Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1904)
- Date
- 1904-01-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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103 »No! Stuboi! Marsch hinaus! Jetzt habt Ihr genug geschwatzt.- »Mein Jonek!" rief Jakob noch einmal, ohne den ihn fortzerrenden Soldaten zu beachten. „Jetzt naht das letzte Lebewohl! Das letzte Wort! Umarme mich!" Der Wahnsinnige richtete sich etwas auf. legte die Arme mechanisch um Jakob's Nacken und ries schluchzend, plötzlich bei voller Besinnung, kühl, aber mit unbeschreiblichem Ausdrucke: „Mein Vaterland!" Dann sank er wieder auf das Stroh und lachte und weinte zugleich, als der Feldwebel Jakob an der Schulter packte und geradezu zur Thür hinausstieb. Draußen erwartete ihn schon Schnappauf. Sie wollten gehen, der Feldwebel quälte sie aber noch so lange, bis er noch ein Trinkgeld abgepreßt. Dann erst ließ er sie los. Schweigend kehrte Jakob nach Jankiels Hause zurück. Ohne den dienstwilligen Führer aber hätte er sich kaum zurecht gefunden, so grabesstill und dunkel war es überall. Trotz später Nacht und tiefen Schweigens aber wurde auch in der Stube des alten Jankiel eine leise, geheimnißvolle Unterhaltung geführt. Der Wache haltende Jude warnte Jakob, einzutreten. Spät erst, als er auf der Treppe die Schritte eines langsam hinabsteigenden Mannes hörte und sich zu dem Alten begeben wollte, trat Jankiel selbst bei ihm ein. Der Alte war. bleich, aufgeregt und nachdenklich. Er fragte: „Wart Ihr bei dem Verurtheilten?" „Ja wohl!" antwortete Jakob. „Welch wunderbarer Zufall! Ich fand in ihm denselben jungen Mann, einen Freund wieder, den Ihr einst mich retten halst!" Jankiel rang die Hände. „Aber," fuhr Jakob fort, „schon bewußtlos, wahnsinnig, im heftigsten Fieber. Dieses verzehrt und der Wahnsinn beherrscht ihn. Kaum kannte er mich, und sprach von Dingen, die mir das Herz zerrissen! Ich wollte irgend ein Vermächtniß von ihm entgegennehmen — die arme Waise hatte mir aber nichts zu sagen. Sein letztes Wort war: Mein Vaterland!" Beide schwiegen. Jankiel theilte Jakob von seiner langen Unterredung mit dem Obersten gar nichts mit. So saßen sie und quälten sich ab. wie Leute, die sich kein Wort sagen dürfen und sich doch nicht trennen können. Die Nacht war still und dunkel. Nur die Wächterrufe schallten durch das Städtchen, ab und zu auch dumpfes Waffengeklirr. Vom Marktplatze her vernahm man Stimmen und ein dröhnendes Pochen. Vermuthlich errichtete man dort den Galgen. Nach einigen Stunden erst konnte es Tag werden. Aber das Pochen hörte nicht auf. -- — * »Komm'!" sprach endlich Jankiel. „Nicht ziemt es sich, zu schlafen in solcher Stunde! Mag Kindern noch der Schlummer die Augen verschließen — wir Männer müssen beten! Nimm das Buch und lies die Geschichte Jsrael's, um zu erfahren, daß nicht zum ersten Male die Rechte Gottes durch Barbaren und durch die unverständige Menge die Sünder züchtiget!" So harrten sie freiwillig, bald lesend, bald schlaf- - trunken, bei den nach und nach aufbrennenden Kerzen bis zum Morgengrauen aus. Das Dämmerlicht drang verstohlen durch die Fenster. Noch immer aber vernahm man das eintönige Pochen der Aexte. Endlich hörte auch dieses ganz auf. Der Galgen stand bereit. Durch bas Fenster sah man zu dem im Osten immer Heller werdenden Himmel, mitten auf dem Markte einen hohen Galgen aufragen. — Noch vor vollem Anbrechcn des Tages erhob sich Lärm im Hause. Man hörte Geschrei und. Schimpfen, Drohungen und Verwünschungen. Ein Jude kam nach oben und meldete bestürzt, der verwundete Gefangene sei in der Nacht gestorben; daraus sei ein großes Getümmel entstanden; denn der Galgen sei fertig und könne doch nicht leer stehen, sondern fordere sein Opfer. Noch bevor es ganz hell geworden, hing daran schon Jwas' Leichnam. An demselben Tage, da Jakob früh morgens gewarnt. sich aus seiner Wohnung entfernte, kehrte Herr Heinrich gegen Mittag heim, um zu frühstücken. Um diese Zeit pflegte er mit seiner Frau sich zu besprechen, wenn auch oft nur auf einen Augenblick. Des Abends trafen sie sich nicht immer, und des Morgens fuhr Heinrich aus, ehe seine Frau aufgestanden war. Thilda war seit der letzten Unterredung mit Jakob etwas ruhiger geworden und erschien sogar an diesem Tage gesünder. Denn sie hatte geröthete Wangen.' „Wahrhaftig! Ich bin heute recht besorgt," begann Heinrich, nachdem er sich zum Frühstück niedergelassen. „Mir scheint, daß mein Kummer auch Dich angeht!" Tilda erhob das Haupt. «Weißt Du. heute früh ist, wie ich erfahren, das in Erfüllung gegangen, was Mann schon längst vorhergesagt. Jakob soll schon verhaftet sein!" Tilda wandte sich lebhaft zu ihm und rief erbleichend: „Wie? Er verhaftet?" „Sieh da! Wie Dich das doch aufregt!" bemerkte erlachend. „Ja! Sehr! Daraus mache ich gar kein Geheimniß. Aber sprich doch!" >> „Es muß ihn Jemand noch zu rechter Zeit gewarnt haben. Es fand nur eine strenge Haussuchung statt. Jakob selbst aber ist glücklich'kdtkdMMeu^ „Wohin denn?""