Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1904)
- Date
- 1904-01-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2449992--59909-2520756- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
104 »Das weiß ich nicht!" »Ich athme wieder auf!" rief Tilda. »Weißt Du weiter gar nichts von ihm?" »Nein! Er wird aber, glaube ich, nachdem er sich einen Paß verschafft, über die Grenze gegangen sein. Welch' sonderbarer Mensch! Ich konnte ihn niemals begreifen!" Tilda lächelte schmerzlich. Heinrich fragte fast beleidigt: »Findest Du dies so natürlich?" »Allerdings!" erwiderte Tilda ruhig. »Zwei verschiedenere Charaktere, als Ihr Beide seid, gab es und wird es niemals wieder geben auf der Welt! Was Wunder, wenn Ihr Euch gegenseitig nicht begreifen könnt?" „Cfest tres üatteux pour moi“, sagte Heinrich und runzelte die Brauen. »Aus diesen Worten könnte ich für mich durchaus nicht angenehme Schlüffe ziehen! Hat sich dieser von mir so verschiedene Mann Deine volle Sympathie erworben, was kann dann mein Antheil sein?" „Lassen wir dies Thema." erwiderte Tilda kühl. »Du kennst meine Gefühle für Dich! Mehr brauchst Du nicht und mehr zu erlangen bemühtest Du Dich auch nicht!" „Uebrigens vermuthe ich..." Sie schwiegen einen Augenblick. Heinrich erhob sich, sah nach der Uhr, verneigte sich, schritt nach der Thür, wandte sich aber plötzlich wieder um und sprach sichtlich verletzt: »Meine Theure! Wenn Du dieses Lebens mit mir schon allzu überdrüssig geworden, so sag' es grad heraus. Ich möchte länger nicht die Ursache geheimer Klagen oder Qualen sein!" Tilda schaute ihn würdevoll an, matz ihn mit Blicken, faltete die Hände und stand schweigend vor ihm. Dann fragte sie: »Sollte das etwa eine Andeutung sein, daß Du durch mich leidest?" „Natürlich!" entgegnete Heinrich nach einer Pause, etwas verwirrt. »Schon der fortwährende Anblick solch' einer Bildsäule stillen Schmerzes, wie Du es bist, kann mir nicht angenehm sein und mir kein Glück bringen. Aber Du wirst mir zugeben, daß ich dies ritterlich ertrage!" . „Hast Du mir irgend etwas vorzuwerfen?" fragte sie.— »Ja! Deine Traurigkeit! Dein finsteres Antlitz. Du bist augenscheinlich nicht glücklich!" »So fühlst Du Dich also durch mich gekränkt, daß mich selbst die Ehre, Deine Gattin zu sein, nicht zur Glücklichsten auf Erden machte? Was soll ich jhun, mein Theurer? Ich kann mich nicht andern, und Dir wird es nicht gelingen, ein Anderer zu werden! Und doch sind wir mit einander verbunden durch ein Gelübde vor dem Antlitze Gottes, durch welches wir uns verpflichteten, aus einem Kelche zu trinken, was auch das Loos uns einschenke, sei es Nektar oder — Wermuth!" Heinrich zuckte die Achseln und blickte sie an. Sie war so marmorkalt, aber ruhig und sanft. Er riß die Thür auf und ging hinaus. Der Wagen hielt vor der Rampe. Er fuhr geradewegs zu Frau Wtorkowska. Das Fräulein war noch allein, aber schon bereit zum Empfange von Gästen. Sie war in schönster Toilette, duftig und in jenem Humor, der sie so anziehend machte im Salon. Vertraulich bot sie Heinrich die Hand. »Wissen Sie etwas Neues, liebes Fräulein?" fragte er. »O, daran fehlt es nicht. - Aber was meinen Sie?" »Jakob mutzte flüchtig werden!" „Wie sollte ich davon nichts wissen! Wären nicht unsere Verbindungen mit Sofronow, mit dem Grafe», ich hätte mich halbtodt geängstigl Man umzingelte das Haus, man hielt Haussuchung! Ich erwachte auZ dem Schlafe von all' diesem Waffengeklirr und Treppenlaufen der Polizei. Der arme Herr Jakob wird gar noch zum Helden!" . „Wir Alle sagten ihm dies Ende voraus!" Beide zuckten die Achseln. Dann fuhr er fort: „Wie oft bemüht' ich mich, ihn zu bekehren. Aber er ist zu excentrisch! In Gegenwart der Russen sagte er immer, was ihm in den Sinn kam! Sie aber lieben dies nicht; sie verlangen sogar, man soll seine Ueberzeugungen aufgeben und sich demüthigen vor ihrer Macht. Ich bedauere Jakob, aber bei ihm war niemals auf morgen zu rechnen!" Jetzt erschienen auch andere Gäste. Zunächst Man», der erschöpft auf einen Fauteuil sank; später einige Gemäßigte und mehrere aus der Schloßgesellschafi. Sie Alle flüsterten sich etwas über Jakob in das Ohr. »Ich mutz gesteh'n," sprach Mann zu seinen Vertrauten. „ich freue mich fast, daß wir ihn los geworden sind. Er war eine kompromittirende Erscheinung. Niemand wußte, zu welchem Lager er gehörte. Man konnte sich nicht auf ihn verlassen; er hörte auf Niemanden, er sprach und redete viel zu viel!" »Aber er war durchaus kein Revolutionär!" sagte \ ein Anderer. »Was denn sonst?" fragte Mann. »Ich weiß es nicht! Für die Regierung war er auch nicht, und ebensowenig für uns. Er war eben — er selbst! Solche Leute fallen stets ihrer dummen Individualität zum Opfer. Na! Wir wollen nur hoffen, daß ihm dort nicht etwas Schlimmes paffirt!" (Fortsetz, folgt.) £S2 Verantwortliche Redaction: OScrtr Lehmann in Mainz. — Expedition de4 ^Israelit*. Schottstraße Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Job. Wirt decken Hofduchdruckerei Actien-Gesellschast in Mainz.