marter sie aus der Welt vertilgen sollte. Den Körper des gemordeten Jwas fanden sie schon vom Galgen abgenommen, das Gerüst aber stand noch mitten auf dem Marktplatze, als die neue Jnsurgentcnschaar in das Städtchen einzog. Der voranschreitend'e Anführer zog vor ihm die Czapka, wie vor einem christlichen Heiligenbilde. Die Anderen entblößten ebenso die Häupter. Ihr Schweigen war so feierlich, als sprächen sie ein Gebet. Die Einwohner schauten schüchtern hinter den Thüren hervor, aus halbgeöffneten Fenstern und aus allen Winkeln. Sie wagten sich nicht heran an die Schaar, obschon auch ihr Herz schlug für diesen armen weißen Adler, und ihr Auge, als es ihn erblickt, Thranen weinte der Freude und zugleich der Furcht. Traurige Vorgefühle erfüllten diese Leute; sie lasteten schwer auf ihnen, aber ihr Muth. verließ sie nicht. Dieser Handvoll freiwilliger Soldaten sah man es an, daß sie aus Ueberzeugung handelten, mit dein Gefühle und dem Verständnisse ihrer großen, obschon schweren Pflicht. Zu den Schaaren, die den Hauptführern nachdrängten, gehörte auch diese. Ueberall schloß sie sich der Energie und der Kraft an, deren Zauber sie anzog. Einige von ihnen ragten hervor durch Körpergröße und Würde, namentlich der Gesichtszüge. Man sah in ihnen deutlich die Märtyrer, die Kopf und Blut für die Idee der Freiheit einsetzten, die. obgleich gelästert von der Verleumdung und verdammt zur Verhöhnung, dennoch unerschrocken blieben. Soll ich erst noch be-