Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1904)
- Date
- 1904-01-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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107 scheint, ist dort und früher durch eine andere Pflicht verboten gewesen. Will man ein oberstes Prinzip aufstellen. so must dieses Prinzip formalistisch fein, denn sonst kann es nicht allen Erscheinungen des sittlichen Lebens gerecht werden. Aus diesem Grunde muffen wir es auch ablehnen, wenn man es versucht, in der Ethik des Judenthums ein sogenanntes oberstes Prinzip aufzustellen. Lazarus setzt als oberstes Ideal: Heiligung. Er ist aber gar nicht in der Lage, uns sagen zu können, was wir unter diesem Begriffe versteh«« sollen. Er sagt wörtlich: „Heiligung bedeutet zunächst ganz allgemein, dah wir das Leben ernst und tief nehmen sollen. Vieles ist wichtig, aber das Heilige ist das wichtigste. Alles, was gut und werthvoll, betrachten wir als unverletzlich, das Heilige aber ist das Unverletzlichste." Mit derartigen Definitionen kann man nichts anfangen. Ich möchte den gerne sehen, der aus ihr klug werden kann. Ich verweise dagegen auf die Auffassung S. R. Hirsch's vom Wesen der Kaduschoh, die das Tiefste ist, was uns bis heute über diesen Begriff gesagt worden ist. Steckelmacher in seinem Werke „Das Prinzip der Ethik" erblickt in dem Gebote „eine lebenerhaltende und fördernde Thätigkeit zu entfalten," das oberste Prinzip des Sittlichen. Wie er unter dieses Gebot alle ethischen Gebote subsummiren will, ist mir unerklärlich. Er hat nicht einmal den Versuch dazu gemacht. Wir sehen also, daß Kant dieses sein oberstes Prinzip nicht, wie man uns glauben machen will, a priori konstruirt hat, sondern sie gleichsam von den Handlungen abstrahirt hat. Und war wir aus. dieser Abstraktion gewonnen haben, ist so wenig, ist für das praktische Leben von so geringer Bedeutung, daß wir es absolut unbegreiflich finden, wie man in dieser Lehre das letzte Wort aller Ethik erblicken konnte. Es ist ja wahr und liegt in der Natur der Sache begründet, daß ein Mensch keine inhaltlich bestimmte Ethik geben kann, denn — und wir betonen dies mit umso größerem Nachdruck, als dies, wie wir gezeigt haben, von keiner Seite gebührend berücksichtigt wurde — dazu wäre es nöthig, daß der Mensch im Rathe Gottes gesessen hatte, als Er Seine Welt und Seine Menschheit erschaffen hat, daß er von Gott Aufschluß über die letzten Zwecke und Endziele Seiner Schöpfung erhalten hätte. Wir verstehen jetzt den Prophetenvers: „Mit wem hat Gott Rath gepflogen, und ihn belehrt und ihn gelehrt die Pfade des Rechts?" Da der Mensch die Ziele nicht kennt, so ist es mehr als selbstverständlich, daß er die Handlungen nicht vorschreiben kann, die ja nur diesem Ziele zuführen sollen, da er das Ende nicht kennt, wie sollte er den Weg angeben können. Er muß also nothgedrungen in einem Formalismus stecken bleiben. Damit aber begnügt sich das Judenthum nicht. Das Judenthum gibt eine inhaltlich bestimmte Ethik, die Lehre regelt das ganze menschliche Leben, keine Handlung ist gleichgültig, alles, alles fällt in den Kreis' der Gesetzeslehre, sie. begleitet den Menschen hinaus in. das öffentliche Leben, sie steht ihm zur Seite in seinem Heim, bewacht seinen Schlaf und ist der erste Gedanke, des erwachenden Menschen, sie regelt sein Handeln in und mit der Welt, sie erhebt ihre Stimme auf dem) Marktplatz und mahnt den Menschen, daß er seiner., Menschenwürde eingedenk bleibe, sie verleiht Weiheund^ Reinheit dem Leben im Hause, sie adelt die irdischen Begierden und schützt den Menschen vor Ueberdruß und Uebersättigung. sie begleitet den Menschen von der Wiege bis zum Grabe. Und sie allein kann blE sie. allein hat das Recht, das Menschenleben zu regeln, denn sie kennt den Zweck des Lebens, denn sie ist Zweck des .. Lebens. Für Seine Lehre hat Gott Seine Welt er-' schaffen, sie war, wie unsere Weisen es ausdrücken, das zeitlich Frühere, sie war gleichsam das Werkzeug, wo? mit Gott die Welt erschaffen iwoirr ^2 nivn mim rfzya Sr und zugleich dasjenige, wofür Er sie erschaffen. Verneint man die Lehre, so verneint man gleichzeitig das Dasein und verfällt in eine Krankheit, die unsere Gegenwart gezeitigt, von der man nur durch die jüdische Lehre geheilt werden kann. ‘ ' Doch bevor wir darauf eingehen, wollen wir noch ' zu zeigen versuchen, wie Kant selbst von der Unhaltbarkeit seiner Lehre überzeugt war, und um sie zu stützen, zum Gottesgedanken greifen mußte, wodurch wieder seine ganze.Lehre überflüssig geworden Ist. ' ' - (Fortsetzung folgt.) ' , Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 10. Jan. Nachfolgend sei die Rede des Herrn Gustav Löwenberg, Vorsitzender der Re-. präsentanten-Versammlung der Berliner Gemeinde). wiedergegeben, die derselbe bei der 25jährigen Jubel-' feier des Herrn Julius Jacoby gehalten. . /. Hochgeehrter Herr Jubilar! Der heutige Tag ist ein Freudentag für die jüdische Gemeinde von Berlin,' da es ihr vergönnt ist, die Feier der 25jährigen Wiederkehr jenes Momentes zu begehen, wo Sie,- hochverehrter Herr, in die Gemeindeverwaltung eingeireten -3»j; sind. Ich preise es als einen besonderen Vorzug,- daß ' ich als Erster hier das Begriißungswort an Sie richten darf, an der Stelle, wo Sie während Zeines Viertel-' - - jahrhunderts mit nie ermüdender Thatkrafi,. beseelt-r-ivon warmer Liebe zu unserem altehrwürdigem Gottes^ ur<: glauben, im Dienste der Vertretung unserer Glaubens-(' '' genossen, zum Segen und zur Wohlfahrt deS gesammten Gemeindekörpers gewirkt haben und mit