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Der Israelit · 1904-01-21 · Heft 6 (21.1.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 6 (21.1.1904)
Date
1904-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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106 Gott Gutes und Böses etUw..* jan werde!.- Es ist ein gefährlicher Jrrthum anzuvhmen. daß weil wir heute einige Jahrtausende nach der Offenbarung dazu gelangt sind, die meisten göttlichen Gebote als gut und-sittlich anzuerkennen, wir sie auch ohne diese Offenbarung als gut und sittlich erkannt hätten. Wäre die Offenbarung gar nicht oder in anderer Weise erfolgt, so hätte unser ganzes a«Ares und wahrscheinlich auch unser inneres Leben eine andere Wendung genommen. Es ist eine müßige Frage und praktisch von gar keinem Belang, die Entwicklungsmöglichkeiten unseres Lebens ohne Offenbarung auszumalen. Wir vermögen aber auch gar nicht einznsehen, warum die ay und für sich sittliche That aufhörrn sollte, sittlich zu sein, weil sie Gott befiehlt. Nehmen wir einmal an, daß es einen Menschen gibt, dessen Verstandskräfte nicht so sehr entwickelt sind, daß er aus sich heraus in allen Lagen des Lebens das Gute und Richtige, das Wahre und. Sittliche erkennen kann und dieser Mensch zu einem anderen das Vertrauen hat. daß er ihm den richtigen Weg zeigen kann und so in allen schwierigen und verwickelten Lagen des Lebens dessen Rath sich einholt und ihn befolgt; — ist dieser Mensch darum nicht sittlich? Handelt der Schüler nicht weise und gut, wenn er auf die Stimme des Lehrers hört? Handelt der Jüngling nicht sittlich, wenn er sich von Aelteren bcrajhen läßt? Lüahrlich, es liegt in dieser Selbsterkenntniß u..d in dieser weisen Selbstüberwindung weit mehr Sittlichkeit, als in der eitlen Selbstüberhebung, die weise zu sein sich dünkt, weil sie keine Gottheit kennt. Und sind wir nicht immer noch Kinder, die der Belehrung bedürfen, sind wir nicht trotz unserer vielgepriesenen Erfahrung noch immer so unerfahren, daß wir häufig uns gegenüber, den einfachsten Dingen ganz rathlos finden? Haben wir es mit unserer ganzen Klugheit so weit gebracht, daß wir in allen Lagen des Lebens auf die Frage: Was sollen wir thun? Antwort zu geben vermögen? Und haben wir es mit all unserer Philosophie so weit gebracht, eine klare Antwort über den Zweck der Welt, über den Zweck unseres eigenen Daseins geben zu können, daß wir es für überflüssig erachten könnten, den Rath und die Weisungen desjenigen Wesens einzuholen, der allein auf diese Fragen antworten kann, weil er die Welt und uns erschaffen? Trotz der angestrengten geistigen Thätigkeit unzähliger Generationen ist es uns nicht gelungen, den Schleier, der über diesen letzten Fragen des Seins gebreitet ist. zu lüften. Vage Vermuthungen sind alles, was man uns als positive Antworten anpreifi, die wohl die Phantasie zu beschäftigen vermögen, aber den Verstand nicht befriedigen, die nichts sind, als Gedankendichtungen, die den Verstand für kurze Zeit einzuluflen . im Stande sind. Die größten Männer, die. darum auch die bescheidensten waren, haben ein »Jgnorabimus" als Antwort hinter all diese Fragen gesetzt und damtt bezeugt, daß unserem Verstände Grenzen gesetzt sind, die er niemals überschreiten wird. Und da sollten wir es nicht für nöihig erachten, uns unseren Weg vorschreiben zu lassen von Gott, der allein wissen kann, für welche Zwecke Er Seine Wett erschaffen, für welche Zwecke Er uns erschaffen? Wie könnten wir vernünftig handeln, wenn wir über die Zwecke, die wir mit unserem Handeln fordern sollen, im Unklaren sind, wie vernunftgemäß schaffen, wenn wir die Ziele, denen wir mit unserem Schaffen dienen sollen, gar nicht kennen, wie gut und sittlich wirken, wenn wir nicht wissen, wofür wir letzten Endes wirken sollen? Und wirklich kommt selbst die Kant'sche Ethik über einen Formalismus nicht hinaus. Es ist ein häufig erhobener Vorwurf gegen die Kant'sche Ethik, daß der von ihr geprägte Begriff der Pfticht für das ethische Leben unfruchtbar ist, und auf die Kardinalfrage aller Ethik: „Was sollen wir thun?" keine Antwort ertheile. Nun ist dieser Vorwurf vom Standpunkte Kant's aus keiner, er richtet aber alle Bestrebungen, die darauf ausgehen, eine Ethik ohne Religion zu begründen. Für eine jede derartige Ethik ist es unmöglich, eine inhaltlich bestimmte Ethik zu geben, denn das würde voraussetzen, daß sie über den Zweck des menschlichen Seins und des Seins überhaupt unterrichtet sei. Ihr kann es sich nur darum handeln, aus dem Leben der vorhergehenden Generationen und aus ihren Handlungen ein Gesetz zu konstruiren für das Leben der nachfolgenden Geschlechter. Sie nimmt also dasjenige, was allen Handlungen der Früheren gemeinsam war, als das an. was sittliches Gesetz sein soll. Nun sehen wir aber, daß fast überall und fast zu allen Zeiten die ethischen Urtheile eine verschiedene Anwendung erfuhren. Was dort und früher als gut. löblich — als ethisch zulässig galt, wird hier und jetzt als böse, verwerflich — als ethisch unzulässig verdammt. Es wäre daher unmöglich, aus diesen Erfahrungen heraus — und nur darum kann es sich handeln — das Wollen der Menschen inhaltlich zu bestimmen. Die Inhalte wechseln immer, entweder nach den wechselnden äußeren Umständen, oder nach der gesetzmäßigen Entwicklung der Menschheit. Dieser Veränderung sind jedoch nur die Inhalte des Sittlichen unterworfen. Ueber diesen Inhalten und unabhängig von ihnen steht die Form des Sittlichen, die in starrer Unveränderlichkeit ewig besieht und das Kriterium des Sittlichen bildet. Der Maßstab war in Wirklichkeit hier und dort, jetzt und früher der gleiche. Man beurtheilt nur. ob und inwiefern der Mensch seiner Pflicht Genüge geleistet. Faßte man auch die Pflicht verschieden auf, so lag doch der Gedanke an sie der sittlichen Beurtheilung zu Grunde. Die verschiedenen Auffassungen über das Wesen der Pflicht sind durch die immerwährend wechselnden Bedürfnisse bedingt. Was hier und jetzt als Pflicht er-

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