Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1904)
- Date
- 1904-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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136 1896/97 war der Zufluß an Arbeitskräften ein unbeschränkter. Die Väter zogen ihre Kinder zu Hilfeleistungen heran, und so kam es, daß Kinder unter 1£ Jahren als Lehrlinge beschäftigt waren, trotzdem das Gesetz van Houten dies verbietet. Es wurde keineswegs darauf gesehen, daß der Lehrling eine gewisse Schulbildung besäße oder doch wenigstens ein paar Augen, die scharf genug >stnd, für das minutiöse Werk. So kamen eine Menge Analphabeten (die Schulpflicht besteht in Holland erst seit drei Jahren) und Schwachs.nnige in den Diamantenarbeiterberuf. Als nun die den Markt monopolisirende Dr. Veers Co. zu einer Einschränkung der Rohproduktion um hunderttausend Karat pro Jahr überging, wuchs die Zahl der Arbeitslcsen unter den Diamantarbeitern ganz erschreckend an. Der Diamantarbeiter-Meister-Vereinigung gelang es nun auf dem Kongreß zu Antwerpen 1897, den Beschluß durchzusetzen, daß das 14. Lebensjahr als Altersgrenze für die Zulassung eines Lehrlings zu gelten und daß ein Vereinsarzt die Augen auf Tauglichkeit zu untersuchen habe. Vor einer Prüfungskommission hat der Lehrling den Nachweis seiner Geschicklichkeit zu liefern. Lehrlingsregister, Diplome, Kontrollkommission für die Hausindustrie usw. wurden eingeführt. Die Anwendung dieser strengen, aber durchaus vernünftigen Maßregeln führte zunächst dazu, daß 700 von den zirka 1700 Lehrlingen im Jahre 1897 vom Berufe ausgeschieden wurden. Noch mehr. Es wurde beschlossen, wegen Ueberfüllung des Faches, überhaupt keine neuen Lehrlinge zuzulassen, bis ein neuer Kongreß die Zustimmung hierzu gäbe. Bis jetzt ist dieser Kongreß anläßlich der fortdauernden schlechten Lage des Faches noch nicht einberufen worden, und so hat thatsächlich seit den letzten Jahren kein Zuwachs au Lehrlingen im Diamantarbeiterfach stattgefunden. Von der Willensstärke, die zu einem solchen Entschluß nöthig war. kann man sich schwer eine Vorstellung machen. Vor allem verloren die „baasen" ihre billigen Arbeitskräfte, und dann wußten die Leute, die sich im Interesse der Gemeinschaft diesen Entschluß abrangen, nun nicht, was aus ihren Kindern werden sollte. Neunzig Prozent aller Diamantenarbeiter sind Juden. Sie betrachten das Diamantenarbeiterfach tradionell als eine Art Eigenthum. Thatsächlich werden in Amsterdam nur noch bei den Zigarrenmachern jüdische Arbeiter in größerer Zahl angetrossen. Zudem wird der Diamaniarbeiter mit ewa 40 Jahren zu der anstrengenden, feinen Thätigkeit unfähig. Er schlägt sich dann mühsam als kleiner Brillantenmakler durch, in der Hauptsache aber lebt er von der Unterstützung seiner Kinder, die. nun-.apch Diamntenarbeiter sind und einst das Gleiche von ihren Kindern erwarten. Der Ausschluß der Lehrlinge traf also direkt die Leute am härtesten, die ihn mit schwerem Herzen als nöthig erklärt halten. Der Beschluß wurde in Amsterdam streng durchgeführt: in Antwerpen, wo augenblicklich 800 Amsterdamer arbeiten, wurde er anfänglich zwar öfters übertreten, mit dem Stärkerwerden der dortigen Organisation aber auch dort strenger gehandhabt. In Newyork, das etwa 200 Amsterdamer beschäftigt, im Jura, St.' Claude u. s. w., in Paris (wo eia Türke Namens Ecknyan einige Armenier in der Diamantindustrie beschäftigt) und in Genua ist der Betrieb zu geringfügig, um für das Gesammtfach in Betracht zu kommen. Trotz der strengen Abschlnßmatzregel blieb in Amsterdam die Zahl der Arbeitslosen bis September 1899 durchschnittlich 200; sie schnellte in Folge des Burenkrieges im Januar 1900 auf 3600, bewegte sich dann bis Ende -901 durchschnittlich um 600, erreichte aber immerhin zuweilen eine Ziffer von 1400, 2500 und selbst 3000. Hierbei ist zu bemerken, daß als „arbeitslos" nur aufgeführt wird, wer eine volle Woche ohne jeden Verdienst war. Ein halber Tag Arbeit schon scheidet den Betreffenden aus der Kategorie der Arbeitslosen aus. Heute, wo sich die Zeiten entschieden gebessert haben, verzeichnet die gewissenhafte Statistik der Organisation immer noch 120 bis 130 Arbeitslose. Wie von Seiten des Organisationsvorstandes versichert wird, entspricht die Zusammensetzung dieses Häufleins, in Bezug auf Alter, Geschicklichkeit usw. genau dem Bilde der Gesammimasse der Diamantarbeiter. Aber gerade über die Gesammimasse gehen die Meinungen scharf auseinander. Von den 7400 organisirten Arbeitern stehen 5500 im Alter von 20 bis 35 Jahren. So sagt die Organisation. Die Arbeitgeber aber behaupten, daß eine viel größere Anzahl älterer und daher abgearbeiteter Leute dem Arbeitermaterial beigemengt sind, daß diese Minderwerthigen auf das ganze Fach drücken und immer mehr die Schwungkraft der Industrie lahmlegen werden. Wer recht hat, ist schon schwer zu entscheiden. Jedenfalls aber läßt sich der Zustand des künstlichen, vollkommenen Luftabschlusses auf die Dauer nicht erhallen. Die Juweliere sind durch das Erstarken der Arbeiterorganisation gewitzigt geworden. Sie haben sich ebenfalls zur „Juweliers-Vereinigung" organisirt und vor allem Anschluß an ihre Antwerpener Kollegen gesucht und gefunden. Sie verlangen die Einstellung von 750 Lehrlingen und haben den 1. Febr. mit dem Diamantenarbeitervorstand als Termin vereinbart, an welchem die Organisation ihre .Antwort auf dieses Ultimatum zu geben hat. Die Diamantarbeiter wollen nichts von dieser Forderung hören. Sie wollen sogar nicht einmal etwas von Verhandlungen wissen. Hoffentlich gelingt es dem Vorstazid des Diamantenarbeiterbundes, die Arbeiter zur Nachgiebigkeit zu bringen, aber ebenso sehr ist es zu wünschen, daß die Juweliere das Kategorische ihres-Tones herabstimmen. Denn sollte es wirklich "zuin StttÜ kommen, so bräche bei der strengen Organisation der zwei Parteien für beide Theile eine schwere Zeit an.