Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1904)
- Date
- 1904-01-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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109 Gespenstern gesprochen habe. — Präs.: Waren Sie an dem Abend, an dem Levi todtgeschlagen wurde, mit dem Angeklagten in dem Gasthaus zusammen? — Zeuge: Nein, nur vorher in der Schmiede. Zeuge glaubt, daß der Geselle auch mitgetrunken habe und daß es nur ein Liter Schnaps im Ganzen gewesen sei. Gastwirth Schütte erinnert sich nicht, daß Hahn von Gespenstern gesprochen habe, wohl habe er manchmal gesagt, daß er keine Ruhe habe. — Pfarrer Zanke bestätigt, daß der Angeklagte im Frühjahre 1903 bei ihm gewesen sei und ihm geklagt habe, daß „Teufel hinter ihm her" seien. — Kreisarzt Dr. König in Könitz hält den Angeklagten für verhandlungsfähig und hat aus dem bisherigen Verlauf der Verhandlung den Eindruck gewonnen, daß der Angeklagte bei Begehung der That im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte war. Es wird darauf zur Vernehmung des Angeklagten Hahn über die Vorgänge am 28. September und über die Anklage geschritten. Der Angeklagte gibt an: Als er am Abend des 28. September v. I. in die Gaststube kam. seien zwei zugereiste Fremde, ein Jude Abraham Levi und ein Fleischer da gewesen, sowie etwa 10—12 Leute aus Siegers. Es war dort ein großer Skandal mit dem Juden. Später habe er dem Juden eins auf den Kopf gegeben. Levi habe sie gefragt, ob sic Evangelische oder Katholische gewesen seien. Als er hörte, daß sie von beiden Konfessionen seien, habe er etwas gebrummelt, was die Leute noch mehr ärgerlich machte. Deßhalb habe er Levi mit der Hand auf die Kapuze, die derselbe auf dem Kopfe hatte, getatscht. Der Angeklagte Hahn gibt auf Befragen weiter an: Nachdem um 10 Uhr Feierabend geboten war. seien die anderen Leute weggegangen, nur er. der Jude und der Fleischer seien zurückgeblieben, und es sei der Nachtwächter hinzugekommen. Da der Jude wieder vor sich hinmurmelte, sagte Jemand, er solle ruhig sein. Nachher sagte der Jude, daß. wenn der Stifter der christlichen Religion heute zur Welt käme, er wieder gesteinigt werden würde. Das ärgerte uns sehr. Vergin packte ihn am Arm und schleuderte ihn herum, so daß er hinfiel. Dann schlug ihm Vergin mit seinem Rachtwächtcrftock einige „rübrr". Ich sagte: „Der Jude hat noch nicht genug, gib mir mal Deinen Stock her!" Da er mir den Stock verweigerte, langte ich mir den Stock des Fleischers aus der Ecke und gab ihm noch fünf bis sechs Schlage über den Rücken. Als er aufsteben wollte, hielten wir ihm den Fuß vor. sodaß er wieder umfiel. — Präs.: Davon fällt doch Niemand zur Erde; Sie sollen ihn „mit dem Fuß zur Erde gestoßen haben." — Angekl.: Nein, nur einmal schlug ich ihm mit der Faust auf das Gesäß. — Präs.: Sie haben aber am anderen Tage erzählt: von 10—12 Uhr haben, wir den Juden tüchtig verhauen, wohin es nur traf. Angekl.: Davon weiß ich nichts. — Präs.: Was geschah dann weiter? — Dann brachte der Wirth Levi in die Schlufkammer. — Präs.: Am anderen Tage ist der Jude — um den Ausdruck des Volkes beizubehalten — gestorben? — Angekl.: Ja. — Angekl. Bergin bestreitet entschieden, Levi geschlagen zu haben, das habe nur Hahn gethan. Vorher soll Hahn ihn auch schon gefragt haben, was er von Ernst Winter wisse? — Präs.: Hahn, weßhalb erzählen Sie das nicht selbst? — Angel!. Hahn: Ehe noch Feierabend geboten worden war. hatte ich den Juden am Rock gepackt und geschüttelt und gesagt: „Jude, bekenne mal. brauchen die Juden Ehristenblut!" Als er schwieg, sagte ich: „Weßhalb habt Ihr Ernst Winter geschlachtet!" Darauf sagte er: „Ja. der Stamm Abrom braucht Blut." Ich sagte: „Das verstehen wir nicht, rede deutsch!" Darauf erwiderte er: Abrom heißt auf deutsch Abraham. Gemeindevorsteher Mausold giebt Vergin ein gutes Leumundszeugniß. Er habe acht Kinder, ein neuntes solle unterwegs sein. Die Armuth sei sehr groß. Wenn er verurtheilt werden sollte, müßte die Gemeinde die Familie unterhalten. — Präs.: Wenn er schuldig ist. muß er verurtheilt werden. Eine Reihe Zeugen bestätigt die Vorgänge in der Gaststube. Abends wurde das obige Urtheil gefällt. Wcscl,- 18. Jan. Einen Markstein in den Annalen unserer altehrwürdigen Chewroh Kadischoh bildete die 125jährige Jubiläumsfeier, die zu begehen wir am E2«> m r>y das seltene Glück hatten. Am Vormittage besuchten die Mitglieder die Gräber der Gründer und einstiaen Angehörigen des Vereins. Den Festgottesdienst kn der Snnagoge, verbunden mit Jomlipvur-kotaun-Andacht. leitete Herr Lehrer Spier,' besten Predigt auf alle Zuhörer erbebend toirkte. Nachmittags 2'/. Uhr versammelten sich die Mitglieder und deren Frauen im vrächtig geschmückten Chewroh- Saale zum gemeinschaftlichen Festmahle. Große Begeisterung riefen die verschiedenen Trinksprüche mit Diwrethora gewürzt, bei der stattlichen Festversammlung hervor. Herr Lehrer S v i e r brachte in zündenden Worten das Kaiserhoch aus. Herr Licfm a n n legte in einer gediegenen Ansvrache die hohe und sinnige Bedeutung des an diesem Tage gestifteten Ehrenbechers dar. Er überreichte denselben dem verdienstvollsten Mitaliede. Herrn Meher David, der mebr als 20 Jahre den Verein musterhaft geleitet, zur Einseanuna. Wie der Name dieses Biedermannes als erster den Pokal ziert, so sollen fortan die Namen aller Üch gleiche Verdienste erworbenen Vorsteher auf demselben einaraviert werden. — Herr E. Benjamin toastete auf die Damen, ste bittend, ihre Ehegatten zum allabendlichen Besuche der Chebrah zu veranlassen. Auch die Zedokob bewährte sich wiederum alänzend beim Verkaufe des Tischaebetes, das den ansehnlichen Preis von 165 Mk. aufbrachte. . Viele anregende Worte ernsten und launigen Inhalts. sowie herrliche musikalisch-deklamatorische Vortrage, vereinigten die Mitglieder bis zur frühen Mor-