Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-01-25 · Heft 7 (25.1.1904) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 7 (25.1.1904)
Date
1904-01-25
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2449994--59959-2520808
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sonders versichern, daß dieser Anblick mich mit Mitleid und Mitgefühl und zugleich mit Ehrfurcht erfüllte? Vielleicht als Einer der Ersten trat ich, wahrend die übrigen Zuschauer noch schwankten, an den Anführer heran. Sein Gesicht erkannte ich schon von Weitem. Er war ein Freund von Jwas, in Warschau hatte ich ihn öfters gesehen, ein junger Mann von unbezwinglicher Begeisterung. Als er mich sah/ war er ganz erstaunt. „Herr! Wie kommen Sie hierher?" fragte er. „Ganz zufällig! Erst seit gestern bin ich hier!" „Was bedeutet dieser Galgen?" „Gestern waren die Rüsten hier," antwortete ich traurig. „Man erdichtete ihn für unseren tödtlich verwundeten Jwas! Aber der starb in der Nacht, und man h'ängte heute nur seinen Leichnam auf!" „Janek todt!" rief 8er Führer. „O. mein Gott! Einer unserer eifrigsten Führer, wer wird ihn ersetzen? Ich hörte, man habe sie gestern geschlagen, ich glaubte aber, er habe sich gerettet. Als ich ihn das letzte Mal sah und sprach, war er in fieberhafter Aufregung! Ein Opfer mehr für das Jahrbuch des Blutes!" sprach kopfschüttelnd der Führer! „Aber die.Opfer sind durchaus nothwendig. Wir verlieren weder den Muth, noch die Hoffnung. Die Rüsten sind weit verzagter, als wir. Hätten wir nur genug Waffen!" Unser Gespräch wurde bald unterbrochen. Die Schaar war bloß zur Verproviantirung in das Städtchen eingerückt und mußte sofort weiter ziehen. Einige Bürgersöhne und Knechte schloffen sich, ihr an. Der oder Jener suchte eine alte Waffe hervor, eine seit 183t vergrabene Lanzenspitze oder einen verrosteten Säbel! All dies wurde im Geheimen herausgegeben. Der. Nachbar sah sich den Nachbar an, ob er ihn später nicht etwa verrathe. Auch Lebensmittel wurden nur verstohlen gereicht, Geld nur durch die dritte Hand geopfert. Die angesehene Bürgerschaft hielt sich ängstlich verborgen. Trotz Thronen und Enthusiasmus empfanden sie Schreck und Furcht vor den Folgen. Ich sah diese Szene voll Rührung mit an und vergegenwärtigte mir einen der letzten Ausstände der Israeliten gegen die römische Macht. Alles mußte damals ganz ebenso gewesen sein. Die Schicksale unseres alten Vaterlandes wiederholten sich hier in einem treuen Bilde: dieselben Verfolgungen. Heldenthaten, Opfer und Schrecken; dieselben bleichen Märiyreranilitze. dieselbe Liebe zu Vaterland, Glauben und Freiheit! Durch Nichts war ich gebunden. Nichts hielt mich zurück; ich hatte und habe noch heute keine Zukunft. Alles stieß mich zurück. Die Idee, mit der ich zu den Mitbrüdern herantrat, fand keine Aufnahme. Vielleicht unterzieht sich ihr mit mehr Glück ein Anderer. Thränen erfüllten mein Auge, tiefe Rührung meine Brust. Und ehe ich mich versah, sprach ich zu mir selbst: Ich ziehe mit ihnen! Kann ich eines schöneren Todes sterben? Kann ich heiliger unter* gehen, als wenn ich die Blutschuld sür meine Brüder tilge? In jedem anderen Augenblicke meines Lebens hätte ich vielleicht noch geschwankt. Jetzt aber fühle ich in ihm solch' eine Leere, solch' einen Mangel an einem Ziel, solch' eine Unlust, daß ich bei diesem ersten Gedanken auflebte und mein Blut schneller kreisen fühlte. Verargt mir dies nicht und wundert Euch nicht darüber, daß ich, der ich Anfangs an diesen Aufstand nicht glaubte, und an diesen Appell an die Gewalt, der ich jeden Groschen für diesen Zweck versagte, ihm dennoch mich und mein Leben weihte. Niemals vermochte ich mich für die Revolution zu begeistern vor ihrem Ausbruche. Als aber das unglückliche Volk sich erhob, zu den Waffen griff, um ein neues Blatt der Verzweiflung mit seinem Blute in. das Buch der Geschichte zu schreiben, da hielt ich es für meine Pfiicht für meine Brüder, die Israeliten, in ihre Reihen einzutreten mit dem Rufe: Seht! Da bin auch ich ein.— Jude! Verdammt mich nicht und wollt mich recht verstehen! (Fortsetzung folgt.) »s- Neues Leben. Die Sonne ist schon längst hinabgestiegen Nach kurzen, kalten, düstern Herbstestagen, Kampfmüde, blutigroth, als wollt' sie sagen. Die Nacht droht über Sonnenlicht zu siegen. Und dennoch siegt das Helle Element, Es wächst der Tag, die Schatten werden g'ringer. Es wächst die Kraft dem Finsternißbezwinger Bis sieggekrönt es strahlt am Firmament. So ward einst einem Völkchen angst und bang. Es glaubte selbst an seinen Untergang, Hat sich schon stumm dem Schicksal übergeben. Da rief es angsterfüllt zu seinem Gotte, Der streckte hin der Frevler freche Rotte, Erhob sein Volk zu Glanz und neuem Leben. Ellwangen (Wrtbg.). Lehrer Heß. VeraniwortUÄr Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition bc-3 .Israelit" Schottstratze Nr. 2. Main». Druck und Verlag der Jo h. Wir th'siben HolbuLdmckerei Actien-Gelellschaft in Main-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.