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Der Israelit · 1904-01-18 · Heft 5 (18.1.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 5 (18.1.1904)
Date
1904-01-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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102 „Ger Niemand Hab' ich! Die Mutter ist langst gestorben — und sie war die Letzte! Ich war noch klein, und es war nicht einmal so viel da, um ihr ein Grabmal zu setzen. Steinchen trug ich zusammen und legte sie ihr darauf. Den Vater habe ich gar nicht gekannt; er war noch vor ihr gestorben! Geschwister hatte ich nicht! Die Verwandten kümmerten sich nicht um mich. Ich war zu arm! Ich habe Niemand! So viele Brüder und doch nicht einen Bruder! Niemand! Saget denen, die noch übrig sind, als meine letzten Worte: Auf in den Kampf!- „Weiter nichts? Niemandem?- „Niemandem!- sagte Jwas leiser, indem er allmählig wieder etwas zu sich kam. „Niemand! Ja! Wozu denn? Ich habe ja Niemand mehr auf der Welt! Und doch! Wahrhaftig! Hör mich an! In Grzybowo, weißt Du, in dem altersgrauen, schmutzigen. elenden Steinhause, da sitzt im vierten Stock, im kleinen Stübchen. ein Mädchen! Sie schaut vielleicht mit verweinten Augen oder träumerisch durch das Fensterchen. Das ist die Maruschka. die arme Wäscherin! Ja! Nur eine Wäscherin! Aber einst in einem anderen Leben war sie unfehlbar eine Königin, obschon sie dies schon ganz vergessen hat! Vielleicht hat sie mich geliebt! Sag' ihr, daß ich an sie noch vor meinem Ende gedacht. Sie hat mir von ihren letzten zwei Hemden zwei fertiagenäht und mit auf den Weg gegeben! Wahrhaftig! Sie hat ganz zerstochene Finger, aber eine reinleinene Seele und ein Engelsherz! Oder sag ihr lieber doch nichts! Vielleicht hat sie mich schon vergessen, oder sich getröstet mit einem russischen -Offizier! — Das arme Kind!" „Jwas!" rief Jakob. „Jeden Augenblick kann man kommen, mich von Dir vertreiben! Wir sehen uns zum letzten Male im Leben! Nimm Deine Gedanken zusammen. Du hast vielleicht doch noch etwas zu überliefern, zu erfüllen, anzuordnen!" „Ja! Ich Hab' etwas!" sprach Jwas stöhnend. „Rache! Rache! Ab.er wem wirst Du sie überlassen? Sie ist so heiß, wie glühende Kohle, und wer wird sie in die Hand nehmen? — Rings ist es öd und leer — ein Riesenkirchhof, eine menschenleere Wüste. — Da tanzen sie auf frisch aufgeschütteter Erde! Und unser Dorfgeiger, ja der Unsere, spielt den Bären zum . Tanze auf! Und der Herrgott schaut ihnen zu aus dem Himmelsfenster, dreht sich den Bart und klatscht in die Hände!" „Aber Jwas! Ich beschwöre Dich! Nimm doch Vernunft an! Sammle Dich!" „Was soll ich sammeln? Gibt es denn keine Menschen mehr? Ja, aber sie sind nicht da! Nur ein Häuflein, eine Handvoll. Ich hoffte auf Tausende, und es kamen kaum Hundert. Aber bin ich daran schuld? Ich mußte mich schlagen! Wir schlugen uns mannhaft bis in den Tod und brachen Einer nach dem Andern zusammen! Jetzt ist's Ruh! Auf ewig! Towianski behauptet, wir ziehen eine neue Haut an! Wenn es nur keine russische ist — dann, dann möchte ich lieber gar nicht wieder aufleben!" Umsonst waren alle Bemühungen, ihn in das Bewußtsein zurückzurufen. So oft ein gesünderer Gedanke auftauchte, verscheuchte ihn wieder der zunehmende Schmerz. Dann pfiff er, warf sich hin und her. verlor die Besinnung und ließ den grausig irren Blick in der dunklen Stube umherschweifen. Gewohnt, zu schweigen, verstopfte er sich den Mund mit dem Rocke oder mit Stroh, um nicht laut aufzuschreien — ein herzzerreißender Anblick. „Willst Du vielleicht den Priester haben?" fragte Jakob, der selbst religiös, ein Verständniß hatte für das Vedürfniß, vor dem Tode mit .der Seele sich Gott zu nähern, zu dem sie zurückkehren soll. „Den Priester?" fragte 'Jwas! „Es war einer in unserer Schaar, ein strammer Frater. Aber eine Kugel traf ihn in die Stirn und er brach zusammen. Was soll ich übrigens mit dem Priester? Gebeichtet Hab' ich nicht seit langer, langer Zeit, seit mich die Mutter die Hände falten ließ zum Gebet. Wozu also? — Und außerdem. — Was wird mir der Priester sagen? Nach dem Tode brauche ich nichts mehr. Und ich starb ja dort im Walde bei den Unseren! Das weißt Du ja! Hier brachten sie doch nur einen Leichnam her. Mögen sie ihn aufhängen und begraben! Daß er nicht wieder auflebt — dafür bürg' ich Dir! — Sag' aber Maruschka, daß ich ihr Hemdlein anhatte, und ihr Tüchlein um den Hals und die Medaille, die sie mir gab. mit der Madonna aus Czenstochan! Aber auch sie half mir zu nichts — sie mordeten mich doch?" Jakob kam es in den Sinn, ihn mit irgend etwas zu ermuntern. Er zog aus d-r Tasche ein Fläschchen eau de Cologne und rieb ihm damit die Schläfen, netzte ihm die Lippen und begoß ihm die Stirn. Aber auch dies half nichts. »Ich fthe. Du parfumirst mich!" rief er mit wildem Lachen. „Ich komme aber nicht zum Abend. Mein Frack ist versetzt und Eure Elegants kann ich nicht leiden, die in den Zähnen stochern, ohne etwas gegessen zu haben! Was soll mir dies? Ich denke nicht daran, zu tanzen, außer einen Kosak mit den Kosaken!" Bei diesen Worten sank er auf das Stroh zurück und redete immer verwirrter. Einzelne Worte entrangen sich seiner Brust aus Volksliedern oder Kriegsgesängen, oder Bruchstücke alter Gebete, oder Verwünschungen, alles durcheinander und mit grausem Hohn. Jakob stützte ihm knieend das fieberglühende Haupt, als der Feldwebel eintrat, ihn beim Aermel erfaßte, schüttelte und rief:

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